Aus Miami berichten Sebastian Fischer, Martin Heller und Sandra Sperber
Barack Obama hat einen Knopf im Ohr. Der ist für die Übersetzung, denn die Fragen stellen sie ihm beim Latino-Sender Univision auf Spanisch. Der Präsident darf auf Englisch antworten, das ist die Abmachung bei dieser Fragestunde auf dem Gelände der Universität von Miami. So haben sie das auch gemacht, als Rivale Mitt Romney da war, am Tag zuvor.
Aber diesmal läuft es anders. Denn schon nach gut zehn Minuten verliert Moderator Jorge Ramos die Geduld. Und wechselt ins Englische.
"Sie haben das versprochen", insistiert er gegenüber Obama. "Ein Versprechen ist ein Versprechen, oder nicht?" Das sei wichtig, er wolle nicht, dass dieser Fakt durch die Übersetzung verloren gehe: "Bei allem Respekt, Sie haben Ihr Versprechen nicht gehalten." Zuvor hat sich Obama ein paar Minuten gewunden, hat nichts Konkretes sagen wollen über jenes Einwanderungsgesetz, das er für das erste Jahr seiner Präsidentschaft versprochen, aber bis heute nicht geliefert hat.
Obama in der Defensive
"Jorge", sagt Obama jetzt zu Ramos, "Jorge, schauen Sie, ich bin Kopf der Regierung, nicht des Parlaments." Heißt: Kein Gesetz, wenn die Republikaner nicht mitziehen. Und: Er habe ja nicht versprochen, dass er alles zu 100 Prozent umsetze; sondern nur, dass er jeden Tag hart arbeite, um jedem US-Bürger die Chance auf den amerikanischen Traum zu geben. Dieses Versprechen habe er doch gehalten.
Reichlich defensiv klingt das. Sorry, Leute, Ihr müsst mich da falsch verstanden haben. So hört sich das an. Hier, wo sie noch jenen Obama im Ohr haben, der ihnen "Change" versprochen hatte. Hier, wo sie Obama selbstredend für den mächtigsten Mann der Welt halten. Obama sagt, er habe gelernt, dass man in der Hauptstadt Washington nichts von innen heraus verändern könne. Man müsse es von außen tun. Er klingt verzagt.
Fast 70 Prozent der Latinos stimmten 2008 für Obama. Sie sehnten sich nach Wandel, weil sie nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen hatten. Und heute? Noch immer kein Einwanderungsrecht, das den Millionen Illegalen im Land - die meisten darunter Hispanics - endlich eine Perspektive geben würde; bei über zehn Prozent liegt die offizielle Arbeitslosenquote der Latinos; jeder Vierte lebt in Armut; fünf Millionen sind ohne Krankenversicherung.
Der Präsident steckt in der Zwickmühle. Will er gewinnen, braucht er die Latinos. Denn schwach sind die nur ökonomisch. Fast 22 Millionen sind wahlberechtigt, zwei Millionen mehr als 2008. Keine Bevölkerungsgruppe in den USA wächst schneller. Obamas Wahlkampf-Manager Jim Messina sagt: "Wenn wir unseren Job gut machen, dann werden die Latino-Wähler einer der entscheidenden Gründe für unseren Sieg sein."
Kein Wunder, dass Obama noch im Juni per Exekutivanordnung das Immigrationsrecht gelockert hat, um Einwanderern, die als Kinder oder Jugendliche illegal in die USA gekommen sind, ein Bleiberecht einzuräumen. Dies soll ein vorübergehender Ersatz sein für den sogenannten Dream Act, der eine ähnliche Regelung im Gesetz verankern sollte, aber bisher eben am Widerstand der Republikaner scheiterte.
Wer das Latino-Vote gewinnt, siegt in den Swing States
Obama hat Glück, dass Romney und Co. den Kurs ihrer Partei verschoben haben, den Illegalen die "Selbst-Abschiebung" nahelegen und einen immer größeren Zaun an der Grenze zu Mexiko bauen wollen. Denn das hält die von Obama Enttäuschten davon ab, zu seinen Gegnern zu werden. In einer NBC-Erhebung erklärten 65 Prozent der befragten Latino-Wähler, für Obama stimmen zu wollen. Romney kam nur auf 30 Prozent. Das ist zu wenig für den Herausforderer. Der muss den Abstand zu Obama möglichst gering halten, 38 Prozent peilen seine Berater an; vor vier Jahren kam Republikaner-Kandidat John McCain auf nur 31 Prozent.
