Flucht aus Schwarzafrika Die Vergessenen der Sahara

Überfälle, Krankheit, Verfolgung durch die Polizei - die Flüchtlingsroute durch die Sahara nach Algerien ist ein Pfad des Elends und der Gefahr. Migranten aus Schwarzafrika lassen sich davon nicht abschrecken. Der Traum von Europa treibt sie an. Für viele endet die Reise mitten in der Wüste.

AP

Aus Tamanrasset berichtet


Johnson ist zurück. Vier Monate war er fort, irgendwo im Niemandsland zwischen Mali und Algerien. Die Polizei hatte ihn geschnappt, hatte ihn zusammen mit 80 Schicksalsgefährten auf einen Lastwagen geladen und nach Tin Sawatin gekarrt, zwei Tage auf einer Ladefläche, 700 elende Kilometer lang nach Südwesten, nur über Sand und Steine. In einer Ansammlung von Blechhütten hatten die Polizisten ihre Ladung abgekippt und sich selbst überlassen.

"Sie haben uns behandelt wie Tiere", sagt Johnson. "Ein Brot am Tag und Wasser von der Viehtränke. Selbst würden sie das nie trinken."

Aber jetzt ist Johnson, 32, wieder zurück in Tamanrasset, im Süden von Algerien, mitten in der Sahara. Noch ein bisschen hagerer, noch ein bisschen schmaler als vorher. Er hat sich die 700 Kilometer zurückgekämpft. Aufgebrochen waren sie in Tin Sawatin zu zweit, angekommen ist er allein. 40 Kilometer vor der Stadt habe er seinen Freund begraben, behauptet Johnson, gestorben an einem geplatzten Blinddarm. "Er hat es nicht mehr geschafft."

Es gibt nicht viele Flüchtlinge, die die Wüstenstadt Tamanrasset so gut kennen wie Johnson Varny. 1995 kam er zum ersten Mal an. Damals war er 16. Drei Jahre zuvor war er aus dem umkämpften Liberia geflohen. Wie oft er inzwischen, freiwillig und unfreiwillig, Tamarasset gesehen hat, weiß er nicht mehr. Im Jahr 2000 habe er es schon einmal bis Oran am Mittelmeer geschafft, sagt er. Doch bevor er ein Boot nach Europa fand, schnappte ihn die Polizei und schob ihn ab.

Magnet Europa

Seit knapp 20 Jahren ist Tamanrasset Durchgangsstation für Migranten aus Schwarzafrika. 100.000 Einwohner groß, rings herum nur Sand, Steine und Felsen. Erst waren es einige Dutzende, dann plötzlich Hunderte, inzwischen Zehntausende, die die Stadt jährlich passieren. Sind es Flüchtlinge, Wanderarbeiter, Migranten? Die Grenzen sind fließend. Sie bleiben Wochen oder Monate, häufig auch Jahre. Dann ziehen sie weiter.

Auf drei Routen nach Europa: an der Westküste entlang, durch Algerien oder Libyen
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Auf drei Routen nach Europa: an der Westküste entlang, durch Algerien oder Libyen

Dann gibt es für sie nur noch ein Ziel - Europa. Sie werden von dem Kontinent im Norden angezogen wie Eisenspäne vom Magneten. Nur 15 bis 20 Prozent, so schätzen Experten, kommen tatsächlich an. Aber sie lassen sich nicht abhalten, nicht von Stacheldraht und Grenzern, nicht von Räubern und auch nicht von den Berichten über die vielen hundert Flüchtlinge, die jedes Jahr bei der Überfahrt ertrinken. Sie wollen dem Elend zu Hause entkommen, und sie eilen den Träumen hinterher, die das Satelliten-Fernsehen in ihre Köpfe gepflanzt hat.

Tamanrasset hat in diesen 20 Jahren eine erstaunliche Entwicklung erfahren: Es gibt geteerte Straßen, Bürgersteige, Strom, neue Stadtviertel und sogar eine Universität. Gebaut mit Öl- und Schmuggelgeldern, aber auch mit der Arbeitskraft und den Millionen, die die Kurzzeit-Gäste hinterlassen haben.

