"Aquarius"-Flüchtlinge Endlich an Land

Die Irrfahrt der "Aquarius" mit 629 Flüchtlingen an Bord ist beendet. Das Schiff hat im Hafen von Valencia festgemacht. Hunderte Helfer und Journalisten sind da, um die ersten Schritte der Ankömmlinge auf festem Boden zu begleiten. Ein Ortstermin.

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Langsam und bestimmt schiebt sich die "Aquarius" in den Hafen von Valencia. Das Wasser liegt still, der rote Rumpf leuchtet in der Sonne. Darüber dreht ein Polizeihubschrauber Kreise, am Kai stehen Hunderte Kameraleute und Journalisten. Helfer recken die Arme und winken Richtung Schiff.

Das legt an, ein Bordkran senkt eine Gangway hinab, Taue werden festgemacht. Dann setzt einer der Geretteten vorsichtig seinen Fuß auf den Boden, auf spanischen Boden. Sein Schritt ist tastend. Es ist das vorläufige Ende einer langen, lebensgefährlichen Flucht.

Vor genau einer Woche erhielt die "Aquarius" einen Notruf. Mehrere Boote seien vor der libyschen Küste in Seenot, umgehende Hilfe sei erforderlich. Als die Retter im Dunkeln eintrafen, trieben bereits 40 Menschen im Wasser, schrien um ihr Leben. Die Retter verteilten Schwimmwesten, zogen die Menschen heraus und brachten sie an Bord der "Aquarius".

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Valencia: Die Ankunft der "Aquarius"-Flüchtlinge

Einige der Schiffbrüchigen mussten wiederbelebt werden, andere waren schwer verletzt. Ein gefährliches Gemisch aus Benzin und Salzwasser hatte ihre Haut verätzt. Nach neun Stunden waren 629 Menschen gerettet, darunter hundert Kinder und mehrere schwangere Frauen.

Die "Aquarius" nahm Kurs nach Norden. Damit begann ein politisches Ringen zwischen den europäischen Regierungen. Am Sonntag erreichte das Schiff Italien. Die Genehmigung in einen Hafen einzulaufen, erhielt die "Aquarius" nicht. Der neue italienische Innenminister, Lega Nord-Chef Matteo Salvini, verweigerte sie.

Zynismus und Verantwortungslosigkeit

Italien hielt Kommunalwahlen in 761 Gemeinden ab. Salvini wollte klare Kante zeigen. Auch wenn er damit internationales Seerecht brach, das vorsieht: Schiffbrüchige müssen in den nächstgelegenen sicheren Hafen gebracht werden. Frankreichs Präsident Emanuel Macron warf Salvini "Zynismus und Verantwortungslosigkeit" vor. Rom bestellte den französischen Botschafter ein.

Während Malta auch seine Häfen schloss und die CSU Deutschland in eine Regierungskrise stürzte, weil sie die Grenzen teilweise schließen möchte, verkündete der neue spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez: "Es ist unsere Pflicht zu helfen, um eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden." Die "Aquarius" dürfe die Geretteten nach Spanien bringen.

Die scharf geführten Auseinandersetzungen zeigen, wo innerhalb Europas derzeit die Konfliktlinie verläuft: zwischen Menschen und Regierungen, die Schutzsuchende retten, und jenen, die sie abwehren wollen und damit notfalls deren Tod durch Ertrinken in Kauf nehmen.

Sánchez nutzte die Möglichkeit, sich von seinem konservativen Vorgänger abzusetzen. Er leitet derzeit einen Wandel in der Politik seines Landes ein, kündigte bereits an, den tödlichen Stacheldraht rund um die Enklaven Ceuta und Melilla entfernen zu lassen, und nutzt das Spektakel rund um die "Aquarius". Über 600 Journalisten aus aller Welt sind vor Ort.

Umringt von Kameras

Am Samstag, einen Tag vor der Schiffsankunft, ist es stickig heiß im Pressezentrum am Hafen von Valencia. Es gibt kostenlos Wasser, Bier und Chips. Dicke Stapel Ausdrucke mit Fotos werden ausgeteilt, beinahe stündlich werden Pressemitteilungen versendet: Wie viele Helfer sind im Einsatz, wie viele Güter wurden bereitgestellt, wie viele Polizisten patrouillieren?

