Grenzschließung Griechenland-Mazedonien Eine Lehre für die Europäische Union

Zehn Stunden lang war die griechisch-mazedonische Grenze dicht. Die Zeit hat gereicht, um eins vor Augen zu führen: Was passiert, wenn die EU ihre Drohung wahr macht und Griechenland aus dem Schengenraum wirft.

AP

Aus dem Grenzgebiet bei Idomeni berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Zehn Stunden haben gereicht, um Samir zur Verzweiflung zu bringen. So lange war am Mittwoch die Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien dicht. "Ich bin durch die Hölle gegangen, um hierherzukommen", sagt der 29 Jahre alte Syrer. "Wenn sie mir jetzt sagen, ich kann Griechenland nicht Richtung Deutschland verlassen, kann ich mich gleich von einer Klippe stürzen und im Meer ertrinken."

Samir sitzt an einem Lagerfeuer bei einer Tankstelle in der griechischen Ortschaft Idomeni, sie liegt etwa 20 Kilometer südlich der abgeriegelten Grenze. Am Mittwochmorgen gegen fünf Uhr kam er an, seinen Platz am Feuer teilt er sich mit zwei Begleitern, sie sind Zwillingsbrüder und stammen ebenfalls aus Syrien.

Und sie sind nicht allein: In Dutzenden Bussen sind rund 2000 Flüchtlinge aus Athen an die Grenze gekommen. Normalerweise wäre ein Großteil von ihnen längst weitergezogen, über die Grenze nach Mazedonien, auf dem Weg gen Norden. Doch es ist kein normaler Tag.

Am Mittwoch gegen Mittag wurden die griechischen Grenzbeamten darüber informiert, dass Mazedonien keine weiteren Flüchtlinge einreisen lasse. Der Grund, so vermuten die Beamten, liege in Serbien - dort hätten die Beamten dasselbe getan und Hilfesuchenden die Einreise verwehrt.

Was, wenn die EU ihre Drohung wahr macht?

Die Grenzschließung in Mazedonien war nur vorübergehend. Gegen 23 Uhr erschien ein Beamter am Zaun und teilte den griechischen Polizisten mit, der Übergang werde wieder geöffnet, für Gruppen von jeweils 500 Flüchtlingen. Doch vorübergehend oder nicht - es war ein Vorgeschmack auf folgendes Szenario: Was passiert, wenn die EU ihre Drohung wahr macht - und Griechenland tatsächlich aus dem Schengenraum wirft?

Zwischen den EU-Staaten wird derzeit diskutiert, ob künftig die mazedonische Grenze in Richtung Griechenland gesichert werden muss. Griechenland wird vorgeworfen, seine Außengrenze nicht effektiv zu sichern. Die griechische Regierung hat das mehrfach empört zurückgewiesen. Sie befürchtet eine humanitäre Katastrophe, sollte das Land wirklich aus dem Schengenraum ausgeschlossen werden. Griechenland drohe, zu einem "Flüchtlingslager" zu werden.

Tatsächlich führte schon die Zehn-Stunden-Schließung der Grenze zu einem Stau: 1200 Flüchtlinge, darunter Kinder, Alte und Kranke, saßen bei der Tankstelle in Idomeni fest, 1200 weitere bei einer Flüchtlingsunterkunft direkt an der Grenze. "Wir sind voll. Lasst keine weiteren Busse mehr rein", sagte ein Mitarbeiter der Unterkunft zu seinem Kollegen, der nahe der Tankstelle im Einsatz war. Dort sind die Flüchtlinge auf sich gestellt, ohne Unterstützung von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder Save the Children.

Griechenland? Bloß weg hier

Der Syrer Samir kam auf dem üblichen Weg nach Griechenland: Er bezahlte einem türkischen Schleuser 1600 Dollar für einen Platz in einem Schlauchboot. Es ging auf der Hälfte der Strecke unter, doch Samir schaffte es trotzdem irgendwie zur griechischen Insel Samos. Zehn Tage verbrachte er dort bei eisigen Temperaturen. Dann wurde er offiziell registriert, bekam eine sechsmonatige Aufenthaltserlaubnis und nahm eine Fähre nach Athen.

Er hätte in Griechenland Asyl beantragen können, aber wie die meisten Flüchtlinge hatte er nicht die Absicht, auch nur einen Tag länger als nötig in dem Land zu bleiben. Mit dem Bus kam er also nach Idomeni, an die Grenze.

Er habe an der Tankstelle fast sein gesamtes Geld für Wasser und Lebensmittel ausgegeben, sagt Samir. Es ist ein blühendes Geschäft. "Ich habe noch 20 Euro übrig. Das reicht nicht, um einen Schleuser dafür zu bezahlen, mich über die Grenze zu bringen, sollten die Mazedonier sie geschlossen halten."

"Wir sind auf dem Weg nach Deutschland"

Einige seiner Landsleute haben mehr Glück. Gegen halb elf Uhr abends kommen drei orangefarbene Taxis in Idomeni an. Im Inneren sitzen drei Gruppen von Syrern, sie sind vor ein paar Stunden mit Fähren von den Inseln in die Stadt Kavala gebracht worden. Jetzt, in den Taxis zur Grenze, umgehen sie die Kontrollen der Polizei, die sich auf Busse konzentriert.

Die meisten in der Gruppe sind im Alter von 20 bis 30 Jahren, sie sind gut gekleidet, einige machen Selfies mit ihren Smartphones. "Wir sind auf dem Weg nach Deutschland", sagt einer von ihnen. In Syrien hat er Kommunikationswissenschaften studiert. Seine Schwester steht neben ihm, sie ist modisch gekleidet, trägt eine Handtasche von Nike. Polizisten rufen ihnen auf Englisch zu: "Einer nach dem anderen, kommt ins Zelt, damit ich eure Papiere kontrollieren kann."

