Ungarisch-serbische Grenze Europas neues Elendslager

Die Balkanroute ist dicht? Keineswegs: Tausende Flüchtlinge sind in den vergangenen Wochen an der ungarisch-serbischen Grenze angekommen. Und kommen nicht weiter.

AFP

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Der Regen hat alles aufgeweicht. Decken, Hosen, Jacken und Hemden hängen zum Trocknen auf den Nato-Stacheldrahtrollen. Ein Mann kocht Tee auf einem kleinen Feuer, er verbrennt Stöckchen, Pappe, Plastikflaschen. Der Wind weht Fäkaliengestank herüber, aus einer Mulde im Boden, hundert Meter neben dem Zeltlager. Dort verrichten die Flüchtlinge ihre Notdurft.

Hier, nur wenige Hundert Meter entfernt vom ungarisch-serbischen Grenzübergang Röszke/Horgos, entsteht gerade Europas neues Elendslager für Flüchtlinge - während 800 Kilometer weiter südlich das griechische Idomeni geräumt wird. Rund 300 Menschen kampieren derzeit vor der Transitzone Röszke in Zelten und Unterständen aus Stöcken und Decken, weitgehend sich selbst überlassen.

Und täglich kommen mehr - denn die Balkanroute ist keineswegs geschlossen: Seit einigen Wochen steigt die Zahl der Flüchtlinge, die sich illegal von der Türkei nach Mitteleuropa durchschlagen, wieder deutlich an. Ungarn registrierte seit Jahresanfang rund 15.000 Flüchtlinge, der weitaus größte Teil kam seit Mitte März. Die meisten Flüchtlinge, rund 13.000, wurden beim illegalen Grenzübertritt nach Ungarn aufgegriffen, die anderen strandeten vor der Transitzone Röszke.

Hinter dem Stacheldrahtzaun stehen jetzt eine ungarische Beamtin und ein Dolmetscher. Zwei Dutzend Flüchtlinge drängen sich vor ihnen, jeder ruft dem Dolmetscher durch den Zaun etwas zu, die Beamtin notiert Namen. Irgendwann gehen die beiden. Ahmad Wahash schaut ihnen nach. "So geht das die ganze Zeit", sagt er resigniert. "Warum lassen sie uns nicht rein?"

Ahmad ist 17 Jahre alt, er hat jungenhafte Gesichtszüge und wirkt dennoch sehr erwachsen. Geboren wurde er in Baghlan, einer Stadt im Norden Afghanistans, als Sohn einer afghanisch-tadschikischen Mittelklassefamilie. Sein Vater ist Agraringenieur, seine Mutter Geografielehrerin, die ältere Schwester studierte Medizin in der Hauptstadt Kabul. Ahmad selbst bereitete sich auf das Abitur vor.

Flüchtling Ahmad mit Familie
Keno Verseck

Flüchtling Ahmad mit Familie

Doch die Familie hielt die zunehmende Schikane der Taliban nicht mehr aus. So erzählt es Ahmad. Ende Februar flohen die Wahashs - Eltern und vier Kinder - aus dem Land. Über Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien schlugen sie sich bis an die ungarisch-serbische Grenze durch. Vor elf Tagen kam die Familie vor der sogenannten Transitzone Röszke an, direkt am Grenzzaun, den Ungarn im vergangenen Jahr errichten ließ.

Den Komplex aus Containerbaracken baute die ungarische Regierung im Sommer 2015. Ein weiterer, baugleicher steht 40 Kilometer entfernt neben dem Grenzübergang Tompa. In den Baracken können Flüchtlinge legal Asyl beantragen - sie durchlaufen eine mehrtägige Registrierungsprozedur und werden dann in ein Auffanglager geschickt.

In Röszke herrscht Massenandrang

Der Zugang zu den Transitzonen sei unproblematisch, versprach die Regierung im vergangenen Jahr. Tatsächlich war er das zunächst auch, weil kaum ein Flüchtling kam. Seit einigen Wochen jedoch herrscht in Röszke ein Massenandrang, den die ungarischen Behörden nicht bewältigen können - oder wollen.

