Flüchtlingsziel Lesbos Insel der Hoffnung, Insel des Todes

Zehntausende fliehen über das Meer nach Lesbos - nicht alle erreichen die griechische Insel lebend. Helfer vor Ort verzweifeln, trotz des neuen Hotspots: An der Masse der Menschen, der Politik, dem Versagen Europas.

Von der Insel Lesbos berichtet


Flüchtlinge bei der Überfahrt nach Lesbos: Immer wieder gibt es Unfälle
AP/dpa

Flüchtlinge bei der Überfahrt nach Lesbos: Immer wieder gibt es Unfälle

Der ältere Herr starrt hinaus auf das Wasser. Seit Mittag steht er am Strand, einige Kilometer entfernt von Mytilene, der Hauptstadt der griechischen Insel Lesbos. Er sichtet die Wellen nach dem nächsten Schlauchboot, der nächsten Gruppe Flüchtlinge, die sich auf die gefährliche Überfahrt von der türkischen Küste gewagt haben. Es sind nur wenige Seemeilen, doch die können lang werden. Gerade wenn das Boot nicht taugt. Und das tun nur die wenigsten.

Er heißt Manolis - und bis 16 Uhr hat er Menschen aus insgesamt sechs schäbigen Booten an den Strand geholfen. "Keiner von ihnen war in ernsthafter Gefahr, Gott sei Dank. Heute ist ein guter Tag, warm und mit ruhigem Wasser." Er klingt erleichtert. Am Vortag erfroren zwei Frauen und ein fünfjähriges Kind bei eisigen Temperaturen während der Überfahrt.

Jeden Tag kommt er hierher, stundenlang. "Ich konnte nicht einfach im Fernsehen zuschauen, wie sich hier eine Tragödie abspielt", sagt er. Von Europas Mächtigen wünscht er sich eine ähnliche Reaktion. Dann hätte es die vielen Toten der Überfahrten vielleicht nicht gegeben. Aber diese Reaktion kommt nicht.

Manolis auf Ausschau am Strand von Lesbos: Nicht nur rumsitzen
Giorgos Christides

Manolis auf Ausschau am Strand von Lesbos: Nicht nur rumsitzen

Ein Jahr geht das Flüchtlingsdrama schon - und Europas Reaktion pendelt zwischen unrealistischen Zielen, Verzögerungstaktik, Eigeninteressen und Bürokratiewahnsinn.

Nun sollen also die sogenannten Hotspots endlich die erhoffte Abhilfe bringen. In der Theorie bremsen und lenken sie den Zug der Menschen nach Norden. Sicherheitsrisiken werden durch schnelle Identifikation und Registrierung der Flüchtlinge gesenkt - Fingerabdrücke inklusive. Wer keine Chance auf Schutz hat, wird abgewiesen, der Rest in Europa verteilt. Soweit die Theorie.

Doch es gibt Probleme. Zunächst einmal ist nur einer von fünf geplanten Hotspots in Griechenland bisher überhaupt in Betrieb. Er befindet sich in Moria, zehn Kilometer nördlich von Mytilene.

Widerstand aus der Bevölkerung und fehlende Finanzmittel haben ähnliche Einrichtungen auf vier anderen griechischen Inseln bisher verhindert. Auf Kos etwa streiten Landesregierung und Bürgermeister über Ort und Aufgabe eines noch zu schaffenden Hotspots. Der Lokalpolitiker will Flüchtlinge nicht länger als 24 Stunden auf der Insel behalten, alles andere sei schlecht für den Tourismus.

Solange noch gezankt wird, ändert sich am Zug der Flüchtlinge nach Norden nichts. Die Menschen kommen, auch an Tagen mit schlechtem Wetter. Als es kürzlich richtig eisig war, machten sich trotzdem knapp 2000 Menschen auf den Weg nach Lesbos. Die staatlichen Nachrichten berichteten später, die Schleuser hätten an diesem Tag ihre Preise halbiert, ein Schlechtwetterrabatt sozusagen. Die Überfahrt kostete so nur noch rund 500 Euro.

