Flucht aus Westafrika Wenn Papa dich aufs Meer schickt

Gambia ist arm, die Verheißung Europa riesig. Da schreckt auch die immer schwierigere Flucht über das Mittelmeer kaum - erst recht nicht, wenn die ganze Familie zum Aufbruch drängt.

Dorfszene in Saba, Gambia
Polfoto

Dorfszene in Saba, Gambia

Aus Saba, Gambia, berichten Jens Bostrup und Finn Frandsen (Fotos), "Politiken"


Dieser Text ist Teil einer Kooperation von sechs europäischen Medienhäusern, die den Fokus auf das Flüchtlingsdrama im Mittelmeerraum und in Afrika richtet. Mehr zur Zusammenarbeit von "Politiken" (Dänemark), "La Stampa" (Italien), "Le Monde" (Frankreich), "El País" (Spanien), "The Guardian" (Großbritannien) und DER SPIEGEL lesen Sie hier.


Alle im Dorf kennen die Gefahren, die Europa mit sich bringt. Sie wissen, dass auf dem Weg Entführung, Folter, Tod durch Ertrinken drohen. Viele in Saba, einer kleinen Stadt in Gambia, haben bereits einen geliebten Menschen auf der Flucht verloren. Trotzdem drängen sie den nächsten, die Reise anzutreten.

"Als mein Bruder Sleiman gestorben ist, war das Allahs Wille", sagt Ebrima Danso, ein Bauer, der Nüsse und Melonen züchtet. Er weiß nicht genau, wie Sleiman zu Tode gekommen ist, drüben in Italien. Was er jedoch nur zu genau weiß: Mit seinem Tod endete auch der karge, aber dennoch stetige Geldfluss, der der Familie das Überleben sichert. Als ältester Sohn kümmert sich Ebrima um die Mutter. Geld musste her - und für Ebrima konnte das nur eines bedeuten: Der jüngste Bruder musste nach Italien und Sleimans Platz als Verdiener einnehmen.

Ebrima Danso
Finn Frandsen / Polfoto

Ebrima Danso

Gefragt nach den Gefahren, denen er seinen eigenen Bruder aussetzt, wird Ebrima deutlich: "Wenn er es schafft, kann die Familie überleben. Wenn nicht, war es Allahs Wille. Ich lege alles in Gottes Hand." Die Reise ist offenbar nicht gut gelaufen. Bis nach Libyen hat es der Bruder geschafft. Dann geriet er in die Hände von Milizen. Seit Juni hat die Familie nichts mehr von ihm gehört.

Ältere Dorfbewohner hocken im Schatten vor einem Lebensmittelladen von Saba, der wenig mehr verkauft als Reis. Sie erklären die harte wirtschaftliche Realität. Wasasi Singhateh war Vater von drei Söhnen. Zwei von ihnen, so erzählt er, starben auf einem Menschenschmugglerschiff, als die Treibstoffreserven Feuer fingen. Von den 150 Passagieren starb ein Drittel in den Flammen oder nach dem verzweifelten Sprung über Bord. "Natürlich will ich nicht, dass meine Kinder solche Risiken eingehen", sagt er. "Niemand will das. Aber es ist der einzige Weg, um die Familie zu ernähren."

Der dritte Sohn hat es nach Spanien geschafft. Er schickt im Monat rund 50 Euro nach Hause. Das reicht so gerade, um die Daheimgebliebenen zu ernähren - auch wenn außer Reis wenig auf dem Speiseplan steht.

Dorfszene in Saba
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Dorfszene in Saba

Das Land ist abhängig von den Geflüchteten

Mit gerade einmal zwei Millionen Menschen ist Gambia eines der kleinsten Länder Afrikas - doch seine Bewohner machen sich in überdurchschnittlich großer Zahl auf den Weg nach Norden. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres kamen mehr als 5000 Gambier über das Mittelmeer. Gerechnet auf die Gesamtbevölkerung eine extrem hohe Quote.

Das spiegelt sich auch im stetigen Geldfluss zurück nach Gambia wider. Laut Weltbank macht dieser rund 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes aus. Zum Vergleich: Die Landwirtschaft, die rund 70 Prozent der arbeitenden Bevölkerung mit Jobs versorgt, kommt auf 30 Prozent des BIP.

Diese Abhängigkeit schmälert die Entwicklungschancen Gambias und anderer Länder in Westafrika mit einem ähnlichen Abwanderungsproblem. "In manchen Gegenden gibt es quasi keine jungen Menschen mehr", sagt Ada Lekoetje, Uno-Vertreterin in Gambia. "Nach dem Exodus haben sie kaum noch jemanden mehr, der die schwere Landarbeit leisten kann."

Die Libyen-Route ist kaum noch eine Option

Doch es sind nicht nur die nackten wirtschaftlichen Entbehrungen, die viele Junge aufbrechen lassen. "Es ist auch eine Einstellungsfrage", sagt die Uno-Frau. Migranten, die es in Europa zu Arbeit gebracht haben, seien zu Idolen geworden. Es gebe einen regelrechten Hype um die vermeintlich erfolgreichen Arbeiter auf der anderen Seite des Meeres.

