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Finnland: SMS-Dauerflirt mit Erotiktänzerin kostet Außenminister das Amt

Von Liisa Niveri

Finnlands Außenminister Kanerva muss wegen einer SMS-Beziehung zurücktreten: Mit seinem Diensthandy soll er rund 200 Botschaften an eine 29-jährige Stripperin geschickt haben. Und er ist offenbar nicht der einzige finnische Politiker, der sich daneben benahm.

Hamburg - Das Ende verkündete Jyrki Katainen, der Vorsitzende der Nationalen Sammlungspartei, an diesem Dienstag über ein Internetportal. Finnlands Außenminister Ilkka Kanerva könne sein Amt nicht weiter ausführen, weil er nicht länger "das Vertrauen und den allgemeinen Respekt" genieße. Als Nachfolger habe die Parteiführung den EU-Parlamentarier Alexander Stubb vorgeschlagen.

Der geschasste Politiker selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen - er hatte sich krankgemeldet.

Ilkka Kanerva: Abgang nach Erotikaffäre
REUTERS

Ilkka Kanerva: Abgang nach Erotikaffäre

Man kann den Absturz des Politikers fast als Ende mit Ansage bezeichnen: "Ich möchte meine eigenen Grenzen testen, und manche Grenzen der Verrücktheit habe ich noch nicht ausprobiert", hatte Kanerva 1988 in einem Interview gesagt. 20 Jahre später ist er Außenminister seines Landes - und scheitert an seinem Schritt über die Grenzen der eigenen Verrücktheit .

Im Januar hatte der 60-Jährige, liiert mit der 22 Jahre jüngeren Elina Kiikko, im Flugzeug eine noch jüngere Frau kennengelernt - die 29-jährige Tänzerin Johanna Tukiainen. Rund 200 Botschaften soll er ihr mit seinem Diensthandy geschickt haben. Ein Journalist der "Helsingin Sanomat", der größten finnischen Tageszeitung hat ausgerechnet, wie viel Zeit das Senden von 200 SMS-Textmitteilungen in Anspruch nimmt, und er kam auf zwölf Stunden.

Anfang März hat die Erotikkünstlerin die Botschaften des Ministers an die Klatschzeitschrift "Hymy" ("Lächeln") verkauft - und damit einen Eklat ausgelöst, auch wenn das Magazin noch keine der Nachrichten im Wortlaut zitierte. Aber die Empörung war groß, weil Kanerva 2005 schon einmal mit einem SMS-Skandal aufgefallen war und sich im Parlament eine offizielle Rüge eingefangen hatte.

Das Klatschblatt "Hymy" druckt 24 SMS-Nachrichten ab

Im aktuellen Fall habe "Kanerva den Parteimitgliedern zunächst erklärt, es handle sich nur um Dienstangelegenheiten. Und er hätte bloß auf die SMS geantwortet, die ihm geschickt worden seien", erklärte "Hymy"-Chefredakteur Esko Tulosto gegenüber SPIEGEL ONLINE. Noch heute sollen 24 der Textnachrichten veröffentlicht werden, "um den Gerüchten ein Ende zu setzen". Es gehe dabei nicht um die Inhalte selbst, sondern um die politische Glaubwürdigkeit des Außenministers.

Kaum ein Thema hatte die Finnen in den letzten drei Wochen so beschäftigt wie Kanervas Eskapaden. Was werden die SMS über den Minister verraten? Hat Ilkka Kanerva seine Parteimitglieder und die Öffentlichkeit belogen? Was bringt einen Menschen in einer verantwortungsvollen Position dazu, sich fortwährend derartig danebenzubenehmen?

"Ich denke, Kanerva hat eine Zwangsneurose, eine Abhängigkeit, die behandelt werden sollte", sagte die bekannte finnische Schriftstellerin Anja Snellman im finnischen Fernsehen. Wer so hinter den Frauen her ist, ist ein Sexsüchtiger." In höheren Positionen könne man sich solche Neurosen nicht leisten, meinte Snellmann, weil man dadurch auch politisch steuerbar sei.

Kanerva gilt als ein charismatischer Politiker, bei Parteikollegen wie Bürgern beliebt, weil er in Gesprächen gut zuhören kann, weil er hält, was er verspricht, weil er Politik gern in anschaulichen Bildern aus der Welt des Sports erklärt. "Ich habe nie richtig gearbeitet", plauderte er einmal in einem Interview aus. "Ehrlich gesagt, kann ich mir auch keine Arbeit vorstellen, die ich machen könnte. Im Notfall könnte ich als Sportreporter zum Rundfunk gehen".

Fehltritte finnischer Politiker

Finnen haben traditionell viel "sisu" - Geduld - mit ihren Politikern. "Wir sind das ganze Jahr mit den privaten Wirrungen und Irrungen der Minister beschäftigt", sagte ein langjähriges Regierungsmitglied vergangene Woche. Damit meinte er nicht zuletzt auch Premier Matti Vanhanen, dessen Ex-Freundin Susan Kuronen im Februar 2007 allerlei private Vorlieben des Politikers in ihrem Buch "Die Braut des Premierministers" ausbreitete. Spätestens seit diesen Enthüllungen muss der Wähler bei Vanhanen nicht etwa an die wirtschaftlichen Erfolge des Landes denken, sondern an Partnerbörsen im Internet und Sex nach der Sauna.

Auch das scheint kein Ausnahmefall zu sein: Das finnische Parlament hatte Anfang des Jahres eine Untersuchung über sexuelle Belästigung im eigenen Haus durchgeführt. Dabei kam heraus, dass überraschend viele Frauen sexuell belästigt worden sind. Die Täter waren in 40 Prozent der Fälle Abgeordnete. Fast so häufig war der Täter ein direkter Arbeitskollege des Opfers.

Zurzeit arbeitet man an neuen Regeln zur Gleichberechtigung im Parlament, die beispielsweise festlegen, an wen man sich wenden kann, wenn man belästigt wird. Die Fernsehjournalistin und Ex-Abgeordete Lotta Backlund schrieb in einem Gastbeitrag für ein politisches Magazin, dass sie nie sexuell belästigt worden sei - bis sie ihr Mandat im Parlament antrat. Nie habe sie vorher darauf achten müssen, wann und mit wem sie im Aufzug fährt.

"Kanerva repräsentiert den alten Typus eines finnischen Politikers - der glaubt, er dürfe machen, was er will", sagte die Gesundheitsexpertin Kristiina Patja zu SPIEGEL ONLINE. Und warum haben sich die Frauen nicht schon früher gewehrt? "Weil sie Angst vor Repressalien hatten."

Ausschlaggebend für Kanervas politisches Scheitern könnte nun aber gerade der Protest der gut ausgebildeten Frauen gewesen sein. Denn unter ihnen gibt es viele, die sein Verhalten für nicht akzeptabel halten.

Kokoomus gewann die letzte Wahl nicht zuletzt dank des Votums der Frauen.

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