Flüchtlinge auf dem Balkan Die Chaos-Route

Die meisten Flüchtlinge kommen über die Balkanroute - doch der Weg wird immer beschwerlicher. Länder schließen plötzlich ihre Grenzen, streiten untereinander. Wie ist die Lage? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Menschen warten tagelang in Kälte und Regen, campieren auf schlammigem Boden. Als "Vorhof zur Hölle" hat UNHCR-Sprecherin Melita Sunjic die Lage der Tausenden Flüchtlinge auf der Balkanroute zuletzt beschrieben.

Seit Monaten ist die Strecke von den griechischen Inseln aufs Festland und dann weiter über den Balkan nach Mitteleuropa zur Hauptroute der Flüchtlinge geworden - insbesondere für Syrer, Afghanen, Pakistaner und Iraker. Dieser Weg gilt als weniger gefährlich als die Route von Nordafrika über das Mittelmeer nach Italien.

Aber auch die Balkanroute wird immer beschwerlicher. Grenzen werden geschlossen, Zäune gebaut. Zuletzt hat Slowenien angekündigt, an der Grenze zu Kroatien Militär einzusetzen.

Die Lage ist unübersichtlich - hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Flüchtlinge: Die Odysee über den Balkan

Wie viele Flüchtlinge kommen über die Balkanroute?

Im ersten Halbjahr 2015 hat sich die Zahl nach Angaben von Innenminister Thomas de Maizière versiebenfacht. Laut kroatischer Regierung reisten im Oktober pro Tag durchschnittlich 5100 Menschen aus der Türkei über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und jetzt Slowenien weiter nach Österreich und Deutschland. Ende September waren es täglich bis zu 7000. Insgesamt kamen bis zum 15. Oktober laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) 473.000 Flüchtlinge in Griechenland an. Zum Vergleich: 137.000 Menschen erreichten von Nordafrika aus über das Mittelmeer Italien.

Wo hängen die Menschen fest?

Das ändert sich ständig: Ende August war einer der Brennpunkte der Ort Gevgelija an der griechisch-mazedonischen Grenze - am Bahnhof spielten sich dramatische Szenen ab. Flüchtlinge reichten Kleinkinder durch offene Fenster in Zugabteile. Von Gevgelija fuhren Züge nach Serbien ab. Die Flüchtlinge wollten möglichst schnell weiter nach Ungarn und damit in die Europäische Union - viele waren in Panik, da Ungarn an der Grenze zu Serbien mit dem Bau eines Zauns begonnen hatte. Wegen des großen Andrangs hatte vorübergehend auch die mazedonische Regierung die Grenze mit Stacheldraht abgeriegelt und Tränengas gegen Flüchtlinge eingesetzt.

Nach der Schließung der ungarischen Grenze zu Serbien Mitte September gab es heftige Zusammenstöße zwischen wütenden Flüchtlingen, die nicht weiterkamen, und der ungarischen Polizei. Dann verlagerte sich die Flüchtlingsbewegung - rund 185.000 Flüchtlinge reisten nach Kroatien aus, um von dort über Slowenien oder Ungarn nach Österreich, Deutschland oder in andere europäische Länder zu gelangen.

Inzwischen haben sich die Brennpunkte auf der Balkanroute weiter nach Norden verlagert: Tausende Flüchtlinge stauten sich in den vergangenen Tagen am serbisch-kroatischen Grenzübergang Berkasovo, - aktuell sollen hier immer noch 2500 Menschen festsitzen - und an der slowenisch-kroatischen Grenze. Sowohl Kroatien als auch Slowenien schlossen die Grenzen zeitweise.

Die alten und neuen Fluchtrouten über den Balkan
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Wieso kommen plötzlich so viele Flüchtlinge nach Slowenien?

Slowenien ist in der Flüchtlingskrise zum neuen Nadelöhr geworden, weil Ungarn am Wochenende auch die Grenze zu Kroatien dicht gemacht hat - 41 Kilometer Zaun stehen jetzt dort, auf dem restlichen Abschnitt wird die Grenze durch den Fluss Drau gebildet, der schwer zu überqueren ist. Am Montag kamen nach Regierungsangaben rund 8000 Flüchtlinge über die Grenze von Kroatien nach Slowenien, etwa 2000 seien nach Österreich weitergezogen. Am Dienstag morgen sind erneut 5000 Flüchtlinge in das kleine Land gekommen.

Die Menschen wollen doch sowieso weiter - warum schließen die Balkanländer ihre Grenzen?

De facto sind die Balkanstaaten nur Transitländer - die Flüchtlinge bleiben dort nicht. "Die Grenzschließungen sind ein Mix aus populistischem Kalkül nach Abschreckung und einer tatsächlichen kurzfristigen Überforderung, die beim Weitertransport der Flüchtlinge entstehen können", sagt Karl Kopp, Experte von Pro Asyl. Die Behörden in den Balkanländern haben inzwischen die Transporte der Menschen mit Bussen oder Zügen von Grenze zu Grenze organisiert, um sie möglichst schnell weiterzuleiten.

Slowenien beklagte am Montag auch, dass Österreich und Deutschland weniger Migranten aufnehmen wollten und den Druck auf das Land erhöht hätten. Slowenien wolle bis zu 2500 Flüchtlinge pro Tag aufnehmen, registrieren und weiterleiten - aber Österreich seinerseits nur noch 1500 Menschen am Tag reinlassen. Dies mahnte Slowenien beim EU-Kommissar Dimitris Avramopo an. Eine Bestätigung aus Deutschland oder Österreich gibt es dafür nicht - sicher ist, dass beide Länder ein Interesse daran haben, dass sich der Flüchtlingsandrang abschwächt.

Und auch untereinander schieben sich die Balkanstaaten die Schuld für die vielen Flüchtlinge zu: Zagreb transportiere die Menschen gegen jede Absprache an die Grenze und überlasse sie dann sich selbst, so der Vorwurf der slowenischen Regierung. Der kroatische Innenminister Ranko Ostojic sah hingegen Griechenland als den "Hauptschuldigen" der Misere an.

Wie rechtfertigt Ungarn seinen Grenzzaun ?

Auch die Grenze nach Kroatien ist nun dicht - nach Angaben der ungarischen Regierung sind am vergangenen Sonntag nur noch 41 Flüchtlinge aus Serbien eingereist, über die kroatische Grenze sei niemand nach Ungarn gekommen - die niedrigste Flüchtlingszahl seit Jahresbeginn. Die Regierung in Budapest begründete die Grenzschließung damit, dass beim EU-Gipfel in Brüssel nicht beschlossen worden sei, die griechischen Außengrenzen "mit EU-Kräften zu verteidigen". Nun müsse also Ungarn die Grenze des Schengenraums absichern.

Ist Ungarn das einzige Land, das Zäune baut?

Nein. Griechenland hat im Jahr 2012 einen Teil seiner Grenze zur Türkei mit Stacheldraht versperrt - der Fluss Evros hindert an der weiteren Grenzstrecke Flüchtlinge an der Einreise. Auch Bulgarien hat entlang der Grenze zur Türkei einen 30 Kilometer langen Zaun gebaut. Beide Maßnahmen haben dazu geführt, dass die meisten Flüchtlinge nun von der Türkei aus über das Meer auf die griechischen Inseln gelangen - viele ertrinken dabei.

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Mit Material von dpa und Reuters

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