Sogenannter Hotspot in Moria: Warten auf die Weiterreise nach Norden
DPA

Sogenannter Hotspot in Moria: Warten auf die Weiterreise nach Norden

Die nackten Zahlen sind schon fast lächerlich einseitig: Von rund 30.000 Menschen, die im Januar in Griechenland angekommen sind, wurden gerade einmal 130 abgewiesen und in die Türkei zurückgeschickt.

Der Umverteilungsmechanismus funktioniert kaum besser. Von den angestrebten mehr als 60.000 Menschen, die nach festen Regeln und geordnet in andere europäische Länder gebracht werden sollen, ist nur ein Bruchteil tatsächlich umgesiedelt worden. Ein Vertreter der Asylbehörden sprach gegenüber SPIEGEL ONLINE von gerade einmal 157 Personen.

Dabei werden die Neuankömmlinge in Moria von den dortigen Behörden über das Programm informiert. Doch die überwältigende Mehrheit holt sich ihre temporären Papiere, steigt auf die nächste Fähre Richtung Festland und zieht dann weiter nach Norden. Das Ziel in den meisten Fällen: Deutschland.

Umsiedlung ist geplant - aber wer nimmt die Menschen auf?

Aber selbst, wenn mehr Migranten vorübergehend in Griechenland warten würden, anstatt weiterzuziehen, wo sollen sie unterkommen? Zu Recht hat Premier Alexis Tsipras unmenschliche Haftanstalten für Flüchtlinge stillgelegt. Eigentlich sollte Griechenland stattdessen Aufnahmezentren auf dem Festland bauen, die bis zu 20.000 Menschen unterbringen können. Bislang ist davon allerdings nichts zu sehen. "Es gibt nur Spekulationen, nichts Konkretes", sagt ein Vertreter des griechischen Einwanderungsministeriums.

Beim sogenannten Mietzuschuss-Programm kommt ebenfalls wenig voran. Im Rahmen dieser Initiative sollten Flüchtlinge finanzielle Hilfen beantragen können, um selbst Wohnungen anmieten zu können. Tsipras erhoffte sich als Nebeneffekt, dass der krisengeschüttelte Immobilienmarkt belebt würde. Aber passiert ist wieder: nichts. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen prüft das Flüchtlingshilfswerk UNHCR gerade Angebote von NGOs, die sich um das Mietprogramm kümmern wollen.

Die Angst vor dem Flaschenhals

Der Rest Europas verliert unterdessen die Geduld. Viele EU-Staaten werfen Tsipras vor, mit Absicht zu trödeln. Sein Kalkül sei, möglichst viele Flüchtlinge nach Norden weiterziehen zu lassen - aus Angst vor politischer Schwächung, wie sie Angela Merkel in Deutschland droht. Und um den Tourismus zu schützen.

Griechenlands Regierung weist das natürlich zurück. In Athen gibt es eine tiefsitzende Angst, dass jeder Mangel an Fortschritt Konsequenzen seitens der EU hat. Die nordeuropäischen Länder könnten ihre Grenzen weiter schließen - aus dem Transitland Griechenland würde dann ein Flaschenhals des Flüchtlingsstroms, ein "Lagerraum", wie Tsipras bereits warnte.

Aber selbst griechische Beamte machen Griechenlands Bürokratie für die langsame Entwicklung mitverantwortlich. Da ist etwas dran: Griechenland kann Prozesse extrem schnell beschleunigen - wenn es denn will. Die Olympischen Spiele von 2004 waren bis zur Perfektion durchgeplant. Möglich wurde das mit einem Mix aus viel Geld, einem starken politischen Willen, viel Rückhalt in der Bevölkerung und Sondergesetzen.

Keine Bürgerstimmung oder sonstige Bedenken konnten verhindern, dass mitten in der Nacht Notfallmaßnahmen verabschiedet wurden, um die Rettungskredite der Eurokrise zu sichern. Anscheinend verdient aus Sicht der griechischen Regierung eine menschliche Tragödie nicht denselben unerbittlichen Einsatz.

So wie es jetzt aussieht, werden die Flüchtlingszahlen im Frühjahr wieder einen Höhepunkt erreichen. Eines ist sicher: Es werden noch mehr Menschen in der Ägäis sterben.

Mehr zum Thema: Videoreportage aus Lesbos: "Es ist eine Schande"

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