Chinesischer Dissident Chen: Blinder Bürgerrechtler flüchtete über Mauer

Der chinesische Bürgerrechtler Chen Guangcheng hat offenbar in der US-Botschaft in Peking Unterschlupf gesucht. Neue Details belegen, wie der Dissident seine Bewacher zuvor in die Irre führte. Der Vorfall belastet wichtige Verhandlungen zwischen den USA und China.

Peking - Den amerikanisch-chinesischen Beziehungen droht kurz vor Beginn ihrer jährlichen Konsultationen eine drastische Verschlechterung. Grund dafür ist die Flucht des Bürgerrechtlers Chen Guangcheng aus dem Hausarrest. Der Dissident hat offenbar Zuflucht in der US-Botschaft gesucht.

Der blinde Anwalt hatte über Zwangsabtreibungen und Sterilisationen als Teil von Chinas Ein-Kind-Politik berichtet. Er war 2006 offiziell wegen Verkehrsblockaden verurteilt worden und war vier Jahre im Gefängnis. Nach Ende der Haft im September 2010 wurde er in seinem Haus unter Hausarrest gestellt. Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen, darunter Amnesty International, wurde er in den vergangenen eineinhalb Jahren misshandelt.

Bekannte Chens bestätigten, der Bürgerrechtler habe Zuflucht in der US-Vertretung, einem schwer befestigen Komplex im Nordosten Pekings, gesucht. Dies deckt sich auch

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Streit der Diplomaten: Der Fall Chen Guangchen
mit Angaben der im US-Bundesstaat Texas ansässigen Menschenrechtsgruppe ChinaAid. Hinter den Kulissen werde bereits über Chens Schicksal verhandelt.

Bislang haben sich weder die USA noch China offiziell zur Flucht des Bürgerrechtlers geäußert. Auch staatliche chinesische Medien erwähnten den Vorfall nicht. Beobachter erklären sich dies damit, dass ein Eingeständnis von Chens Flucht für die chinesische Führung peinlich wäre.

Für die US-Regierung kommt die mögliche Krise zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die USA brauchen bei mehreren Themen die Unterstützung Chinas - nicht zuletzt in den Atomkonflikten mit Iran und Nordkorea und um den Druck auf die Regierung in Syrien zu erhöhen. In der kommenden Woche werden US-Außenministerin Hillary Clinton und Finanzminister Timothy Geithner zum strategischen Wirtschaftsdialog in Peking erwartet. Die Gespräche sollen am Donnerstag beginnen.

Fluchtversuch per Tunnel scheiterte

Chen soll in der Nacht des 22. April die Flucht aus seinem schwer bewachten Haus in der Provinz Shandong gelungen sein. Seine Frau und seine sechsjährige Tochter sollen sich dort immer noch aufhalten. Chen nahm eine Videobotschaft auf, in der er die Behandlung seiner Familie verurteilte.

Laut "New York Times" hatte sich Chen über Monate ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Sicherheitskräften geliefert. Demnach scheiterte ein Fluchtversuch per Tunnel. Er soll der Zeitung zufolge schließlich entkommen sein, indem er über die Mauer, die sein Haus umgibt, kletterte.

Bei der Flucht ins mehrere hundert Kilometer entfernte Peking hatte Chen demnach Hilfe von mehreren Personen, die mit verschlüsselten Botschaften kommuniziert haben sollen, um sich der Überwachung zu entziehen. Am Samstag waren der Zeitung zufolge drei mutmaßliche Helfer Chens oder Personen, die ihn in der Vergangenheit unterstützt hatten, verschwunden.

Chen soll vor seiner Flucht wochenlang im Bett gelegen haben - offenbar, um seine Bewacher davon zu überzeugen, dass er zu schwach für eine Flucht sei. Nachdem er über die Mauer geklettert war, versteckte er sich einen Tag lang, ehe ihn ein Auto nach Peking brachte. Der Wagen wurde laut "New York Times" von der Aktivistin He Peirong gefahren. "Jetzt ist Chen Guangcheng entweder an einem sicheren Ort oder in den Händen der Sicherheitskräfte", schrieb sie der Zeitung zufolge auf ihrem Mikroblog. Dieses wurde kurz darauf deaktiviert, nachdem He von den Behörden festgenommen worden war.

US-Botschaft der "einzige absolut sichere Platz in China"

Chen wurde nach Angaben von Helfern mehrere Tage in Peking vor den Behörden versteckt. Doch man sei zur Überzeugung gekommen, dass der "einzige absolut sichere Platz in China die US-Botschaft" sei, zitierte die Zeitung einen Bürgerrechtler.

Der Ministerialdirektor für Asien im US-Außenministerium, Kurt Campbell, der ursprünglich erst in der kommenden Woche in China erwartet wurde, traf schon am Sonntagmorgen in Peking ein. Das US-Außenministerium wollte zu Fragen, ob Campbell wegen der drohenden Krise früher als geplant nach China geschickt worden sei, nicht Stellung nehmen.

In der Vergangenheit hatte das US-Außenministerium mehrfach für Chens Freilassung plädiert. Nun wurde jeder Kommentar zu den Fluchtmeldungen verweigert. Eine Sprecherin sagte lediglich, man habe den Fall in der Vergangenheit besprochen.