Die Kontrolle dauert nicht lange. Ein Polizist mit blauen OP-Handschuhen sieht sich die Papiere an und lässt die Flüchtlinge weiterziehen. Es sind nur griechische Polizisten vor Ort, von Mitarbeitern der EU-Grenzschutzagentur Frontex keine Spur. "Falls du einen von ihnen siehst, bestell ihm schöne Grüße von uns", sagt ein griechischer Beamter.

Die EU erwägt, den Frontex-Einsatz an der griechisch-mazedonischen Grenze auszubauen. Einige Mitgliedstaaten wollen hingegen ihre eigenen Einsatzkräfte nach Mazedonien schicken.

Viele griechische Polizisten sind von der bisherigen Arbeit der EU-Grenzschützer wenige begeistert. Die Vorwürfe: Frontex-Mitarbeitern würden die ihnen zugewiesenen Unterkünfte nicht passen, sie würden ihre Zeit lieber in Hotels verbringen und nur dann im Grenzgebiet erscheinen, wenn es absolut notwendig sei. Und: In Zeiten, in denen besonders viele Flüchtlinge über die Grenze wollen, würde Frontex nicht jeden sorgfältig kontrollieren. "Wenn fünf Busse ankommen, kontrolliert Frontex vielleicht zwei", sagen griechische Polizisten.

In ein paar Tagen wollen sie wieder da sein

Als die Grenze in Idomeni in der Nacht wieder öffnet, machen sich Hunderte Menschen auf den Weg. Sie haben eine Odyssee vor sich. Trotzdem können sie sich noch glücklich schätzen, sie werden von all jenen beneidet, die nicht offiziell asylberechtigt sind. Diese Flüchtlinge werden in den nächsten Bus steigen müssen, der sie zurück nach Athen bringt. Bei einigen von ihnen wurden gefälschte Aufenthaltsgenehmigungen oder Pässe gefunden.

Doch alle von ihnen schwören, in ein paar Tagen wieder zurück an der Grenze zu sein. "Vielleicht sind die Polizisten dann weniger aufmerksam", sagt einer von ihnen.


Zusammengefasst: Mazedonien hat am Mittwoch für zehn Stunden seine Grenze zu Griechenland für Flüchtlinge geschlossen - und so kurzzeitig die Balkanroute abgeriegelt, über die viele Flüchtlinge nach Westeuropa kommen. Hunderte mussten in der griechischen Ortschaft Idomeni ausharren. Damit trat ein Szenario ein, das so ähnlich derzeit in der EU diskutiert wird: Die Mitgliedstaaten beraten darüber, ob die mazedonische Grenze in Richtung Griechenland gesichert werden muss.

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insgesamt 275 Beiträge
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Seite 1
jjcamera 28.01.2016
1. Frage
Was treibt Eltern an, die ein sicheres Flüchtlingslager verlassen, um mit ihren Kindern auf einem maroden Boot in den Händen von Schleppern mitten in Winterstürmen das Mittelmeer zu überqueren? Welche Hoffnung treibt sie an, dass sie sogar das Leben ihrer Kinder riskieren? Wer weiß eine Antwort?
jojack 28.01.2016
2. Falsch
Ein paar Stunden die mazedonische Grenze zu schließen, reicht eben nicht. Natürlich kommt es dann dazu, dass sich die Migranten, die schon unterwegs sind, dann an der geschlossenen Grenze stauen. Wäre die Grenze dauerhaft geschlossen und würden europäische Politiker das auch einmütig in jede Kamera sagen, dann würde der Migrationsdruck nachlassen.
fjr 28.01.2016
3. Liebe Redaktion
Was soll dieser Artikel? Mazedonien ist NICHT Mitglied der Europäischen Union und auch NICHT Mitglied des Schengener Abkommens. Die Grenze Griechenlands zu Mazedonien ist eine EU-Aussengrenze. Und diese Grenze wurde nicht einmal von Griechenland oder gar der EU dicht gemacht, sondern von Mazedonien. Und das angeblich nur wegen des Drucks eines anderen NICHT-EU und NICHT-Schengen-Staates, nämlich Serbiens, die ihrerseits die Grenze zu Mazedonien dicht gemacht haben. Lassen Sie doch diese irreführende Berichterstattung und diese unsäglichen Kommentare.
besucher-12345 28.01.2016
4. Humanitäre Katastrophe wäre temporär
Natürlich gäbe es einen Stau derer, die bereits unterwegs sind. Die Erfahrung anderer Länder mit starker Abschreckung zeigt aber auch, dass so sodann der Strom deutlich nachlässt oder versiegt. Nach Australien kommen kaum noch Boote. Letztlich gibt es für Deutschland keine einfache Lösung mehr. Der Ausschluss Griechenlands hätte zugleich wohl zur Folge, dass das Land völlig zusammenbricht und all die Kredite/ Bürgschaften, die Deutschland & Co. gegeben haben auch formal keinen Wert mehr hätten.
ekel-alfred 28.01.2016
5. Obergrenze des Sozialsystems?
Die Flüchtlingsströme werden versiegen,wenn die Grenze zur EU geschlossen wird. Über die Nordsee wird kein Flüchtling einreisen, das ist mal sicher. Die Leute werden es nicht gewaltsam versuchen, womit auch? Alle wollen nach Deutschland, aber sicher nicht, weil hier die Luft so gut ist. Die Leute zu einer gefährlichen Flucht zu animieren halte ich jedenfalls für keine humane Idee. Und unsere Sozialsysteme kennen Obergrenzen!
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