Aus Lampedusa berichtet Katharina Peters
Die See war ruhig, und das hat Chalid wohl das Leben gerettet. 26 Stunden war er im Mittelmeer unterwegs, dicht an dicht drängten sie sich auf dem Boot. Rund hundert Menschen waren an Bord, zu viele für den kleinen Kahn. Er hatte Angst, sagt Chalid, hoffte, dass kein Sturm aufkommen würde. "Ich fühlte mich dem Tod sehr nah."
Jetzt, zwei Tage später, steht er auf einer staubigen Straße auf Lampedusa. Er hat es geschafft. Chalid trägt eine dunkle Jacke und Jeans, wie Dutzende junge Männer, die an ihm vorbeigehen. Die Straße windet sich, am Straßenrand ein paar Palmen, am Ende das Auffanglager für Flüchtlinge. Etwa 2000 von ihnen sind zurzeit noch auf der Mittelmeerinsel. Das enge Flüchtlingszentrum bietet eigentlich nur 800 Menschen Platz - es ist völlig überfüllt.
Dringend müsste die Situation gelöst werden, fordert das Uno-Flüchtlingshilfswerk. Noch sei die Lage auf Lampedusa ruhig. Doch das könne sich schnell ändern. Das kleine Eiland ist nur bis zu neun Kilometer lang und bis zu drei Kilometer breit, gerade einmal rund 6000 Menschen leben hier - fast genauso viele Flüchtlinge kamen allein am vergangenen Wochenende an. Es scheint, als ob die ganze Insel ein Auffanglager geworden ist. Die Flüchtlinge sitzen zwischen Bauruinen und am Strand, sie rauchen auf dem Spielplatz und auf Felsen am Straßenrand. Sie warten - auf die Ausreise, auf Papiere, auf ein besseres Leben.
Traumziel Paris
Einige Bewohner stecken ihnen ein Brot zu, Shampoo oder ein Handtuch. "Grazie, Lampedusa", haben die Flüchtlinge auf ein Bettlaken geschrieben und vor das Flüchtlingszentrum gehängt. Ist dies das freundliche Europa, auf das so viele hoffen? Das Europa, das Arbeit und Sicherheit bietet?
"Als ich die Küste gesehen habe, wusste ich: Jetzt habe ich endlich eine neue Zukunft, ein neues Leben", sagt Chalid. Seinen Nachnamen möchte er lieber nicht nennen. 30 Jahre ist er alt, seit drei Jahren findet er keinen Job. Das Diplom als Informatiker ist nicht viel wert im Süden Tunesiens, wo die Armut besonders groß ist. Wie viele arbeitslose Akademiker erwartet er nicht mehr viel von seinem Land, auch nicht nach dem Sturz des Präsidenten Ben Ali.
Chalid will jetzt nach Paris. Er hofft, möglichst schnell in einem der Flugzeuge nach Palermo zu sitzen. Dorthin werden die Menschen ausgeflogen, damit die italienischen Behörden ihre Asylanträge bearbeiten können. Doch Chalid sucht Arbeit, kein politisches Asyl. Wer keinen Anspruch auf Asyl hat und wessen Aufnahmegesuch abgelehnt wird, muss Italien innerhalb von fünf Tagen verlassen, klärt das Uno-Flüchtlingshilfswerk auf. Als Chalid das hört, weiten sich seine Augen vor Schreck. "Das kann nicht sein. Davon habe ich noch nie gehört."
Wie Chalid glaubt auch Bires Hasan daran, sich nach Paris durchschlagen zu können. Er ist ein dicklicher Junge, ebenfalls in schwarzer Jacke und Jeans - und erst 15 Jahre alt. Umgerechnet 1000 Euro hat er für die gefährliche Fahrt bezahlt, die Familie habe das Geld zusammengekratzt, sagt Hasan. Er ist geflohen, weil er Angst hat. Polizisten hätten seinen Bruder vor einem Monat erschossen, er war 20 Jahre alt. Auch Hasan fürchtet die Schergen von Ben Ali. Sie seien noch immer da, sagt er. Scharfschützen schießen von den Dächern, sagen andere. Vor wenigen Tagen sagte sein Schwager: "Alles klar, es gibt ein Boot, lass uns fahren."
Rangeln um den Platz im Flugzeug
Doch nicht alle in den Kähnen kommen auf der Insel an. Vier Menschen sind in den vergangenen Tagen bei der Flucht übers Meer gestorben. An die vielen unbekannten Toten der vergangenen Jahre erinnert ein Denkmal auf Lampedusa. Vor zwei Jahren haben die Inselbewohner es eingeweiht, es ist ein fünf Meter hoher Torbogen aus Stahl direkt am Meer. Davor schwappen Wellen an die steinige Küste. Auf Keramikplatten sind Schuhe, Hüte, Besteck, zerbrochene Näpfe eingelassen - die Spuren der Flucht. "Tor von Lampedusa - Tor von Europa", heißt das Denkmal.
Wer vom Meer aus durch das Tor geht, blickt auf einen öden Hügel voll staubigem Geröll. Erst dahinter öffnet sich der alte Hafen mit den bunten Booten. Doch hier drücken sich kleine, vom salzigen Wind zerzauste Büsche an die Felsen. Europa ist hier nicht besonders schön.
Am Dienstagabend kommt doch noch ein Bus zum Auffanglager am Ende der langen Straße: Er bringt 100 Flüchtlinge zum Flughafen, es geht nach Palermo. Ein weiterer Schritt hinein in die EU. Die Flüchtlinge, die mitdürfen, stellen sich in einer Schlange auf. Die anderen bilden ein Spalier. Es gibt wütende Schreie, eine Rangelei. Wer schließlich im Bus sitzt, lacht, triumphiert. Ein Mann drückt einem Uno-Mitarbeiter dankbar die Hand. Die Insassen winken, als der Bus endlich abfährt.
Chalid ist nicht dabei.
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