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Flüchtlinge aus Nordafrika: Exodus übers Mittelmeer

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Die blanke Not treibt die Menschen aus den Elendsgebieten Afrikas. Im Osten hungern Millionen Menschen, und von der Nordküste machen sich jede Woche Hunderte auf gen Europa. Das Drama der Bootsflüchtlinge wird sich noch verschärfen - und die EU schaut zu.

Flüchtlinge aus Nordafrika: Gefährliche Reise übers Mittelmeer Fotos
mde.es

Hamburg - Fünf Tage wussten die Befehlshaber der Fregatte "Juan de Borbón" nicht, was sie mit den Flüchtlingen an Bord machen sollten. Mehr als hundert Männer, Frauen und Kinder hatten die Spanier am 11. Juli aus ihrem maroden Kahn im Mittelmeer gerettet. Die Insassen waren in Libyen gestartet. Sie hatten nach eigenen Angaben seit zwei Tagen nichts gegessen oder getrunken.

Doch auf die schnelle Hilfe folgte eine neue Episode europäischen Geschachers. Warum die "Juan de Borbón" mit den Afrikanern eigentlich so nah vor Malta ankerte, empörte sich der maltesische Innenminister Mifsud Bonnici. Sie könnten doch auch nach Italien oder Tunesien gebracht werden. "Das ist nicht unser Problem."

Nach tagelangem Gezerre mussten die Flüchtlinge schließlich in Tunesien von Bord gehen. Zurück in Nordafrika. Hauptsache nicht Europa.

49.000 Flüchtlinge sind seit Beginn der Unruhen in der arabischen Welt im Januar an italienischen und maltesischen Küsten gelandet. In der Öffentlichkeit aber wird ihr Leid kaum noch wahrgenommen. Stattdessen ist eine Diskussion über Grenzkontrollen entbrannt. Rechtspopulisten in der ganzen EU nutzen die Flüchtlingsfrage als politische Munition. Sie haben schon im Frühjahr schnell erkannt, wie sie mit der Angst vor den Fremden die anderen politischen Parteien vor sich hertreibenkönnen.

Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Wiedereinführung von Grenzkontrollen in Dänemark, vorangetrieben von der ausländerfeindlichen Volkspartei DVP. Der Schengen-Vertrag, der die Reisefreiheit in europäischen Staaten garantiert, wird damit aufgeweicht. Es ist ausgerechnet das Abkommen, das der damalige Außenminister Klaus Kinkel als einen "Meilenstein" feierte, als es 1995 in Kraft trat.

Doch 16 Jahre später erhöht Dänemark die Zahl der Stichproben, stellt zusätzliches Personal ein und baut mehr Kontrollgebäude. Auch Provinzbürgermeister in Ostdeutschland sehen jetzt ihre Chance gekommen. Um sich vor "Kriminellen" zu schützen, fordern sie stärkere Überprüfungen an der deutsch-polnischen Grenze.

Verdurstet, verhungert oder ertrunken

Die Europäer haben die gemeinsame Idee längst beschädigt. Nicht nur in der Euro-Krise, auch mit ihrer Reaktion auf die Nordafrika-Flüchtlinge haben sie bewiesen, wie wenig der Leitspruch "in Vielfalt geeint" in der Realität bedeutet. Immerhin erklärte EU-Kommissarin Cecilia Malmström zuletzt, die Kommission werde "nicht zögern, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel zu nutzen, um den freien Personen-, Waren - und Dienstleistungsverkehr zu garantieren". Man erwäge eine Klage gegen Dänemark vor dem Europäischen Gerichtshof.

Die Flüchtlingsfrage sei gerade keine nationale, "sondern eine europäische Angelegenheit", meint der Grünen-Bundestagsabgeordnete Tom Koenigs, der Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe ist. "Die Umwälzungen in der arabischen Welt erfordern Solidarität statt Abschottung." Wer sich für Menschenrechte in der arabischen Welt einsetze, müsse auch den Menschen helfen, die dort in Not seien.

Die Krise auf dem Mittelmeer ist nicht vorbei. Noch immer kommen neue Boote, oft sind sie in fröhlichem Gelb oder Rot gestrichen, manchmal mit Zeichnungen von Fischen oder Ankern verziert. Ein herber Kontrast zu der gefährlichen Überfahrt. 1500 Menschen gelten allein in diesem Jahr als vermisst, sie sind wohl verdurstet, verhungert oder im Mittelmeer ertrunken. Vor zehn Tagen geriet ein Boot vor der italienischen Insel Lampedusa erneut in Seenot, 231 Menschen waren an Bord. Sie konnten gerettet werden.

"Europa ist gefordert"

Italien rechnet für dieses Jahr mit etwa 100.000 Nordafrika-Flüchtlingen im Land. Kamen im Frühjahr vor allem Tunesier, um Arbeit zu suchen, verlassen die Kähne nun vor allem libysche Häfen. Fast die Hälfte der Menschen auf den Schiffen stammt aus Westafrika.

