Flüchtlinge auf der "Aquarius" "Italien hat keinen Krümel Menschlichkeit mehr"

Meterhohe Wellen machen den Menschen auf der "Aquarius"zu schaffen. Viele sind dem Weg nach Spanien seekrank geworden, es fehlt an Lebensmitteln, berichtet Helfer Aloys Vimard, der die Flüchtlinge begleitet.

REUTERS

Ein Interview von Raphael Thelen


SPIEGEL ONLINE: Herr Vimard, die meisten Geretteten wurden an zwei italienische Boote übergeben, jetzt sind noch 106 Flüchtlinge an Bord der 77 Meter langen Aquarius. Ist die Situation jetzt gut?

Vimard: Gut ist nicht ganz das richtige Wort. Das Wetter ist schlecht und wird schlechter. Wir erwarten vier Meter hohe Dünung. Während wir gerade sprechen, muss ich meinen Laptop festhalten, damit er nicht vom Tisch rutscht. Heute Morgen hat es geregnet, wodurch das Deck und die Treppen rutschig sind; das ist gefährlich.

Zur Person
  • Kenny Karpov/ SOS Mediterranee
    Aloys Vimard, 28, ist Krankenpfleger und lebt in Bordeaux. An Bord der "Aquarius" arbeitet er als Projektkoordinator für Ärzte ohne Grenzen, die das Schiff in Kooperation mit SOS Méditerranée betreiben. Vimard arbeitete zuvor in Griechenland, dem Jemen, Äthiopien, Uganda, Guinea und Nepal.

Außerdem sind wir nicht ausgestattet für so lange Überfahrten. Die sanitären Einrichtungen, das Essen, die Hygiene, die Unterbringung - das ist alles unzureichend. Und immer mehr Menschen werden seekrank, darunter eine Mutter, die ihr Baby stillt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind die Menschen denn derzeit untergebracht?

Vimard: Die Geretteten schlafen auf dem Boden, die meisten in einem großen Raum, einige immer noch an Deck, also ohne Schutz vor dem Wetter. Es gibt keine Privatsphäre. Kaum einer kann sich wirklich ausruhen.

SPIEGEL ONLINE: Es hieß, Sie hätten nicht genug Nahrungsmittel an Bord für die Überfahrt. Haben Sie Nachschub erhalten?

Vimard: Die italienischen Behörden hatten zugesagt, uns ausreichend zu versorgen. Doch als das erste Schiff kam, haben sie uns nur Croissants, Brot und Obst gebracht. Es ist eine Schande, Menschen mit so wenig zu essen auf eine so lange Reise zu schicken. Also haben wir gesagt: 'Das reicht nicht bis Spanien, wir brauchen mehr.' Dann kam ein weiteres Boot und hat Orangen, Brot und Müsliriegel gebracht. Aber auch das hat nicht ausreichend Nährwert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten, dass eine Mutter stillt. Haben Sie noch Schwangere an Bord?

Vimard: Ja. An einem Punkt schickten die italienischen Behörden zwei Boote und forderten uns auf, die sechs schwangeren Frauen zu übergeben. Wir erklärten, dass wir als Organisation von Ärzten Schwangerschaft nicht als Krankheit ansehen, es aus medizinischer Sicht also nicht notwendig sei und zumindest die Väter und Kinder der Frauen mitgehen müssten. Doch das wiederum verweigerten die Behörden.

Die Aktion war also klar politisch motiviert. Die Behörden wollten durch diese Evakuierung der Welt zeigen, dass sie noch einen Krümel Menschlichkeit haben. Aber den haben sie nicht, sonst dürften die Verwandten der Schwangeren mitgehen, oder sie würden die Menschen mit den schweren Verätzungen evakuieren oder die, die fast ertrunken sind und wiederbelebt werden mussten.

Aloys Vimard
Kenny Karpov/ SOS Mediterranee

Aloys Vimard

SPIEGEL ONLINE: Was macht der Stress mit den Menschen?

Vimard: Sie versuchen, positiv zu bleiben, und wie sie das schaffen, beeindruckt mich riesig. Sie haben diese Horrorreise hinter sich, wurden in Libyen gefoltert und vergewaltigt. Eine Frau kam gestern zu mir und erzählte, dass ihr Onkel, mit dem sie unterwegs war, in einem Camp in Libyen umgebracht wurde. Und trotzdem lächeln diese Menschen, lächeln uns an und bedanken sich ständig.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht die Crew mit den Erlebnissen um?

Vimard: Wir halten zusammen, es gibt ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Die Rettung am Samstag war extrem anstrengend. 40 bis 50 Menschen trieben im Wasser, und wir brauchten neun Stunden um alle zur "Aquarius" zu bringen. Und auch seitdem gucken wir unablässig nach den Menschen, halten das Schiff am Laufen, bereiten die Ankunft in Spanien vor. Wir sind ziemlich müde.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Stunden haben Sie seit Samstag geschlafen?

Vimard: In den letzten fünf Tagen habe ich insgesamt vielleicht acht oder zehn Stunden geschlafen. Und ich bin nicht der Einzige. Dem Kollegen, der sich gerade neben mich gesetzt hat, geht es genauso.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie so etwas schon mal erlebt?

Vimard: Nein. In meinen vielen Einsätzen als Nothelfer war ich noch nie mit einer Politik konfrontiert, die ihre Ansprüche über die Sicherheit von Menschen und über internationales Seerecht gestellt hat.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch irgendetwas Positives an der ganzen Situation?

Vimard: Der Optimismus der Menschen. Nach der Rettung haben sie gemeinsam an Bord gesungen und getanzt. Jetzt sitzen manchmal kleine Gruppen da und sprechen über ihr Leben und die Zukunft. Die Kinder spielen. Und uns tut das auch gut. Anderen Menschen etwas Gutes zu tun, die Arme auszubreiten und ein bisschen Mitmenschlichkeit zu teilen, das fühlt sich gut an.

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