Möglicher Verkauf von Kampfflugzeugen an Taiwan belastet Verhandlungen

Neben Chens Flucht belastet noch ein weiteres Thema die Beziehungen zwischen China und den USA: Die US-Regierung erwägt, Kampfflugzeuge an Taiwan zu verkaufen. Das geht aus einem Brief eines ranghohen Offiziellen des Weißen Hauses an einen Senator hervor. China würde einen derartigen Verkauf als Provokation auffassen.

China hat 2300 einsatzfähige Kampfflugzeuge, Taiwan 490. Im vergangenen September hatten die USA den Wunsch Taiwans, 66 neue F-16-Kampfflugzeuge zu liefern, abgelehnt. Allerdings half Amerika dem Inselstaat dabei, seine bestehende F-16-Flotte aufzurüsten.

China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz und Teil seines Staatsgebiets. Obwohl sich die Beziehung in den vergangenen Jahren leicht gebessert hat, behält sich China immer noch militärische Schritte vor, sollte Taiwan seine Unabhängigkeit erklären. China bedroht die Insel mit mehr als tausend Raketen für den Fall, dass sie zu eigensinnig wird.

ulz/dapd/Reuters/AP

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1. Und noch n' Menschenrechtler
spiekla 29.04.2012
spannender wäre: "Manning flüchtet in Chinesische Botschaft." "China liefert Kampfflugzeuge an Cuba." Ich empfehle folgende Übung: Bei allen Sätzen USA und China umtauschen, um mal eine andere Perspektive zu bekommen.
2. Wenn's nach Helmut Schmidt geht...
Jasro 29.04.2012
Zitat von sysopDPADer chinesische Bürgerrechtler Chen Guangcheng hat offenbar in der US-Botschaft in Peking Unterschlupf gesucht. Neue Details belegen, wie der Dissident seine Bewacher zuvor in die Irre führte. Der Vorfall belastet wichtige Verhandlungen zwischen den USA und China. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830435,00.html
...dann sind die chinesischen Bürgerrechtler diejenigen, die im Unrecht sind: Altkanzler Helmut Schmidt: Menschenrechte in China? Nicht mein Bier! - Nachrichten Politik - WELT ONLINE (http://www.welt.de/politik/article2096677/Menschenrechte-in-China-Nicht-mein-Bier.html)
3.
fessi1 29.04.2012
schwer bewacht? sooo schwer bewacht kann das haus ja nicht gewesen sein. Tunnelflucht gescheitert! wer hat den Tunnel gebaut? Oder handelte es sich bei dem Tunnel um ein Loch unter der Mauer hindurch? Zugegeben, Tunnel klingt wesentlich aufregender. Mauer, Tunnel, schwerbewacht, da umweht uns doch glatt der eisige Schauer von 1961...
4. .
deb2011 29.04.2012
Zitat von fessi1schwer bewacht? sooo schwer bewacht kann das haus ja nicht gewesen sein. Tunnelflucht gescheitert! wer hat den Tunnel gebaut? Oder handelte es sich bei dem Tunnel um ein Loch unter der Mauer hindurch? Zugegeben, Tunnel klingt wesentlich aufregender. Mauer, Tunnel, schwerbewacht, da umweht uns doch glatt der eisige Schauer von 1961...
Interessant, wie sich die China-Freunde jetzt hier winden. Es ist allgemein bekannt, dass China im ganzen Land Laogais unterhält, die den Arbeitslagern Nordkoreas nicht nachstehen. Menschen unter "Hausarrest" zu stellen ist auch so eine menschenfreundliche Erfindung von diktatorischen Regimes, die sich nicht anders zu helfen wissen. Der einzige Vorteil: Früher sind diese Personen plötzlich spurlos verschwunden, und man hat sie nie wieder gesehen. Heute geht das Gott sei Dank nicht so einfach. Auch nicht für die Verbrecher in Beijing.
5. Sie sind kein Menschenfreund
spiekla 29.04.2012
Zitat von deb2011Interessant, wie sich die China-Freunde jetzt hier winden. Es ist allgemein bekannt, dass China im ganzen Land Laogais unterhält, die den Arbeitslagern Nordkoreas nicht nachstehen. Menschen unter "Hausarrest" zu stellen ist auch so eine menschenfreundliche Erfindung von diktatorischen Regimes, die sich nicht anders zu helfen wissen. Der einzige Vorteil: Früher sind diese Personen plötzlich spurlos verschwunden, und man hat sie nie wieder gesehen. Heute geht das Gott sei Dank nicht so einfach. Auch nicht für die Verbrecher in Beijing.
wenn Sie sich gegen Quälereien in China entrüsten, weil das zu billig und punktuell ist. Und "die China-Freunde" wie ich sind keine Unmenschen, wenn sie den medialen Schwerpunkt "Dissidenten in China" lächerlich machen wegen der ebenso billigen und punktuellen Berichterstattung. Mich beeindrucken eher Maßnahmen gegen die Untaten unserer sogenannten Freunde und Verbündeten, weil wir hier größere Hebel haben. Ich bin ein Freund der Chinesen und zuversichtlich, dass sie sich selbst befreien ohne westliche Klugscheisser. Das internet beschleunigt diesen Prozess erheblich mehr als die damals zu langsame Demokratisierung in Singapur und Taiwan. Taiwan wurde stark von den USA politisch unterstützt und aufgerüstet als es noch eine Diktatur war. Die Soldateska von Chiang Kai Check hatte zur Begrüßung erst einmal die Urbevökerung dezimiert.
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