Deshalb würden auch Gambier mit relativ sicheren Jobs verschwinden. Lehrer, Polizisten, Soldaten oder sogar Behördenmitarbeiter seien plötzlich einfach weg. Papa Ndiaye weiß, worauf er sich einlässt. Er sitzt an einer altertümlichen Nähmaschine in einer Seitengasse. Seinen ersten Fluchtversuch musste der Schneider abbrechen, drei Jahre ist das jetzt her. Noch bevor er die Sahara erreicht hatte, ging ihm das Geld aus, und er musste umkehren. Nun spart er für den nächsten Anlauf: "Hier gibt es gar nichts. Ich kann nähen, aber niemand kann noch bezahlen. Das ist das Problem."

Schneider Papa Ndiaye
Polfoto

Schneider Papa Ndiaye

Beim nächsten Versuch dürfte ihn noch eine weitere Schwierigkeit erwarten. Seit die EU ihre Bemühungen verstärkt, die Route über Libyen dicht zu machen, sind die Preise für Überfahrten gestiegen. (Zu den Zuständen in Libyen hier eine Reportage von "La Sampa".) Immer mehr Flüchtlinge versuchen es über die relativ gut überwachte Weststrecke nach Spanien. Das gestiegene Risiko lassen sich die Schleuser teuer bezahlen. (Hier geht es zu einer Reportage von "El Pais" über Flüchtlinge in Spanien)

Die Macht der Mütter

Diesen Umstand nutzen auch Hilfsorganisationen, die zusammen mit der Regierung Aufklärung betreiben. "Bisher stürzen sich die Menschen hier auf die fünf oder zehn Prozent, die es drüben in Europa schaffen", sagt Uno-Frau Ada Lekoetje. "Wir müssen die ganze Geschichte erzählen. Die Geschichte der 90 Prozent, die sich in Europa ausbeuten lassen." Abschrecken werde man auch damit die meisten eher nicht, da müsse man realistisch sein. Aber, so Lekoetje, "zumindest wissen sie dann, wie ihre Chancen stehen." Flüchtlinge, meist junge Männer, die an der Grenze abgefangen werden, werden über die Risiken auch einer erfolgreichen Überfahrt aufgeklärt.

All das nützt allerdings wenig, wenn die Familien ihre Sprösslinge aktiv zur Ausreise drängen. Und das passiert leider immer häufiger, sagt Fatou Fofene. Die Aktivisten arbeitet an einem Programm, das die Erfolge von jungen Gambiern bekannt machen soll. Aber eben jenen Gambiern, die daheimgeblieben sind.

Im Zentrum von Saba
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Im Zentrum von Saba

Sie sieht besonders bei den Müttern eine problematische Einstellung. Viele manipulierten ihre Kinder. Das kann von subtilen Hinweisen auf die regelmäßigen Geldzahlungen an die Nachbarn bis zu öffentlicher, direkter Demütigung gehen. Der Einfluss der Mütter ist gigantisch. Fofene erklärt: "Es ist inzwischen eine Art Statussymbol, die Kinder nach Europa geschickt zu haben. Viele Mütter haben wenig übrig für junge Leute, die sich entscheiden, hier zu bleiben."

