Flüchtlinge auf Lesbos "Es wird noch sehr viele Opfer geben"

Früher kamen 200 Flüchtlinge am Tag, jetzt sind es 5000 - auf Lesbos sind Helfer, Behörden und EU mit der Lage völlig überfordert. Der Bürgermeister sagt: Das jüngste Schiffsunglück ist nur der Auftakt für einen tödlichen Herbst.

Aus Lesbos berichtet


Zwischen den Wellen blitzen Neonschwimmwesten auf, es ist das Signal für die Helfer an Land: das nächste Boot kommt. Sie schnappen sich eine der ausrangierten Westen, die zu Tausenden an den Stränden von Lesbos liegen, und halten sie in die Höhe, um das Schlauchboot zum Ufer zu lotsen.

Ein paar Augenblicke später ist es da, schnell, schwankend, überfüllt. Noch bevor sie das Ufer erreicht haben, springen die Flüchtlinge ins flachere Wasser, die Kleidung durchnässt, Verzweiflung in den Augen. Endlich Land, endlich EU-Land.

Helfer reichen Thermodecken, etwas Wasser, die Kleinkinder sind blass und verheult, Frauen und Männer umarmen sich, weinen, werfen ihre Schwimmwesten ab und ziehen weiter, in eines der Zelte von Hilfsorganisationen, oder in einen von Aktivisten betriebenen Bus mit Windeln und Pflastern.

Später wird ein schweigsamer Mann Bauteile des Boots einsammeln, auch die Motoren sind wertvoll. Für Kleinkriminelle sind die Flüchtlinge ein Geschäft, für professionelle Schmuggler, die für die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland um die tausend Euro pro Person verlangen, ebenso. Wenn das Wetter schlecht und gefährlich ist, gibt es einen Discount, damit die Flüchtlinge trotzdem anbeißen.

Flüchtlingsroute über Griechenland und den Balkan
SPIEGEL ONLINE

Flüchtlingsroute über Griechenland und den Balkan

Lesbos, die drittgrößte griechische Insel mit 86.000 Einwohnern, ist für Griechenland das, was für Italien die Insel Lampedusa ist: Eine Zwischenstation auf dem Weg zum EU-Festland. Für Hunderttausende Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan oder Iran war Lesbos in diesem Jahr der erste Kontakt mit EU-Gebiet.

Im Januar kamen 200 Flüchtlinge pro Tag an, im April dann 400, im Juni 2000, mittlerweile sind es 5000 pro Tag. "Wir sind am Ende unserer Kräfte", sagt Spyros Galinos, Bürgermeister der zentralen Hafenstadt Mytilini.

Das klamme Griechenland habe keinen Puffer, die Menschen in Not auf ihrer Durchreise zu versorgen, im Moment entstünden für Lesbos 200.000 Euro Extrakosten im Monat. Und seitdem Kreuzfahrtschiffe ihre Fahrten nach Lesbos stornieren, fürchtet man auch eine Flaute des Tourismus.

Wenn man durch die Hügellandschaft von Lesbos fährt, sieht man auf den ersten Blick tatsächlich noch einen Urlaubstraum der Ägäis. Die Türkei ist ohne Fernglas sichtbar, doch der Weg von einer Seite zur anderen ist nicht selten tödlich.

Geschätzt 300.000 Flüchtlinge sollen in diesem Jahr Lesbos erreicht haben
DPA

Geschätzt 300.000 Flüchtlinge sollen in diesem Jahr Lesbos erreicht haben

Allein im Oktober ertranken laut UNHCR 15 Menschen vor Lesbos, bei einer Schiffstragödie in dieser Woche starben mindestens elf weitere Menschen, mehrere Dutzend werden vermisst. Immer wieder sterben Flüchtlinge auch an den Folgen ihrer Flucht im Krankenhaus von Lesbos. Regelmäßig gehen Flüchtlinge über Bord oder verletzen sich beim Klettern über Geröll schwer, werden Boote vom Wind an die Felsen gedrückt.

"Der Anblick ist schwer zu ertragen"

Das Schiff, das am Mittwoch bei Windstärke acht vor der Nordküste der Insel kenterte, war wohl mit bis zu 270 Menschen beladen, viele Überlebende stehen unter Schock, einige Kinder waren in so ernstem Zustand, dass sie ins Krankenhaus nach Athen geflogen werden mussten, erzählt eine Mitarbeiterin vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Lesbos selbst hat nur begrenzte Möglichkeiten der Notversorgung, auf der gesamten Insel gibt es lediglich zwei Krankenwagen.

"Der Anblick hier ist schwer zu ertragen", sagt die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, die in dieser Woche die Balkanroute und Lesbos besucht. Im Norden der Insel kommen die meisten Boote an, die Grünen-Politikerin ist beim Eintreffen von einem Boot dabei. Als eine Frau an Land taumelt, stützt Göring-Eckardt sie ab. Die Frau wirft sich in die Arme der Politikerin und bleibt dort einen Moment.

Später postet Göring-Eckardt ein Foto der Umarmung auf Twitter. Dafür bekommt sie auch kritische Reaktionen, peinlich, eitel, selbstdarstellerisch sei das, schreiben einige Kommentatoren. Die Grüne liest die Tweets, sie verteidigt ihre Reise und das Foto. "Es ist eine Sache, ob man am Schreibtisch Zahlen studiert. Und eine andere, ob man sich anschaut, was sich hier ganz real abspielt", sagt sie. "Ich bin hierher gefahren, um mir ein eigenes Bild zu machen".

Das Bild, das man vor Ort bekommt, ist in erster Linie das einer großen Überforderung: Die maximal zehn Rettungsschiffe der Behörden reichen nicht aus, um Flüchtlinge in Seenot aus dem Wasser zu holen. Absprachen zwischen Küstenwache, Frontex, Hilfsorganisationen und Rettungsschwimmern gibt es zwar, doch es gibt schlichtweg zu wenig Leute, um die knapp 200 Kilometer lange Küstenlinie von Lesbos komplett im Auge zu behalten.

EU-Hotspot-Center dramatisch unterbesetzt

"Wir werden noch sehr viele Todesopfer bekommen", sagt Bürgermeister Galinos mit Blick auf den Herbst und die täglich rauer werdende See. Er fordert, dass die Flüchtlinge auch ohne Papiere und Schengen-Visum die Fähren von der Türkei nach Griechenland benutzen dürfen - bislang ist ihnen das verboten.

Auch das sogenannte EU-Hotspot-Center in Moria, das vor zwei Wochen eröffnet wurde, ist dramatisch unterbesetzt. Manche Flüchtlinge, vor allem unbegleitete Minderjährige, harren hier bis zu zehn Tage aus, um ein griechisches Registrierungsformular ausgestellt zu bekommen.

Für die allermeisten geht es danach weiter auf das griechische Festland - dank des EU-Raums auch ohne Visum via Fähre. Über den Balkan schlagen sie sich nach Mitteleuropa durch (lesen Sie hier eine aktuelle Reportage über die Balkanroute). Das Meer haben sie dann hinter sich gelassen. Doch die Flucht ist noch lange nicht zu Ende.

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