Flucht aus Syriens Bürgerkrieg Die Davongekommenen

Seit vier Jahren berichtet Raniah Salloum über den Bürgerkrieg in Syrien. Über Bomben, Folter und Verzweiflung, den Horror der Flucht. Dennoch: Der gefährliche Weg nach Europa ist für sie eine Geschichte der Hoffnung.

Syrische Flüchtlinge (auf der griechischen Insel Kos): Wer überleben will, muss fliehen
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Syrische Flüchtlinge (auf der griechischen Insel Kos): Wer überleben will, muss fliehen


Das Bild des toten Jungen, der am türkischen Strand angespült wurde, zwingt uns hinzuschauen. Die kleinen Schuhe, die blaue Hose, das rote T-Shirt. Es hätte unser Kind sein können. Alan Kurdi, wie der Dreijährige hieß, macht die syrische Tragödie für uns sichtbar.

In den Kindern, die nahezu täglich in Syrien von Bomben zerfetzt werden, verhungern oder vom "Islamischen Staat" verschleppt und zu Kindersoldaten indoktriniert werden, erkennen wir uns offenbar nicht wieder. Wir nehmen sie nicht einmal mehr wahr.

Für viele in Europa war der Krieg in Syrien bisher weit weg. In den kommenden Wochen, wenn das Meer rauer wird, werden wohl noch viele Leichen vor den Stränden Europas angeschwemmt. Ich hoffe, wir werden uns nicht auch daran bald gewöhnen.

Wer in Deutschland erinnert sich noch an die Bilder des zu Tode gefolterten 13-jährigen Hamza al-Khatib oder die aufgereihten Kinderleichen nach dem Giftgasanschlag von Damaskus? Diese Bilder aus Syrien bewegten die Welt ebenfalls vor ein paar Jahren für einen Moment. Die Syrer haben sie nicht vergessen. Sie zeigen, wovor sie fliehen.

Wer flieht, hat Hoffnung

In den vergangenen Wochen haben mich viele gefragt: Ist es nicht schrecklich, über die Flüchtlingskrise zu berichten? All das Elend, die Strapazen, das Leid, das die Menschen hinter sich haben. Familien wie die von Alan Kurdi, die ihre Zukunft lieber wackeligen Booten anvertrauen als dem Land, das sie hinter sich lassen.

Nein, im Gegenteil. Meine Erlebnisse mit den Flüchtlingen waren so ziemlich das hoffnungsvollste, über das ich in den letzten Jahren berichten konnte. Denn die Menschen, die sich auf den Weg machen, haben Zuversicht. Sie fliehen mit dem Blick nach vorn, nicht nach hinten.

Diejenigen, die erschöpft an Europas Stränden sitzen oder sich später in überfüllten Züge drängen: Sie haben es geschafft. Sie sind die wenigen, die Glücklichen. Sie leben noch. Sie sind in Sicherheit. Sie konnten sich die Aussicht auf ein besseres Leben leisten.

Ich berichte über die Gewalt in Syrien, seit der Konflikt 2011 begonnen hat. Ich habe gesehen, wie Hoffnung in Enttäuschung, Wut und Bitterkeit umschlug. Und irgendwann in Resignation. Viele sind gestorben. Es ist ein Bürgerkrieg. Mittlerweile weiß ich, warum Bürgerkriege so heißen. Nicht, weil dort Bürger gegeneinander kämpfen, sondern weil sie die Hauptleidtragenden sind.

Was sollen die Menschen tun, wenn Milizen untereinander um eine Neuverteilung der Macht und des Geldes ringen? Kugeln, Bomben und Giftgas lassen sich mit Worten nicht stoppen. Wer überleben will, muss fliehen.

Mit einem gewaltsamen Tod muss man ständig rechnen

Ich kannte Menschen, die zu lange gewartet haben. Sie dachten: Uns wird es schon nicht erwischen. Doch der Bürgerkrieg kann einen eben doch erwischen, immer und überall. In der Universität, wenn die Scud-Rakete einschlägt. Auf dem Schulhof, wo die Mörsergranaten Löcher reißen. Auf dem Weg zum Bäcker, wenn ein Fass voll Sprengstoff und Metallsplittern aus einem Hubschrauber geworfen wird. Auf dem Weg zur Arbeit, wenn man entführt und später ermordet wird - obwohl die Verwandten Lösegeld zahlen.

Wie bei der Mutter, die sich bis heute nicht erklären kann, warum einer ihrer Söhne vom Geheimdienst in seinem Büro abgeholt wurde und für immer verschwand. Der Sohn war unpolitisch, nie auf einer Demonstration gewesen, hatte nicht eine einzige kritische Facebook-Seite empfohlen. Alles Nachfragen half nichts.

