Flucht aus Afrika "Mir bleibt nichts anderes, als es zu versuchen"

Mehr als tausend Kilometer liegen vor Henry Mafarna. In einer Nussschale will er von Mauretanien auf die Kanarischen Inseln fliehen. Für eine ungewisse Zukunft in der EU riskiert der Liberianer sein Leben – so wie Tausende Afrikaner auch.

Aus Nuadhibu berichtet


Nuadhibu - Als er seine Heimat verlor, war Henry Mafarna noch ein Kind, gerade 14 Jahre alt. Milizen zogen 1990 durch Liberia. Jeder kämpfte in dem westafrikanischen Land gegen jeden. Bürgerkrieg. Im Chaos verlor der heute 29-jährige Vater und Mutter. Ob sie noch leben, weiß er nicht.

Seitdem ist Henry Mafarna auf der Flucht. Elendslager, Asyl bei Verwandten in Nachbarländern. Nirgends blieb er lange. Verwirrt und rastlos zog er umher. Immer wieder versuchte er, aus Afrika zu flüchten.

Seit sechs Monaten ist Mafarna nun in Nuadhibu, am Nordzipfel Mauretaniens. Es soll die letzte Station werden. Noch diese Woche will er sich nach Einbruch der Dunkelheit in den Rumpf eines Schiffs zwängen. Bis zu den Kanaren will er darin kommen und ein neues Leben beginnen. "Es gibt für mich genau zwei Chancen", sagt er. Vor dem nächsten Satz hält er inne: "Entweder ich erreiche Europa, oder ich sterbe eben auf dem Weg."

In Afrika habe er keine Zukunft, sagt er. "Es gibt keine Ausbildung, keine Arbeit und nur Gewalt." Doch all seine Bemühungen, den Kontinent zu verlassen, scheiterten: Mal bewarb er sich bei einem Visa-Programm für Australien, dann für ein ähnliches Projekt in Kanada. Aber immer wieder gab es Absagen. "Es sind einfach zu viele, die hier raus wollen", sagt er resigniert. "Ich kenne niemanden, der hier bleiben will."

Warten auf die gefährliche Passage

Henry ist nur einer von Tausenden Afrikanern auf der Flucht. Sie alle warten im Saharastaat Mauretanien auf die lebensgefährliche Passage nach Europa. Seine Geschichte gleicht den Schicksalen vieler anderer in den Flüchtlingsquartieren der Hafenstadt Nuadhibu: Ein Leben mit Krieg, Armut und ohne Zukunftsaussicht. Am Ende bleibt ihnen nur Hoffnungslosigkeit. Sie treibt dazu, alles zu opfern. Vielleicht sogar den letzten Besitz - ihr Leben.

Für sein Ticket in die Zukunft hat Henry hart gearbeitet. Jeden Tag steht er mit vielen anderen Männern aus Senegal, Mali und Guinea neben dem Hafentor. Wie Prostituierte warten sie auf Arbeit, auf einer Baustelle oder beim Ausladen der Fischkutter. Mehr als drei Dollar pro Tag bekommt jedoch keiner. Meist ist es sogar weniger. Ein Tageslohn geht allein für Henrys dreckiges Zimmer drauf. Den Rest spart er für die gefährliche Reise nach Europa. 600 Dollar hat er bereits, das reicht schon.

Nichts kann Männer wie Henry abschrecken. Nicht weit von seinem kleinen Verschlag wohnt ein junger Mann aus dem Senegal. Er hat die Flucht auf die Kanarischen Inseln schon einmal versucht. Kurz vor der Ankunft auf Lanzarote scheiterte er aber an der marokkanischen Wasserpolizei, die ihn abfing. Wenige Stunden später war der hagere Mann aus dem Senegal wieder in Nuadhibu. Nun schuftet er wieder, Um Geld zu verdienen. Für den nächsten Versuch.