Im Revier der Illegalen

Am Westrand der Stadt beginnt hinter den letzten Wohnvierteln übergangslos die Wüste. Noch einen Kilometer leicht hügelan, dann ist man im Revier der Illegalen: ein paar Decken, tagsüber unter Felsen gerollt, ein bisschen Feuerholz und ein paar Töpfe, Wasserflaschen und viel Müll. Hier logiert das nackte Elend.

Keine Regierung und keine Hilfsorganisation hilft. Algerien will keine Unterstützung für Wanderarbeiter. Ein paar barmherzige Ordensschwestern bringen manchmal Decken vorbei, eine italienische Organisation gibt Geld für Medikamente, und zwei, drei Ärzte aus dem Krankenhaus behandeln umsonst. Mehr an Hilfen gibt es nicht.

Johnson hustet, er hat Tuberkulose, auch er bräuchte Medikamente, aber wovon bezahlen? Auch er haust draußen bei den Felsen. Seine ganze Gruppe schläft dort, morgens schleichen sie sich in die Stadt, Steine schleppen, Malern oder Ziegelbrennen. Oder einfach nur warten. Nicht immer geht es gut. "Du arbeitest für einen Araber", sagt Johnson. "Tagelang, wochenlang, aber anstatt dir am Ende das Geld zu geben, ruft er die Polizei."

4000 Euro kostet die Fahrt

Wenn sie genug für die Weiterfahrt gespart haben, könnten sie bequem mit einem Bus in Richtung Algier rollen. Aber sie besteigen, ausgerüstet mit Brot, ein paar Konserven und einem Wasserkanister, in einem Hinterhof einen Lastwagen. Gestartet wird nachts, um die Kontrollen zu umgehen, verlässt der Fahrer am Stadtausgang die Teerstraße und rumpelt auf Pisten in Richtung Norden.

4000 Euro kostet die Fahrt nach Marokko, sagt Johnson, 6000 Euro inklusive Überfahrt nach Spanien. Die Nigerianer hätten das Geschäft fest im Griff. Frauen hätten es leichter, findet Johnson. Mit der nicht unerheblichen Einschränkung, dass sie ihre Schulden in spanischen Bordellen abarbeiten müssen.

Es sind Hunderttausende, die von Süden aus gegen die Wagenburg Europa anrennen. Gegen den alten Kontinent, der die Mauern immer höher zieht und über Drohnen, Offshore-Sensoren und Satellitensuchsysteme nachdenkt, um den Ansturm abzuwehren. Bis zu zwei Milliarden Euro will die EU für neue Sicherheitssysteme an den Außengrenzen ausgeben.

Die Migranten wird das nicht bremsen. Sie brechen auf an den Küsten Ghanas, in den Dörfern der Elfenbeinküste oder in Hauptstädten wie Kinshasa. Meistens hat die Familie zusammengelegt, manchmal das ganze Dorf. Oft sind es die Erstgeborenen einer Familie, die losziehen - weil sie eine innere Verpflichtung verspüren, das Abenteuer suchen. Vor allem aber, weil sie dem Elend entfliehen wollen.

