Syrischer Arzt auf der Flucht nach Deutschland "Ich werde gezwungen, illegal einzureisen"

Malek Dully will zu seiner Frau, nach Deutschland. Aber seine Papiere sind mit seinem Haus in Syrien zerstört; auf legalem Weg hat der Syrer keine Chance. Auf anderen Wegen ist er fünfmal gescheitert. Doch er gibt nicht auf.

Flüchtling Dully: Zerbombtes Haus in Syrien
Hasnain Kazim

Flüchtling Dully: Zerbombtes Haus in Syrien

Von , Istanbul


Stundenlang hat Malek Dully im deutschen Generalkonsulat in Istanbul ausgeharrt. Schlange stehen, Sicherheitskontrolle, wieder warten. Dabei hatte er online einen Termin beantragt - ohne den gibt es kein Vorsprechen im Konsulat. "Sie müssen 15 Minuten vor dem vereinbarten Termin da sein", steht in der E-Mail, die er erhalten hat. Er war eine Stunde vorher da. Außerdem ist eine Liste mit Dokumenten angehängt, die er mitzubringen hat. "Nur Antragsteller mit vollständigen Unterlagen werden in die Visastelle eingelassen", heißt es weiter. Gut eine Woche ist das jetzt her.

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"Vollständige Unterlagen", sagt Dully und schnaubt. "Mein Haus ist zerbombt, ich besitze nur noch das, was ich am Leib trage, und die verlangen vollständige Unterlagen." Dully, 30, stammt aus der syrischen Stadt Deir al-Sor, die am Euphrat liegt. Bis vor zwei Jahren hat er geglaubt, dass alles gut werden würde in seiner Heimat. Gerade hatte er sein Medizinstudium abgeschlossen und Arbeit als Anästhesist an drei Krankenhäusern der Stadt gefunden. Er hatte geheiratet und gehofft, dass der Bürgerkrieg bald enden und er eine Familie gründen würde.

Bei einem Luftangriff wurde Dullys Haus zerstört. Zunächst lebte er zwischen Trümmern, später bei Verwandten. Anfang 2013 rückten islamistische Rebellen vor. Dully blieb. Vielleicht, hoffte er, würde irgendjemand diese Dschihadisten wieder vertreiben.

Als die Islamisten kamen, flüchtete Dully

Aber sie blieben. Dully und seine Familie beschlossen vor einem Jahr, Syrien zu verlassen. Seiner Frau und deren Eltern gelang die Flucht nach Deutschland. Dully schlug sich mit seinen Eltern bis zur türkischen Grenze durch. Als Syrer konnten sie problemlos in die Türkei einreisen. Die Eltern blieben bei Bekannten in der Grenzregion, Dully selbst fuhr weiter nach Istanbul - mit dem Ziel, zu seiner Frau nach Deutschland zu kommen.

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Alle, die er in Istanbul fragte, sagten ihm: Vergiss es! Das schaffst du nie! Du brauchst einen Schlepper, aber der kostet richtig viel Geld! "Das Problem mit Deutschland ist, dass man gezwungen wird, illegal einzureisen", sagt Dully. "Kommt man über ein sicheres Drittland, und das sind ja alle Länder, die Deutschland umgeben, wird man dorthin zurückgeschickt."

Schnell fand der junge Arzt Kontakt zu Schleusern. Sie boten ihm mehrere Möglichkeiten an: einen Flug nach Deutschland mit gefälschtem Pass für mehr als 10.000 Euro; eine Fahrt übers Meer nach Griechenland, von dort weiter auf dem Landweg für etwa 2500 Euro; oder die Flucht zu Fuß von der Türkei nach Bulgarien und weiter auf eigene Faust nach Deutschland für 500 Euro. Dully wusste, dass er ohne Papiere keine Chance hat, legal nach Deutschland zu kommen.

"Bei uns gibt es keinen Gott"

"Fünfmal bin ich über die Grenze nach Bulgarien", erzählt er. Jedes Mal traf er seine Schlepper in der türkischen Grenzstadt Edirne. Sie brachten ihn im Schutz der Dunkelheit bis auf ein paar hundert Meter an die Grenze und sagten ihm, er solle einfach laufen, bis er irgendwann in ein Dorf komme. Das sei dann ein bulgarisches Dorf, gelobte EU, fast Deutschland. Aber jedes Mal wurde er von bulgarischen Grenzpolizisten aufgegriffen und in die Türkei zurückgeschickt.

