Flucht aus Marokko "Manche enden als Futter für die Haie"

Es begann mit einem toten Schwertfisch - und eskaliert nun in Straßenschlachten. Ein Aufstand erschüttert eine von Marokkos ärmsten Regionen. Eine Folge: Immer mehr Menschen flüchten nach Spanien.

Therese Di Campo

Aus Al Hoceima, Marokko berichtet Saeed Kamali Dehghan, "The Guardian"


Dieser Text ist Teil einer Kooperation von sechs europäischen Medienhäusern, die den Fokus auf das Flüchtlingsdrama im Mittelmeerraum und in Afrika richtet. Mehr zur Zusammenarbeit von "Politiken" (Dänemark), "La Stampa" (Italien), "Le Monde" (Frankreich), "El País" (Spanien), "The Guardian" (Großbritannien) und DER SPIEGEL lesen Sie hier.


Es ist fast ein wenig kitschig. Ein riesiger Regenbogen spannt sich über dem Mittelmeer, sein Endpunkt trifft den Mohammed-VI-Platz in Al Hoceima, einer Küstenstadt im Norden Marokkos.

Am Boden geht es weit weniger farbenfroh zu. Polizisten in Kampfausrüstung bewachen seit Tagen den Platz. Die Behörden fürchten Ausschreitungen rund um den ersten Todestag von Mouhcine Fikri, einem Fischhändler hier aus dem Ort.

Fikri war zerquetscht worden, als er versuchte hatte, einen Schwertfisch aus einem Müllwagen zu ziehen. Das Tier war außerhalb der Saison erlegt worden - und die Polizei hatte es konfisziert und vor Fikris Augen im Müll entsorgt. Dessen Sprung in den Laster war ein tödlicher Fehler.

Aus der Tragödie erwuchs die Hirak ash-Shaabi-Bewegung, eine landesweite Protestwelle. Seit dem Arabischen Frühling 2011 hat das Königshaus keine derartige Herausforderung mehr erlebt. Und weil König Mohammed an einer Wiederholung der Zustände von vor sechs Jahren nicht das geringste Interesse hegt, reagieren die Behörden schnell und hart. Die Anführer des Widerstands werden festgenommen, Journalisten festgesetzt und Demonstranten verprügelt. Die Repressalien, so sagen es viele hier, machen das Leben in der ohnehin schon verarmten Rif-Region unerträglich.

Eine Folge: Massenhaft machen sich Verfolgte - aber auch jene, die schon lange mit dem Gedanken spielen - auf die gefährliche Flucht in Richtung Spanien. Im August etwa wurden rund 600 Menschen vor der Küste von Tarifa aus dem Wasser gezogen - an einem Tag.

Diese Entwicklung wird in Europa sehr genau verfolgt. Nach Italien gelangen derzeit nur noch wenige Flüchtlinge per Boot. Auch die Balkanroute bleibt für die allermeisten Menschen unpassierbar. Da wäre eine neue Transitstrecke im Westen des Kontinents durchaus ein Problem.

El Mortada Iamrachen ist 30 Jahre alt, ein ehemaliger Imam in der hiesigen Moschee - und eines der Gesichter des Widerstands. Im Juni steckten ihn die Behörden für seine Beteiligung an Protesten ins Gefängnis der Hauptstadt Rabat. Sein Vater, so erzählt es Iamrachen, sei am Kummer über das Schicksal des Sohnes gestorben.

El Mortada Iamrachen (weiße Schirmmütze)
Therese Di Campo

El Mortada Iamrachen (weiße Schirmmütze)

"Die Stadt Al Hoceima befindet sich in einem Dauerzustand aus Wut und Traurigkeit. Arbeitslosigkeit, Armut, Drogen, Abwanderung und Verhaftungen haben dazu beigetragen", sagt er während eines Gesprächs im Ortskern: "Unsere Familien leiden. Wenn wir rausgehen, wissen sie nicht, ob wir zurückkommen oder im Gefängnis landen."

Nach dem unerwarteten Tod des Vaters konnte Iamrachen das Gefängnis wieder verlassen. Bis zu 400 weitere Personen - unter ihnen der Anführer der Proteste Nasser Zefzafi - bleiben dagegen in Haft. Die meisten sitzen im Oukacha-Gefängnis von Casablanca, manche sind in Hungerstreik getreten.