insgesamt 14 Beiträge
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Benjowi 03.11.2017
1. Ein Teufelskreis, der scheinbar nie endet.
Es ist im Grunde ein Treppenwitz der Geschichte, der leider einen sehr schlimmen Hintergrund hat. Früher wurden die Menschen aus Afrika in die Sklaverei gezwungen und verschleppt-heute begeben sie sich unter fast ähnlich schlimmen Randbedingungen willentlich selbst in diese Situation. Was um alles in der Welt tun die afrikanischen Eliten, um ihre Kinder vor solchen Zuständen zu bewahren? In der Mehrheit offensichtlich nichts und manche fördern das auch noch, oft unter aktiver Beteiligung auch deutscher Konzerne und Regierungen-es ist einfach unglaublich.
gatopardo 03.11.2017
2. Wir hatten ja nur zufällig das Glück,
im wohlhabenden Europa geboren zu werden, obgleich ich mich an meine Kindheit nach einem verlorenen Krieg erinnere, in der es an allem fehlte. Wenn man dann aber die Berichte über die Zustände in vielen Teilen Afrikas liest, übertreffen sie doch alles, was wir einmal für eine relativ kurze Zeit durchmachen mussten. Wer weiss, ob wir dann nicht auch unser Leben aufs Spiel setzen würden, um es wenigstens zu versuchen, dem Dahinvegetieren ein Ende zu setzen.
kuestenvogel 03.11.2017
3. Es muss nicht so weitergehen
Vor einigen Jahren habe ich mehrere Wochen auf Zanzibar, dem halbautonomen Staat von Tanzania, nahe bei den Einheimischen verbracht. Nur dort, 98% Muslime, hat Allah einen achten Namen (übersetzt etwa: Herr/Vater der Ahnen), damit dem ursprünglichen Geisterglauben (Dhini/Dschinn) und der Medizin (wicca/witch doc) genüge getan wird. Niemand, den ich sprach, unabhängig des Alters, wollte nach Europa, sie verurteilen deren Benehmen/Arroganz, auch wenn sie trotzdem zu den Touristen höflich sind = Geldquelle. Die Probleme waren offensichtlich. Politisch: Geheimdienst, ursprünglich von der DDR aufgebaut, bis heute funktionierend, Kritik am gewählten Präsidenten darf nur geflüstert werden, dabei ist es doch im Westen angeblich eine vorbildliche Demokratie. Wirtschaftlich: Reiche weiße Ausländer bauen hochklassige Sterneburgen, ohne Rücksicht, selbst auf muslimischen Friedhöfen wurde gebaut (der Protest mit Cola kaltgestellt); Chinesen, die Straßenbau finanzieren, diedafür als einzige Ankäufer der Algen von den Farmen erlaubt sind (harte Frauenarbeit neben allem anderen), die sie mit 100% Gewinn weiterverkaufen etc. Entwicklungshilfe: z. B. Wellblechdächer, die klimatisch vollkommen ungeeignet sind im Gegensatz zu den trad. Dächern, wie man sie noch in manchen gut gepflegten Dörfern finden kann. Ernährung/Einkommen: Fisch inkl. Oktopus, 50 verschiedene Mangoarten, Vanille, Kardamon, Pfeffer etc. wachsen, doch leisten können sich das Familien kaum. Der für mich bewegendste Moment war, als mir in einem Dorf jemand stolz seine paar (Futter-)Maisstauden zeigte, wie sie Mehl und Öl daraus herstellen können und er war glücklich(Gastfreundschaft), dass seine Frau mir sogar mehr als einen gekochten Kolben zum Essen anbieten konnte, wobei ich einen höflich herunterwürgte. Tourismus: Abgesehen vom grundsätzlich überheblichen Verhalten führt der Sextourismus weißer Frauen zum Ausspielen der Inselarchipelbewohner mit dem Mainlandbewohnern: Massais kommen in Scharen außerhalb der Regenzeit und können sich hohe, westliche Standgebühren zum Verkaufen v. Andenken an guten Plätzen somit leisten, Zanzibaris nicht. Usw. Ein Ausschnitt aus Ostafrika – verwundert mich nicht, wenn es dort auch eher so wird wie in Westafrika… Bildung: Feste Zeiten, höhere Schulen siond nicht kostenlos; die Jungen müssen zum Fischen, was abhängig ist von den Gezeiten. Das geht vor der Schulbildung, logisch, und wenn man die Räumlichkeiten sieht (Betonklotz ohne Möbel, nennt sich shuli in kuswahili, dt. Kolonialzeit), wird wohl kein Kind traurig sein, dort nicht hinzugehen. Traurig. Es gibt tolle Projekte und Ansätze, um wirklich etwas für ein besseres Leben für die Menschen dort zu erreichen, privat. Bzgl. Entwicklungshilfe empfehle ich als Einstieg das Buch von Volker Seitz: Afrika wird armregiert.
Schnabeltier 03.11.2017
4. Ich wünsche mir...
...endlich ein echtes Bekenntnis zu Bildung. Steckt *richtig viel* Geld in unsere Schulen, kein Digitalisierungswahn, aber solide und personell auch quantitativ hervorragende Ausstattung. Um *alle* hiesigen Kinder richtig gut bilden zu können *und* auch die vielen sozial-familiären Entbehrungen sehr vieler Kinder frühzeitig (!!!) professionell auffangen und begleiten zu können. *Und* ich wünsche mir, damit verknüpft, ein staatliches Entwicklungshilfeprogramm, das gezielt Kinder aus entsprechenden Ländern holt, hier in Internaten, betreuten Wohneinheiten und Pflegefamilien unterbringt und ihnen Teilhabe an diesem Bildungssystem gibt. Parallel bis zur Ausbildungsbeendigung 50 Euro monatlich an die Familie zu Hause. Und geknüpft an die Bedingung, dass die jungen ausgebildeten Menschen anschließend für 5 Jahre mindestens für fünf Jahre in ihr Land zurückkehren und dort Aufbauhilfe leisten. Ich wünsche mir, dass wir ein einziges Mal systematisch, pragmatisch, ideologiefrei und mutig ein wirklich sinnvolles Zukunftskonzept entwickeln.
alter_nativlos 03.11.2017
5. Der dritte Sohn schickz monatlich 50 Euro aus Spanien...
...heißt es in dem bericht und dieser betrag reicht für den Rest der familei in gambia zum leben?! So wird hier behauptet! Dann frage ich mich, wie die Familie 2000 oder 3000 Euro für die Auswanderung des Bruders nebst Schleuserkosten aufbringen konnte!Von dem geld hätten sie ja mehrere Jahre leben können!! Die Situation in Afrika ist ohne Frage prekär, aber wir müssen auch realisieren, dass nur eine kleine Gruppe der dortigen Bewohner sich eine Flucht überhaupt leisten können! Das geld wäre vor Ort besser investiert!!
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