Flüchtlinge an der deutsch-dänischen Grenze Traumziel Schweden

Erst sperrte Dänemark die wichtigste Autobahn und stoppte den Zugverkehr aus Deutschland, mittlerweile lässt die Polizei wieder Flüchtlinge ins Land. Doch die meisten wollen gar nicht bleiben. Sie zieht es weiter in Richtung Norden. Ein Besuch an der Grenze.

Aus Padborg in Dänemark berichtet

DPA

Die Bahnhofsuhr steht auf 9.10 Uhr, als der Zug einrollt - pünktlich. Das ist eine Nachricht an diesem Morgen im dänischen Padborg, dem kleinen verschlafenen Ort unmittelbar an der Grenze zu Deutschland. Denn lange war überhaupt nicht klar, ob wieder Bahnen aus dem benachbarten Flensburg fahren dürfen. Die dänischen Behörden hatten den Zugverkehr auf dieser Strecke am Mittwoch vorübergehend gestoppt. Etwa 3000 Flüchtlinge, so hieß es, hätten in den vergangenen Tagen die Grenze in Richtung Norden überquert. Die Polizei schien mit der Situation überfordert zu sein.

Jetzt fahren wieder Züge, in Padborg ist es bereits der zweite an diesem Morgen. Eine kleine, silberne dänische Regionalbahn, kein ICE, wie angekündigt. Fernzüge gibt es auch heute nicht. Durch die Fenster blickt man in viele ängstliche Gesichter. Draußen am Gleis warten sechs Polizisten. Die Beamten gehen durch die Waggons. Als sie wiederkommen, folgen ihnen zwei Frauen, ein Mann und ein kleines Mädchen. Sie sind Iraker, sie wollen in Dänemark Asyl beantragen. Und all die anderen im Zug? Ein Polizist zuckt mit den Schultern. Er dürfe dazu nichts sagen, zischt er. Nach wenigen Minuten geht die Fahrt weiter.

Es ist ein Kurswechsel der dänischen Behörden. Noch in der Nacht hatten sie in Rødby stundenlang Hunderte Menschen in einem Zug festgehalten. Auf der Autobahn bei Padborg lieferte sich die Polizei mit den Flüchtlingen zeitweise ein Katz-und-Maus-Spiel. Das Problem: Nach dem sogenannten Dublin-Abkommen müssten die Migranten, die in Dänemark ankommen, hier auch registriert werden und Asyl beantragen. Doch in eine dänische Asylunterkunft will kaum jemand. Für die meisten ist das Land nur eine Durchgangsstation. Sie wollen nach Schweden oder Finnland. Warum eigentlich?

Als die Polizisten verschwunden sind, schleicht sich Mosa Zainab auf den Bahnsteig. Seit drei Tagen wartet er in Padborg. Wie viele andere hat er in einer Schule geschlafen. Jetzt hat er gehört, dass er weiterreisen darf. Ganz traut er der neuen Freiheit aber noch nicht. Zainab zeigt auf sein Ticket. Nach Malmö wolle er, sagt der 30-Jährige - ein stämmiger Mann mit Dreitagebart und schwarzen Haaren. "In Schweden sollen die Asylverfahren viel schneller gehen als in Dänemark. Und ich will ja auch, dass meine Familie nachkommen kann."

"Wir sehnen uns nach Ruhe"

Seit Monaten habe er seine Frau und die fünf Söhne nicht mehr gesehen. Dann erzählt Zainab von seiner Heimatstadt Aleppo in Syrien. Davon, dass sie als Kurden es sowieso nie leicht hatten, von den Bomben, von der Gewalt des "Islamischen Staats" (IS). Zainab blickt zu Boden. "Wir sehnen uns nach Ruhe."

Tatsächlich ist Schweden für seine liberale Flüchtlingspolitik bekannt - vor allem gegenüber Menschen wie Zainab. Als erstes EU-Land verkündete es, allen syrischen Flüchtlingen eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen. Damit steht den Migranten auch die Tür offen, relativ einfach ihre Familien nachzuholen und auch Arbeit zu finden. Je mehr Flüchtlinge ins Land kommen, desto mehr spricht sich in den Herkunftsländern herum, dass man dort gut leben kann. In sozialen Netzwerken machen viele Einwanderer mächtig Werbung. Ein Effekt, den es auch in Finnland gibt. Dort hat Premier Juha Sipilä kürzlich angekündigt, in seinem Landhaus Vertriebene unterzubringen. Dänemark dagegen setzt auf Abschreckung. Die neue Regierung in Kopenhagen hatte unter anderem die monatlichen Hilfsgelder für Flüchtlinge gekürzt.

Nach und nach füllt sich der Bahnsteig in Padborg. Zen trägt ein weit ausgeschnittenes, graues T-Shirt. Umringt von seinen Freunden steht er etwas abseits der anderen Flüchtlinge und versucht zu erkennen, was auf der Anzeigentafel steht. "Wohin fährt der nächste Zug?", fragt der junge Mann. Nach Deutschland. "Nein, dann müssen wir noch warten." Erst 16 Jahre ist er alt. Allein hat er sich von Afghanistan aus in Richtung Europa aufgemacht. Das Ziel war offenbar klar: Schweden.

"In Deutschland gibt es schon viel zu viele Flüchtlinge"

"Ein Freund von mir hat fünf Jahre in Dänemark gearbeitet - dann wurde er wieder ausgewiesen", erzählt er. Wahr oder nicht, Geschichten wie diese machen unter den Flüchtlingen die Runde. "Ich habe nichts gegen das Land, aber ich will weiter", sagt Zen. Sorgen, dass es sich die dänische Polizei doch noch anders überlegen und ihn aufhalten könnte, macht er sich nicht. "In Afghanistan war es gefährlich", sagt Zen, "hier ist es das sicherlich nicht". Warum ist er eigentlich nicht in Deutschland geblieben? Zen zögert nicht lange. "Da gibt es schon viel zu viele Flüchtlinge."

Nicht in jedem Fall aber ist es das Asylsystem, das die Migranten in den Norden zieht. Simar Baran stammt aus Syrien. In der Türkei habe er eine Finnin kennengelernt, erzählt der kleine Mann und setzt ein breites Grinsen auf. Sie hätten geheiratet. "Ich vermisse sie so sehr, sie ist mein Ein und Alles." Dann zieht der 25-Jährige einen kleinen Stofffrosch aus seinem Rucksack. "Für meinen Sohn", sagt er. In einem Monat wird er Vater.

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