Einmal fand er sich plötzlich mit zwei syrischen Jungen wieder, einem 16-Jährigen und einem Elfjährigen. "Der Schlepper sagte: Die gehen mit dir." Gemeinsam überquerten sie also heimlich die Grenze, liefen mitten in der Nacht orientierungslos über Felder und Wiesen. Als sie sich einem Ort näherten, gingen die Scheinwerfer eines Autos an. Die drei warfen sich ins Gebüsch, aber es half nichts - sie wurden erwischt.

Einer der Jungen flehte: "Bei Gott, schicken Sie uns nicht wieder zurück!" Ein bulgarischer Grenzpolizist erwiderte: "Bei uns gibt es keinen Gott." Stunden später wurden sie türkischen Polizisten übergeben, die sie laufen ließen, denn in der Türkei durften sie sich ja legal aufhalten.

Einmal, als er wieder zurückgeschickt worden war von den Bulgaren, nahm ihm ein Bauer sein Smartphone ab und sagte, er könne es für 200 Dollar wiederhaben. Ausgerechnet sein Telefon, die einzige Verbindung zu seiner Frau in Deutschland, zu seinen Eltern an der Grenze zu Syrien und zu Freunden, die in Syrien geblieben sind, die "einzige Verbindung zu meinem Leben", wie er es nennt. Dully zahlte. Es war fast das gesamte Geld, das er bei sich hatte. "Als Flüchtling bist du der letzte Dreck. Jeder kann mit dir machen, was er will."

Heiratsurkunde im zerbombten Haus in Syrien

Dully entschied sich, es nun doch auf legalem Weg nach Deutschland zu versuchen. "Aber im Konsulat sagten sie mir, sie könnten nichts für mich tun, weil ich keine Papiere hätte. Dass meine Frau längst in Deutschland ist, ließen sie nicht gelten, weil ich keine Heiratsurkunde habe. Die liegt irgendwo in den Trümmern meines Hauses in Deir al-Sor." Ein Konsulatsmitarbeiter riet ihm, er könne doch eine neue Urkunde beantragen. "Aber wie soll ich zurück nach Deir al-Sor? Dort herrscht jetzt der IS."

Im Auswärtigen Amt weiß man um diese Problematik. Etwa ein Drittel aller Syrer käme ohne Papiere zu den diplomatischen Vertretungen in der Türkei oder im Libanon. "Was sollen wir machen? Irgendeine Identitätsfeststellung müssen wir vornehmen, selbst wenn es nur die Kopie eines abgelaufenen Führerscheins ist", sagt ein Diplomat in Berlin. Die Behauptung allein, der Ehepartner sei schon in Deutschland, genüge nicht. "Wir wollen schließlich auch verhindern, dass Terroristen nach Deutschland kommen."

Drei Möglichkeiten gibt es nach derzeitigem Recht für Syrer, nach Deutschland zu kommen:

  • per Touristenvisum, das sie aber so gut wie nie erhalten, da hier die Rückkehrbereitschaft erkennbar sein muss,
  • über Aufnahmeprogramme von Bund und Ländern mit derzeit knapp mehr als 20.000 Plätzen, die jedoch allesamt belegt sind,
  • im Rahmen der Familienzusammenführung, für die aber die Verwandtschaft nachgewiesen werden muss.

Keine Chance für Dully also. "Ich habe lauter Hochzeitsfotos auf meinem Handy", sagt er und zeigt die Bilder. "Und ich habe Fotos von meinem zerstörten Haus. Außerdem können viele Menschen bezeugen, dass ich verheiratet bin." Aber das alles zählt nicht.

Jetzt arbeitet er, der ausgebildete Arzt, für umgerechnet 400 Dollar im Monat in einer Textilfabrik in Istanbul und näht Damenbekleidung zusammen. Vielleicht wird er es noch einmal auf dem Landweg versuchen. Seine Hoffnung ruht auf der Bundesregierung. "Dort, wo Menschen in Not sind, werden wir helfen, auch durch zusätzliche Aufnahme von Flüchtlingen", hatte Kanzlerin Angela Merkel im September gesagt. Vielleicht, hofft Dully, werde er ja davon profitieren.

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Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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