Weil die Hispanics insbesondere in den Wechselwähler-Staaten Florida, Arizona, Colorado, Nevada und Virginia entscheidende Bevölkerungsanteile stellen, ist die Rechnung simpel: Wer das Latino-Vote mit großem Vorsprung gewinnt, siegt in diesen Swing States. Und wer in den Swing States siegt, der wird Präsident.
Auf ihren Parteitagen haben sowohl Republikaner als auch Demokraten die Hispanics in den Vordergrund gerückt: Marco Rubio, Sohn von Exil-Kubanern und junger US-Senator, durfte direkt vor Mitt Romney sprechen. Bei den Demokraten hielt der 38-jährige Julián Castro, Bürgermeister des texanischen San Antonio mit mexikanischen Wurzeln, als erster Latino überhaupt die "Keynote Speech".
Vor allem geht es um Florida. Der Sunshine-State ist der größte Brocken, den es zu gewinnen gilt. 2008 hat hier Obama als erster Demokrat die Mehrheit bei den Latinos holen können. In Florida manifestiert sich der Wandel der Latino-Community: Herrschten früher die Exil-Kubaner, haben Einwanderer aus anderen lateinamerikanischen Ländern die Gewichte verschoben. Und den Republikanern die Stimmen genommen.
Das kann man in Little Havana spüren, dem alten Kubaner-Viertel von Miami. Es steht noch alles da wie ehedem. Das legendäre Café Versailles an der 8. Straße; der Máximo-Gómez-Park mit seinen Dominospielern; all die Wandmalereien, die Fidel Castro verspotten und die neue Heimat feiern: "Dios bendiga y proteja a América", heißt es da, Gott segne und beschütze Amerika. In Little Havana war man früher Republikaner und sonst gar nichts.
Obamas Wahlhelfer buhlen um die Enttäuschten
Doch nichts ist mehr wie ehedem. Um die Ecke vom alten Versailles trifft man sich am Kiosk auf einen Café Cubano, einen stark gesüßten Espresso für einen Dollar. Die Alten sprechen Spanisch, aber die Jungen Englisch. Obama oder Romney? Ein Mädchen, den Schriftzug der Universität von Miami auf dem T-Shirt, sagt, sie sei für Einwanderung also für den Präsidenten. Der werde sich schon noch an seine Versprechen halten. Daneben ein 80-Jähriger. Vor sechs Jahrzehnten, sagt er, habe er Kuba verlassen. Er nimmt einen Schluck von seinem Kaffee: "Obama wird siegen." Und Kuba? Ach, ihn interessiere ehrlich gesagt eher die Wirtschaftslage in den USA.
Einer der Jüngeren ist für Romney: Beim letzten Mal habe er Obama gewählt, der sei ein "fantastischer Redner", aber mehr nicht. Amerika brauche jetzt "einen kapitalistischen Präsidenten" (sehen Sie hier das Video).
Die Enttäuschten, die Nichtwähler - um diese Latinos mühen sich Obamas Trupps mit Verve. Kaum eine Wählergruppe ist so schwer zu mobilisieren. Selbst in Obamas Parade-Jahr 2008 ging nur die Hälfte der wahlberechtigten Hispanics an die Urnen. Überall in Florida treffen sich Obama-Aktivisten jetzt in improvisierten Call-Centern, verteilen Mobiltelefone an spanisch sprechende Unterstützer. Gezielt werden die Latinos im Umkreis bearbeitet.
Zum Beispiel in Casselberry, nördlich von Orlando. Zu acht sitzen sie in einer Ex-Arztpraxis, umgerüstet in Eigeninitiative. Auf den Tischen Gesprächsleitfäden in Sachen Immigration, Krankenversicherung und natürlich Romney. "El Presidente", hört man heraus im Stimmengewirr, viel muss gesprochen werden über nicht gehaltene Versprechen. Aber dafür haben sie ja die Leitfäden. "Muchas gracias", sagen sie dann, "und alles Gute für die Familie".
Manchmal kommt am nächsten Tag einer vorbei, den sie angerufen haben. Um mitzuhelfen. Denn hier in Florida werde die Wahl entschieden, da sind sie sich jedenfalls sicher.
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