Umringt von Dutzenden Kameras geben mehrere Vertreter der Stadt eine Pressekonferenz, erklären den Ablauf des nächsten Tages: Die Geretteten sollen von Helfern empfangen, medizinisch untersucht und gegebenenfalls ins Krankenhaus gebracht werden. Alle anderen würden auf Unterkünfte im ganzen Land verteilt, die Minderjährigen in speziellen Einrichtungen untergebracht.

Im Anschluss an die Pressekonferenz werden die Journalisten in eine nahegelegene Lagerhalle geführt. Auf einem langen Tisch liegen frische T-Shirts, Windeln und Müsliriegel, dahinter erstrecken sich zwei Reihen Feldbetten. Die Kameraleute filmen, Fotoapparate klicken. Später sagt ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes, dass Gerettete die Halle nicht betreten werden, nicht heute, nicht morgen. Es ist bloß eine Inszenierung für die Abendnachrichten. Die meisten Journalisten scheint es nicht zu kümmern. Sánchez punktet.

"Es tut gut, anderen zu helfen"

Maria Prado steht im hinteren Bereich der Halle. Die 43-Jährige trägt Jacke und Kappe vom Roten Kreuz und lächelt tapfer. Sie ist überwältigt von dem Ansturm. Sie hat noch nie so eine große Aktion vom Roten Kreuz erlebt, nie so viel Presse gesehen.

Als Kind hatte sie einen schweren Unfall, fiel ins Koma, saß später im Rollstuhl. Es dauerte lange, bis sie sich erholte. Arbeiten konnte sie nie, also nutzt sie ihre Zeit und unterstützt das Roten Kreuz ehrenamtlich. "Es tut mir gut, anderen zu helfen", sagt sie.

Sie ist eine von über tausend freiwilligen Helfern. Maria Prado ist freudig überrascht von so viel Hilfsbereitschaft. Aber sie weiß auch, dass nicht alle befürworten, dass die Geretteten aufgenommen werden. Heute Morgen kaufte sie in einem Restaurant Essen für sich und die anderen Rot Kreuz-Helfer. Die Kellnerin dort habe die ankommenden Migranten verflucht, geschimpft habe sie. Verständnis hat Maria Prado dafür nicht.

Vor einigen Jahren, erzählt Prado, verließen ihre Nachbarn Spanien, um in Deutschland zu arbeiten. Wo sei da der Unterschied zu den Afrikanern, die jetzt nach Spanien kommen? Und auch nach dem Spanischen Bürgerkrieg haben unzählige Menschen Spanien verlassen und sind nach Frankreich geflohen. "Dort wurden sie behandelt wie die Syrer heute in der Türkei oder in Griechenland."

Besonders am Herzen liegen ihr die Kinder an Bord der "Aquarius". Sie hat Angst, dass sie in die Hände von kriminellen Banden geraten oder falschen Vorbildern folgen. "Dabei sind sie doch der Schlüssel zur Zukunft unserer Gesellschaft."

"Es berührt mich jedes Mal"

Während die "Aquarius" ins Hafenbecken gleitet, steht Alhadj As Sy an der Kaimauer. Der Hüne leitete für das Rote Kreuz bereits Einsätze während der Ebola-Epidemie in Guinea, ist Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften. Er sagt: "Ich habe solche Rettungsaktionen wie heute schon tausend Mal erlebt. Aber ich gewöhne mich einfach nicht daran, es berührt mich jedes Mal."

Zu politischen Themen will er sich nicht äußern. Er spricht lieber über die Arbeit der vielen ehrenamtlichen Helfer, die aus ganz Spanien nach Valencia strömen. Doch darüber kommt er dann doch noch zur Politik: "Wenn Regierungen Angst verbreiten, dann hat das Konsequenzen. Aber auch, wenn eine Regierung, wie jetzt die spanische, ein Zeichen setzt für Solidarität, dann findet das ein Echo in der Bevölkerung."

Die spanische Regierung hat angekündigt, dass die Geretteten der "Aquarius" keine "Sonderbehandlung" erhalten würden. Sie müssen den Asylprozess durchlaufen wie jeder andere Migrant auch.

Maria Prado glaubt, dass es auch noch auf etwas anderes ankommt. "Wichtig ist, dass wir nicht nur heute helfen, sondern die Geretteten auch auf ihrem Weg begleiten. Dann können sie richtige Mitglieder unserer Gesellschaft werden."

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes hieß es, Alhadj As Sy sei stellvertretender Generalsekretär des Roten Kreuzes. Tatsächlich ist er Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften.



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