Ein 1000 Kilometer langer Horror-Trip

Wer auf der fast 1000 Kilometer langen Strecke nicht stirbt, erlebt einen unvorstellbaren Horror-Trip. "Schon kurz nachdem wir ablegten, begannen die ersten Menschen zu erbrechen", erzählt der Senegalese. Für viele ist es die erste Bootsfahrt in ihrem Leben. Schon der Seegang macht ihnen Angst. "Es dauerte keine Stunde, da schrien die ersten", berichtet er. Oft hätten nur noch Schläge für Ruhe gesorgt.

Aufstehen oder gar liegen darf in den Kähnen keiner. Eng aneinander müssen bis zu 80 Menschen drei oder vier Tage hocken. Schnell sind die Knie und Beine aufgerieben. Die Gelenke werden steif. Das salzige Wasser des Meeres mischt sich mit Urin und Kot und brennt in den Wunden. Ein unerträglicher Gestank legt sich auf die Atemwege. "Es war eine Hölle dort draußen, ich habe am Ende nur noch gebetet, dass es endlich aufhört."

Wohin genau sie fahren, wissen die Flüchtlinge nicht. Nachts hüllt Dunkelheit und Kälte sie ein. Tagsüber brennt die Sonne erbarmungslos auf sie nieder.

Als die Polizisten das Boot mit dem Senegalesen an Bord schließlich aufbrachten, vegetierten die meisten von ihnen nur noch vor sich hin. Viele wurden in Krankenhäuser gebracht. Sie leiden bis heute an Dehydrierung und an ihren Angstzuständen. Er selbst sei froh gewesen, dass der Trip vorbei war. Dass es nicht geklappt hatte, war ihm egal.

Das Register des Grauens

Viele der Flüchtlinge verdursten in den Booten, ertrinken nach einem Schiffbruch oder werden von Mitflüchtlingen über Bord geworfen. Fast jeden Tag liest die spanische oder marokkanische Polizei sie auf. Im Hafen von Nuadhibu sammelt Mohammed Wal, der Chef der Wasserpolizei, ihre Fotos. Sein Register ist ein Buch des Grauens: Entstellte, aufgeblähte und von Fischen angefressene Leichen. Abgeheftet nach Datum. Täglich kommen neue dazu.

Der Polizeichef präsentiert diese abschreckenden Fotos ausländischen Journalisten gern. Viel lieber würde er sie auch den Flüchtlingen in den Armenvierteln Nuadhibus zeigen. "Viele Menschen kennen das Risiko der Überfahrt bis heute nicht", sagt Mohammed Wal, "sie glauben, es ist ein Tagestrip". Gegen das Ablegen der Boote in Nuadhibu ist er machtlos, gesteht er ein. Deshalb werde sein Buch wohl noch voller.

Henry Mafarna kennt die Horror-Geschichten. Die Fotos hat er im Internet gesehen. Trotzdem gibt er sich optimistisch. "Mir bleibt nichts anderes, als es zu versuchen", sagt er, "das habe ich meinem Sohn versprochen".

14 Monate ist Macpena alt, er lebt mit seiner Mutter in Guinea. Nur das Bild des lockigen Jungen will Mafarna auf die Reise mitnehmen. Sonst nichts. Wenn er die Fahrt nach Europa nicht überlebt, soll die Mutter nie von Henry sprechen. Darum hat er sie zum Abschied gebeten.

SMS von den Überlebenden

Aber an den Tod will Henry nicht denken. "Viele schaffen es doch auch", sagt er. Manche Boote kommen tatsächlich an. Kaum sind die Flüchtlinge angekommen, senden sie SMS-Botschaften zu denen, die noch warten. In den Armutsvierteln, wo Henry wohnt, verbreiten sich die Nachrichten rasend schnell.

"Auch wenn ich in Europa auf der Straße lebe und die Leute mich dort verachten", sagt Henry, "schlimmer als hier kann es nicht sein". Als es langsam Abend wird, schlägt er eine Wette vor. "Gib mir deine E-Mail, ich schreibe dir aus Spanien", sagt er und grinst. "Dann musst Du mich besuchen."

Noch hat er nicht geschrieben.



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