Flüchtlingselend auf Kos "Sind wir hier in Europa?"

Sie kommen aus dem Krieg, haben Tod und Zerstörung erlebt. In Europa erhoffen sich die Flüchtlinge Sicherheit für ihre Familien. Doch auf der griechischen Insel Kos stoßen sie stattdessen auf Chaos, Dreck und Demütigungen. Viele können nicht fassen, dass dies Europa sein soll.

AFP

Aus Kos berichtet


Entlang der Strandpromenade von Kos zieht sich eine kleine Zeltstadt. Bunte Kleidung weht, frisch gewaschen im Meer, nun zum Trocknen im Wind. Die Wäsche hängt an einer Palme, damit sie nicht schmutzig wird. Im Schatten darunter kauert eine 14-köpfige Familie aus Aleppo: Kinder, die 65-jährige Großmutter, die schwangere Tante, alle sind da.

Die Frauen möchten nicht namentlich genannt oder fotografiert werden. Doch sie möchten etwas mitteilen: "Schauen Sie sich das an", sagt die Großmutter. Sie zeigt auf den weiten schwarzen Mantel, der ihren Körper verhüllt. Hell zeichnet sich darauf der Staub ab, denn sie musste die Nacht im Freien verbringen auf dem Grasboden.

Die Familie haust auf der griechischen Urlaubsinsel unter einer Palme ohne Essen und Trinken. Weit und breit gibt es keine Toilette, geschweige denn ein Bad. Ihr Haus im syrischen Aleppo wurde vor wenigen Tagen zerstört, als die Kämpfe in ihrem Stadtviertel wieder aufflammten.

Die Großmutter zeigt weiter anklagend auf den Fleck auf ihrem Mantel. Bis vor zehn Stunden und der ersten Nacht im Freien auf Kos war sie ein stolzer Mensch. Sie hatte Aleppo mit ihren Kindern und Enkeln verlassen, sich dann in der Türkei in Hotels eingemietet, die Schleuser für die Überfahrt nach Griechenland bezahlt und dort bei den Hotels angeklopft. Doch auf Kos wollte niemand der Familie ein Zimmer vermieten.

Auf der griechischen Insel ist die 65-Jährige plötzlich jemand, der keinem anständigen Menschen ins Haus kommt, den die Polizei nachts mit Schlägen aus der Innenstadt vertreibt, der zu riechen anfängt, weil ihm die Möglichkeit genommen wird, sich zu waschen, und dessen Kleidung schmutzig ist. "Sind wir hier tatsächlich in Europa?", fragt sie. Respekt und Menschenwürde hatte sie sich hier anders vorgestellt.

Es sind solche Demütigungen, von denen die Flüchtlinge auf Kos als erstes erzählen, nicht von den Schrecken, den sie hinter sich gelassen haben.

Da sind die Syrer und Iraker, die von der griechischen Polizei drei Tage lang in einem Stadion in der prallen Sonne eingesperrt wurden. Sie mussten über Absperrungen klettern, um Essen und Wasser zu kaufen und ins Stadion zu bringen. Niemand hielt es für nötig, ihnen mitzuteilen, wie lange sie dort warten sollten. Als es im Stadion unruhiger wurde, setzten die Sicherheitskräfte Schlagstöcke und Feuerlöscher gegen sie ein.

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Flüchtlinge: Krawalle auf griechischer Insel Kos
Oder die Afrikaner: Sie klagen, dass sie gegenüber Irakern und Syrern offenbar seit kurzem systematisch benachteiligt werden. Sie müssen sich in der Polizeibehörde registrieren und warten dort wochenlang auf einen Termin. Die Syrer und Iraker dagegen werden am Stadion abgefertigt und müssen inzwischen nur noch wenige Tage warten. "Uns Schwarze will man draußen halten", sagt verbittert ein junger Mann aus Mali.

Ohne Registrierung darf niemand die Fähre aufs griechische Festland nehmen. Von dort wollen die meisten weiter, am liebsten nach Deutschland oder Schweden. Kein europäisches Land schiebt derzeit wieder zurück nach Griechenland ab. Die Situation dort gilt für die Flüchtlinge als zu katastrophal.

"Wir lassen uns nicht abschrecken"

Griechenland hat seit Monaten einen ungeheuren Ansturm zu bewältigen: Von Kos und den benachbarten griechischen Inseln aus ist die türkische Küste in wenigen Kilometern Entfernung zu sehen. Nahezu täglich kommen Boote mit Dutzenden, manchmal sogar mit mehreren Hundert Flüchtlingen an.

Sie kommen aus aller Welt. Es sind vor allem Syrer und Iraker, gefolgt von Afghanen und Pakistanern. Aber auch Afrikaner und sogar Latinos zieht es nach Kos: Sie bekommen für die Türkei oft verhältnismäßig einfach ein Visum und betrachten das Land daher als einzigen Weg nach Europa, der ihnen noch offen steht.

Seit ein paar Wochen scheint es jedoch schwieriger zu werden: Die Türkei habe die Kontrollen um Izmir herum verschärft, berichten mehrere Flüchtlinge. Unabhängig voneinander berichten einige auch von Vermummten, die die Schmugglerboote vor der türkischen Küste überfallen hätten: Den Flüchtlingen wurde der Motor oder der Treibstoff geklaut. Wer hinter den Attacken steckt, ist unklar.

"Wir lassen uns nicht abschrecken. Zusammen sind wir stark", erklärt eine Gruppe junger Iraker. Es sind vier Freunde aus Bagdad, zwischen 24 und 30 Jahren. Zwei von ihnen hätten in der Sondereinheit des irakischen Militärs gedient, erzählen sie. Doch mit den Gräueltaten, die im Bürgerkrieg begangen werden, wollten sie nichts zu tun haben: Sie desertierten. Die beiden anderen seien Zivilisten, studierte Ingenieure, erzählen sie. "Wir können nachts nicht schlafen", sagt einer von ihnen. "Wir hatten ständig Angst vor den Milizen. Sie bringen Leute um und schmeißen sie auf den Müll. Wir wollen ein besseres Leben."

In Shorts und Flipflops gehen die Freunde aus Bagdad an der Promenade von Kos entlang. Seit vier Tagen wohnen sie im Park, nun haben sie endlich ihre Registrierung. Aber die nächste Fähre zum Festland kommt erst übermorgen - also heißt es weiter warten. Sie wollen sich nicht zermürben lassen: "Wir schwimmen jetzt raus ins Meer. Wir wissen, dass man Shampoo nicht ins Meer kippen soll. Aber wenn wir uns nirgendwo waschen können - was sollen wir denn sonst tun?"

Zur Autorin
Raniah Salloum ist Redakteurin im Politikressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Raniah_Salloum@spiegel.de

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REUTERS

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