Nach zwei Jahren bekam sie ein offizielles Schreiben, in dem stand, ihr Sohn sei in Haft mit 24 Jahren an einem Herzinfarkt verstorben. Jeder in Syrien weiß, was das bedeutet: Tod durch Folter. Das sei bereits ein Jahr her, hieß es in dem Brief weiter. Man habe ihn schon begraben. Wo, verriet man ihr bis heute nicht.

Wie die Bekannte, die vor Kurzem zu ihrer Familie nach Syrien gereist ist. Vier Jahre lang war sie nicht mehr dort gewesen, bei den Eltern und Geschwistern. Zu groß war die Angst. Warum sie nun gefahren ist? "Ich habe mir gedacht, ich muss es riskieren", sagte sie. "Meine Eltern wohnen keine 20 Kilometer entfernt von der Front mit dem 'Islamischen Staat'. Wenn der weiter vorrückt, sehe ich sie nie wieder."

Die syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern sind völlig verarmt

Acht Millionen Menschen, fast die Hälfte der Bevölkerung, sind innerhalb Syriens auf der Flucht. Es sind die Ärmsten der Armen. Viele von ihnen können sich nicht einmal mehr die Flucht in eines der Nachbarländer leisten. Ohnehin haben viele Nachbarn ihre Grenzen inzwischen dicht gemacht und lassen nur noch diejenigen durch, die Geld mitbringen.

Doch auch jene, die es aus dem Land schaffen, haben selten eine Zukunft. In Syriens Nachbarstaaten leben Millionen Flüchtlinge - und das teils schon jahrelang. Es ist eine enorme Belastung für die Anrainer. Gleichzeitig geht die ohnehin schon zögerliche internationale Spendenbereitschaft weiter zurück. Viele syrische Flüchtlinge dort sind inzwischen völlig verarmt.

Das zeigt sich in den Straßen Beiruts, Istanbuls und Ammans: Dort verkaufen abgemagerte Kinder Blumen oder Kugelschreiber, weil die Familie anders nicht über die Runden kommt. Für den Libanon geht die Uno davon aus, dass drei Viertel aller syrischen Familien unterhalb der örtlichen Armutsgrenze leben. Die liegt bei 3,42 Euro pro Person und Tag.

Die Männer müssen fliehen, sonst müssen sie kämpfen

Nur diejenigen, die noch nicht alles verloren haben, können überhaupt nach Europa aufbrechen. Am Beiruter Flughafen habe ich in dieser Woche gesehen, wie sich Dutzende besser gestellte Familien aus dem Zentrum von Damaskus auf den Weg machten. Mitten im Pulk der "normalen" Reisenden mit ihren Rollkoffern standen die Syrer in Turnschuhen, als Gepäck nur einen kleinen Rucksack und vielleicht noch einen Schlafsack oder eine Isomatte daraufgeschnallt.

Es ist ein Massenexodus stolzer Damaszener, deren Familiengeschichte oft seit Jahrhunderten mit der Hauptstadt verwoben ist. Sie fliegen vom Libanon aus in die Türkei. Dann geht es auch für sie weiter mit der illegalen Überfahrt im Boot auf die griechischen Inseln. Täglich ertrinken dabei Menschen wie nun die Familie Kurdi.

Ich habe mich am Flughafen von Beirut von einem Bekannten aus Damaskus verabschiedet. Als Mann in wehrfähigem Alter müsste er dem Assad-Regime als Kanonenfutter dienen. Dann lieber die Flucht. Einer seiner Cousins wurde von Rebellen ermordet, ein anderer vom Regime. Der ganz normale Bürgerkriegwahnsinn. Viele Syrer werden von allen Seiten beschossen, gefoltert, entführt. Manche, die es bis nach Deutschland schaffen, wurden zuvor erst von den einen, dann den anderen gefoltert.

Es wird eine große Herausforderung, die vielen Flüchtlinge in Europa zu integrieren. Oft macht mir das Sorgen, obwohl ich bereits erlebt habe, wie es mit den Balkankrieg-Flüchtlingen und den Spätaussiedlern gelang. Doch als die Syrer am Flughafen zur Sicherheitskontrolle aufgebrochen sind, konnte ich nur an eines denken:

Ich hoffe, sie schaffen es.

Zur Autorin
Raniah Salloum ist Redakteurin im Politikressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Raniah_Salloum@spiegel.de

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