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insgesamt 55 Beiträge
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bvoll 26.06.2012
1. Das Elend nimmt täglich zu
Die massive Zunahme der Bevölkerung Afrikas, wird im Artikel mit keinem Wort erwähnt, dabei ist sie die Hauptursache dieses Elends. Dieser Kontinent ist nicht dazu in der Lage, die Menschen mit dem nötigsten zu versorgen. Jeder, durch Entwicklungshilfe erreichte Fortschritt, wird durch die Bevölkerungsexplosion sofort wieder zunichte gemacht. Man kann sich die Entwicklungshilfe sparen, solange sich die Menschen dort so rücksichtslos vermehren.
Cartman 26.06.2012
2. Schuld sind wir!
Wir beuten diese Länder aus indem wir dort produzieren wo es für uns am billigsten ist ohne auch nur einen Gedanken an die Menschen zu verschwenden welche sich für uns krank und kapputt schuften unter unmenschlichen Bedingungen. Anstatt diesen Leute eine Lebensgrundlage zu bieten verkaufen wir ihnen genmanipulierte Samen die sie immer wieder kaufen müssen weil die Pflanzen keine mehr geben bzw. unbrauchbare Samen spriessen. Errichten wir doch noch ein paar Grenzzäune und lassen die Marine Flüchtlingsboote versenken es hat alles keinen Zweck solange wir die Lebensgrundlage dieser armen Menschen nicht verbessern die lieber draufgehen als weiterhin in diesem Zustand zu leben. Diese Dekadenz widert mich an!
the_squire 26.06.2012
3.
Die Milliarden für eine Verstärkung der europäischen Außengrenze sollten besser mal in die Staaten investiert werden, aus denen unsere illegalen Einwanderer stammen. Es gilt die Probleme im Ursprungsland zu lindern und soziale Ungerechtigkeit auszugleichen. Dann kommen nämlich auch weniger Einwanderer.
the_squire 26.06.2012
4. @bvoll
Entwicklungshilfe trägt auch zur Bildung der Gesellschaft bei um unnötigen Bevölkerungswachstum einzudämmen. Ansonsten zeigt ihr Kommentar aber auch ihre Ahnungslosigkeit bzgl. afrikanischer Realitäten. 'Rücksichtslos' erscheinen dabei besonders sie selber.
F.X.Fischer 26.06.2012
5.
Zitat von CartmanWir beuten diese Länder aus indem wir dort produzieren wo es für uns am billigsten ist ohne auch nur einen Gedanken an die Menschen zu verschwenden welche sich für uns krank und kapputt schuften unter unmenschlichen Bedingungen. Anstatt diesen Leute eine Lebensgrundlage zu bieten verkaufen wir ihnen genmanipulierte Samen die sie immer wieder kaufen müssen weil die Pflanzen keine mehr geben bzw. unbrauchbare Samen spriessen. Errichten wir doch noch ein paar Grenzzäune und lassen die Marine Flüchtlingsboote versenken es hat alles keinen Zweck solange wir die Lebensgrundlage dieser armen Menschen nicht verbessern die lieber draufgehen als weiterhin in diesem Zustand zu leben. Diese Dekadenz widert mich an!
…was produzieren wir den dort? Das Problem Afrikas ist es ja gerade, dass dort so gut wie nichts produziert wird!!!! Nun, - hauptsächlich der Westen leistete seit den 1960ern bis Anfang 2000 direkte staatliche Entwicklungshilfe in Höhe von 600 Milliarden (…ohne private Hilfen und Nothilfen). Länder wie China, Pakistan oder Indien hingegen investieren in riesige zentral verwaltete Agrarfarmen beispielsweise in Äthiopien, in denen dann Lebensmittel für den Export produziert werden, - gleichzeitig darf der Westen den mit Lebensmitteln aushelfen! Langsam reicht‘s mit diesen reflexartigen durch und durch bigotten Schuldzuweisungen an den Westen! Die kapitalistische Handelspolitik des Westens hat Länder wie China, Korea, Japan, Taiwan, Hong Kong, Singapur, Vietnam nicht daran gehindert, sich erfolgreich zu entwickeln, - und dies obwohl Korea, China & Vietnam wegen Kriegszerstörungen und zeitweiser extremer Mißwirtschaft schlechtere Startchancen als manche entkolonialisierten Länder Afrikas in den 1960ern hatten! Nach Afrika flossen und versickerten Milliarden, - weit mehr als die Länder Asiens erhielten! Südostasien brauchte keine Europäer, die ihnen die Lebensgrundlage verbesserten, - sie taten es selbst! Und mich widert jene Gutmenschenbigotterie an, die reflexartig die Ursache aller Not und Unterentwicklung beim Westen, Kapitalismus und Christentum sucht und der man dabei das eitle Gefühl der moralischen Überlegenheit über seine Mitmenschen deutlich anhört!
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