In Flüchtlingslagern in nordafrikanischen Staaten harren zudem Tausende aus. Sie sind vor der Gewalt in Libyen geflohen, etwa ins Nachbarland Tunesien. Sie könnten nicht in ihre Heimatländer zurückkehren, sagt UNHCR-Sprecher Stefan Telöken. Die Vereinten Nationen appellieren daher an europäische Staaten, Menschen aufzunehmen: "Europa ist als Mittelmeeranrainer gefordert, eine Perspektive für die Betroffenen zu schaffen." Die Organisation schlägt eine sogenannte "Resettlement"-Lösung vor - das heißt, dass Flüchtlinge in einem Drittland neu angesiedelt werden. Das Interesse aus der EU ist bislang gering.

Dabei wird sich die Situation wohl verschärfen. Christopher Hein vom Italienischen Flüchtlingsrat warnt davor, zu lange mit der Hilfe zu warten: "Sonst werden immer mehr versuchen, verzweifelt übers Mittelmeer zu kommen." In Libyen tobt der Krieg weiter. Alles hänge davon ab, wer die Macht in dem Land erringen werde, meint Hein. "Das kann eine neue Welle von Flüchtlingen bedeuten."

Das italienische Rote Kreuz befürchtet dies ebenfalls. Nicht nur aus Libyen, sondern auch vom Horn von Afrika - wo eine beispiellose Hungerkatastrophe droht - könnten die Menschen nach Europa strömen, glaubt Tommaso Della Longa, Sprecher beim Croce Rossa. "Die Flüchtlinge werden kommen. Und wir müssen ihnen helfen."

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insgesamt 212 Beiträge
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1. Macht
paradeis 29.07.2011
Zitat von sysopDie blanke Not treibt die Menschen aus den Elendsgebieten Afrikas. Im Osten hungern Millionen Menschen, und von der Nordküste machen sich jede Woche Hunderte auf gen Europa. Das Drama der Bootsflüchtlinge wird sich noch verschärfen - und die EU schaut zu. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775741,00.html
hoch die Tür die Tor macht weit.... mfg Paradeis
2. mitleid
pressemelders 29.07.2011
vor allem kommen doch wirtschaftsflüchtlinge. die quasi nackten aus somalia & co können sich wohl keine teure überfahr leisten. denn auch wenn lebensgefährlich, kassieren schlepper dafür horrende summen.
3. Woher soll das Geld kommen? Auch unser "Boot" ist voll...
Esox_Lucius 29.07.2011
Wo soll das Geld herkommen um auch noch zusätzlich ein paar (hundert) Tausend Afrikaner jedes Jahr in die Sozialsysteme Europas aufzunehmen. Reichen uns nicht unsere eigenen Probleme? Außerdem dürfte der Bedarf an qualifizierten Ziegenhirten in ganz Europa ausreichend gedeckt sein. Wir sind in erster Linie uns (Deutschland und Europa) und unseren Kindern (Schuldenproblematik) verpflichtet und können uns nicht um das Leid in der ganzen Welt kümmern. Bessere Grenzkontrollen und konsequente Abschiebung kann daher das einzige Motto sein.
4. ....
mm01 29.07.2011
Zitat von Esox_LuciusWo soll das Geld herkommen um auch noch zusätzlich ein paar (hundert) Tausend Afrikaner jedes Jahr in die Sozialsysteme Europas aufzunehmen. Reichen uns nicht unsere eigenen Probleme? Außerdem dürfte der Bedarf an qualifizierten Ziegenhirten in ganz Europa ausreichend gedeckt sein. Wir sind in erster Linie uns (Deutschland und Europa) und unseren Kindern (Schuldenproblematik) verpflichtet und können uns nicht um das Leid in der ganzen Welt kümmern. Bessere Grenzkontrollen und konsequente Abschiebung kann daher das einzige Motto sein.
Sagen Sie das nicht. Sollte unsere grüne Hysterie so weitergehen, haben wir bald keine Industrie mehr sondern nur noch Wald und Wiesen. Dann werden diese dringend benötigten Fachkräfte eingesetzt ;-)
5. .
recardo, 29.07.2011
Zitat von sysopDie blanke Not treibt die Menschen aus den Elendsgebieten Afrikas. Im Osten hungern Millionen Menschen, und von der Nordküste machen sich jede Woche Hunderte auf gen Europa. Das Drama der Bootsflüchtlinge wird sich noch verschärfen - und die EU schaut zu. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775741,00.html
Wir können hier in Europa und in Deutschland nicht die ganze Welt retten, dabei sind wir nicht nur leicht überfordert. Schon mal bemerkt, dass in Spanien 45% der jungen Menschen arbeitslos sind: Was ist mit denen? Kümmern wir uns auch um uns selbst? Ist bei uns alles so toll? Auch nicht, wir haben Probleme über Probleme. Außerdem herrscht in den genannten Staaten eine Überbevölkerung und die jeweiligen Herrscher können sich so ihrer "Probleme" leicht entledigen, ohne sich ändern zu müssen, ihre Lebensweise ändern zu müssen. Der Kampf der Kulturen findet innerhalb dieser Völker statt und wir müssen nur zusehen, wie wir am Besten da nicht mithineingerissen werden.
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