"Fitna" EU distanziert sich von Anti-Islam-Film

Schutz für das Recht auf Meinungsfreiheit - Ablehnung von Islamfeindlichkeit: So reagierten die EU-Außenminister heute auf den umstrittenen Film "Fitna" des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders. Gemäßigt waren auch die Proteste in den Niederlanden. In arabischen Ländern verschärfte sich der Ton.


Brdo - Die Europäische Union hat sich von dem anti-islamischen Film des rechtsgerichteten niederländischen Abgeordneten Geert Wilders distanziert. Alle 27 EU-Außenminister unterstützten die niederländischen Regierung in ihrer Zurückweisung des Filmes, hieß es in einer Erklärung nach einem EU-Treffen am Samstag im slowenischen Brdo. Zu Unrecht setze der Film den Islam mit Gewalt gleich. Die überwiegende Mehrheit der Muslime lehne Extremismus und Gewalt ab.

Szene aus dem Wilders-Film: Den Haag lobt die Reaktion der Muslime
AFP

Szene aus dem Wilders-Film: Den Haag lobt die Reaktion der Muslime

Die Herstellung des Films sei zwar grundsätzlich vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt, erklärten die Außenminister. Allerdings sollte auch bei der Meinungsfreiheit dem Glauben oder Überzeugungen anderer Respekt gezollt werden. Muslime, Christen und Menschen anderer Überzeugungen oder anderen Glaubens müssten friedlich und respektvoll zusammenleben, forderte die EU. "Das Problem ist nicht Religion, sondern der Missbrauch von Religion als Vorwand für Hass und Intoleranz."

Zugleich sorgte sich die EU um die innere Sicherheit. Verletzte Gefühle seien keine Entschuldigung für Drohungen oder Aggression, erklärten die Minister. In Deutschland hat das Bundeskriminalamt vor einer Verschärfung der Gefährdungslage durch den Film gewarnt. Islamisten haben zu Anschlägen auf niederländische Soldaten in Afghanistan aufgerufen.

Insgesamt sind jedoch die Reaktionen zwei Tage nach der Veröffentlichung des umstrittenen Films bemerkenswert ruhig. In der Stadt Utrecht gingen zwar in der vergangenen Nacht zwei Autos in Flammen auf. Die Polizei entdeckte nach eigenen Angaben in der Nähe des Tatorts ein Graffiti, das zum Mord an Wilders aufrief. Die Ermittler hätten aber noch keine ausreichende Hinweise, ob der Vorfall in direkter Verbindung zu dem Anti-Islam-Film stehe. Die Regierung in Den Haag hatte Ausschreitungen ähnlich wie nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in dänischen Zeichnungen 2006 befürchtet. Der niederländische Außenminister Maxime Verhagen bezeichnete die besonnenen Reaktionen der Muslime heute im Deutschlandradio Kultur als "ermutigend".

Niederländische Muslimr hatten am Freitag zur Zurückhaltung aufgerufen. International hält die Kritik an dem Film des Rechtspopulisten Geert Wilders an. Wie schon mehrere islamische Staaten verurteilten heute auch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) den Film. Die Regierung in Abu Dhabi forderte die Muslime aber auch dazu auf, mit Augenmaß und Selbstbeherrschung auf diese "Provokation" zu reagieren.

Der Generalsekretär der Organisation der Islamischen Konferenz, Ekmeleddin Ihsanoglu, sagte im syrischen Damaskus, "Fitna" sei genau wie die dänischen Mohammed-Karikaturen "Teil einer Kampagne gegen den Islam und die Muslime im Westen". Die in Europa um sich greifende "Islamophobie" zu bekämpfen, sei inzwischen eine der wichtigsten Aufgaben der von ihm geleiteten Organisation.

Singapur verurteilte den Film als "eine Beleidigung für die Muslime". Meinungsfreiheit gebe niemandem das Recht, andere Religionen zu beleidigen, erklärte Vize-Regierungschef Wong Kan Seng. Im Vielvölkerstaat Singapur lebt auch eine bedeutende muslimische Minderheit. Der frühere malaysische Ministerpräsident Mahathir Mohamad drohte mit einem Boykott niederländischer Produkte. "Wir sind sehr verärgert über diesen Film", sagte Mohamad. Zuvor hatten bereits andere muslimisch geprägte Länder wie Pakistan, Bangladesch und Iran mit Empörung auf das Video reagiert. Auch Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte den Film verurteilt.

Der Internetanbieter Liveleak, der den Film am Donnerstagabend erstmals veröffentlicht hatte, nahm die Seite inzwischen wieder aus dem Netz. Als Grund wurden ernst zu nehmende Drohungen gegen Mitarbeiter genannt. "Das ist ein trauriger Tag für die Meinungsfreiheit, aber die Sicherheit unserer Mitarbeiter geht vor", erklärten die Betreiber des Internetportals liveleak am Freitagabend. Das in Großbritannien ansässige Videoportal hatte den Kurzfilm gezeigt, nachdem ein US-Internetanbieter die eigentlich für die Veröffentlichung vorgesehene Seite gesperrt hatte. Wilders' Partei für die Freiheit (PVV) stellte inzwischen auf ihrer eigenen Internetseite Links zu anderen Anbietern zur Verfügung, die Kopien des Films zeigen.

Wilders kombiniert in seinem Film Bilder von Opfern terroristischer Anschläge in New York und Madrid mit Zeitungsschlagzeilen und Koranversen. Auch die umstrittene dänische Mohammed-Karikatur, die den Propheten mit einer Bombe als Turban zeigt, ist in dem Streifen zu sehen. Trotz der klar islamfeindlichen Aufnahmen hatte Wilders eine Verantwortung für mögliche Ausschreitungen wütender Muslime zurückgewiesen.

ler/AFP/dpa



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