Durch die Schleuse mit ihren beiden schweren eisernen Drehkreuzen werden täglich höchstens 15 bis 20 Menschen eingelassen, zu willkürlichen Zeiten, nach schwer durchschaubaren Kriterien. Man bevorzuge Familien mit Säuglingen, Kleinkindern sowie Alte und Kranke, sagt eine Sprecherin der ungarischen Einwanderungsbehörde BÁH. Doch das Zeltlager ist eben voller Familien mit Säuglingen, Kindern und Jugendlichen, manche warten seit einem Monat - und ständig treffen Neuankömmlinge ein.

Es gibt keine Toiletten, keine medizinische Versorgung und nur eine einzige Wasserleitung mit zwei Hähnen. Einmal am Tag verteilen Beamte aus der Transitzone Mineralwasser, Brot und Fischkonserven. Mitarbeiter des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR und manchmal auch freiwillige zivile Aktivisten aus Ungarn oder Serbien bringen zusätzlich vitaminhaltige Lebensmittel, Babynahrung, Windeln, Medikamente und Decken. Doch sie erhalten von der ungarischen Grenzpolizei nur eingeschränkt Zugang.

So darf etwa das UNHCR weder größere Zelte errichten, noch kleinere an die Flüchtlinge verteilen, wie der regionale Sprecher Babar Baloch berichtet. Außerdem müssten seine Mitarbeiter mit ungarischen Grenzbeamten täglich neu aushandeln, welche Hilfsgüter sie mitbringen dürften.

"Ungarn hielt und hält internationales und EU-Recht ein"

Baloch und auch die Co-Vorsitzende des ungarischen Helsinki-Komitees, Márta Pardavi, werfen dem ungarischen Staat vor, dass er die Zustände vor der Transitzone Röszke absichtlich nicht verbessere, um Flüchtlinge abzuschrecken. Die Botschaft laute: "Geht woanders hin, wir wollen euch nicht!" Damit verletze Ungarn internationale und EU-Vorschriften zum Asylrecht. Zu diesem Vorwurf teilt der ungarische Regierungssprecher SPIEGEL ONLINE schriftlich einen einzigen Satz mit: "Ungarn hielt und hält internationales und EU-Recht ein."

Die Anwältin Tímea Kovács, die in der grenznahen ungarischen Großstadt Szeged arbeitet, vertritt seit Langem Flüchtlinge in Asylverfahren und kennt die Zustände in und vor der Transitzone Röszke bestens. Sie spricht von einer "unlogischen und absurden Situation": Der ungarische Staat behaupte zwar, er wolle illegale Migration bekämpfen. Zugleich schaffe er für diejenigen, die legal um Asyl ersuchen, Zustände, die sie schließlich doch zum illegalen Grenzübertritt animierten. Viele Flüchtlinge seien das wochenlange Warten schlicht leid.

Auch die Wahashs überlegen, ob sie illegal nach Ungarn gehen, statt im Schlamm und im Müll vor der Transitzone Röszke auszuharren.

Ahmad mit dem jungenhaften Gesicht erzählt vom Leben in Afghanistan, von Anschlägen, von Drohungen der Taliban wegen seines spärlichen Bartwuchses und weil er Jeans trug. Von der täglichen Sorge in der Familie, ob alle noch am Leben seien. Er erzählt, wie er auf der Ägäis ein Flüchtlingsboot kentern sah und die Gekenterten um Hilfe riefen. Sie seien zermürbt vom Leben in der Heimat und müde von der Flucht, so Ahmad.

"Wir möchten endlich irgendwo ankommen."


Zusammengefasst: An der ungarischen Grenze kommen wieder mehr Flüchtlinge an. Das Land hat eine Transitzone eingerichtet und behauptet, die legale Einreise fördern zu wollen. Tatsächlich ist der Zugang kaum möglich. Die Folge: Viele Flüchtlinge sind vor der Transitzone gestrandet. Sie harren dort unter schwersten Bedingungen aus, Hilfsorganisationen werden in ihrer Arbeit behindert. Und täglich treffen mehr Menschen ein.

Zum Autor
  • privat
    Keno Verseck, Jahrgang 1967, seit 1991 freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Mittel- und Südosteuropa.

    www.keno-verseck.de
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