Keine Hoffnung mehr in Marokko

So wie der Bruder von Naoufal El Moutaoukil, er befindet sich seit Juni in Haft. Fälle wie seiner treiben die Menschen in die Flucht, glaubt Naoufal El Moutaoukil. "Auswandern erscheint vielen als die einzige Lösung. Egal, wie gefährlich das sein kann." Die Überquerung der Straße von Gibraltar sei höchst riskant: "Aber Europa verheißt so viel Hoffnung, dass manche auch den Tod in Kauf nehmen würden. Manche enden als Futter für die Haie. Trotzdem machen sich die Menschen auf den Weg. Weil sie in Marokko keine Hoffnung mehr haben."

In Spanien hat der "Guardian" in den Städten Algeciras und Tarifa Flüchtlinge aus Hoceima getroffen, die so ihrer Verfolgung durch die Behörden entkommen waren. Zwei Brüder, 19 und 28 Jahre, sowie ihr Cousin, 21, waren unter denen, die im August gerettet wurden. Sie hatten sich mit dem Jetski aus Plage Souani unweit von Hoceima aufgemacht, 180 Kilometer auf dem Wasser lagen vor ihnen. Am Ende wurden sie aus dem Mittelmeer gefischt.

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Flucht aus Marokko: Wenn es Nacht wird in Al Hoceima

Warum das Ganze? "Die marokkanische Polizei hat uns bei den Demos verprügelt. Ich habe immer noch Narben an meinen Händen. Neben der Gewalt sind wir auch wegen der Arbeit nach Spanien gekommen. Es gibt keine Jobs in Hoceima", sagt einer von ihnen.

Der "Guardian"-Reporter wird auf offener Straße mitgenommen

Wie angespannt die lokalen Behörden tatsächlich sind, musste der Autor dieser Zeilen am eigenen Leib erfahren. Mitten in einem Interview wird er von Zivilpolizisten unterbrochen und mitgenommen. Nach einer neunstündigen Autofahrt, bewacht von drei Polizisten, wartet in Casablanca bereits das Flugzeug zurück nach London. Als lokaler Pressevertreter hätten wohl noch deutlich härtere Repressalien gedroht. Mindestens drei Journalisten sitzen wegen ihrer Berichte über die Lage in der Region im Gefängnis, immer wieder gibt es Deportationen. "Marokko erlebt eine dramatische Beschränkung der Pressefreiheit", sagt Sherif Mansour vom Komitee zum Schutz von Journalisten.

Von höchster Stelle werden die Probleme kleingeredet. In einer Ansprache im Juni erwähnte König Mohammed die Zustände in der Region erstmals öffentlich - beklagte sich aber vor allem über die schleppende wirtschaftliche Entwicklung. Immerhin: Ende Juli begnadigte er 42 Mitglieder der Hirak-Bewegung, die Anführer sitzen jedoch weiter hinter Gittern. Einer der Freigelassenen will sich äußern, aber nur ohne Namen: "Das Problem ist der König. Die Leute reden über ihn, aber die meisten haben Angst vor klaren Worten. Er ist das wahre Übel dieses Landes."

insgesamt 33 Beiträge
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INGXXL 01.11.2017
1. Die EU sollte
In Nordafrika Flüchtlingslager finanzieren die unter UN Aufsicht stehen. Wenn die Flüchtlinge alle nach Europa kommen haben wir hier bald Verhältnisse wie in Afrika
boogywhat 01.11.2017
2. Was ist wäre die Konsequenz?
Will irgendjemand einen schwachen marokkanischen Staat? Wenn der König abgesetzt wird, wird es auf Jahrzehnte hinaus Chaos geben. Diese im Artikel als Opfer dargestellten, religionsnahen "Freiheitskämpfer" entpuppen sich häufig als das wesentlich schlechtere Übel. Beispiele dafür gibt es leider viel zu viele als dass man es ignorieren könnte.
deglaboy 01.11.2017
3. Wenn das Regime fällt...
wird Europa mit untergehen. Zumindest Westeuropa. Denn es werden Massen ohne Ende auf Melilla, Ceuta und die Meerenge von Gibraltar zuströmen. Es wird sich bis Kamerun herumsprechen, dass das Tor nach Europa sperrangelweit offen steht.
Baikal 01.11.2017
4. Solange alle Schiffbrüchigen
per Taxi nach Europa expediert werden, stehen alle Tore Europas doch jetzt schon offen. Ein Wort nur - Asyl - und schon ist der Lebensunterhalt bis ans Ende finanziert. Warum sollten die dann nicht kommen wenn sie so empfangen werden?
d.meinung 01.11.2017
5. Im eigenen Land
Die Leute sollten mal versuchen im eigenen Land was zu verändern. Eine 'Flucht' (ich setze das absichtlich in Anführungszeichen) nach Europa ändert gar nichts.
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