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Flüchtlinge: Warum jetzt so viele Menschen kommen

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Zu viele, um alle aufzuhalten: Ungarische Polizisten versuchen Flüchtlinge in ein Camp zurückzubringen, aus dem sie ausgebrochen waren Zur Großansicht
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Zu viele, um alle aufzuhalten: Ungarische Polizisten versuchen Flüchtlinge in ein Camp zurückzubringen, aus dem sie ausgebrochen waren

Jeden Monat kommen neue Rekordzahlen an Flüchtlingen in Europa an. Warum machen sich gerade jetzt so viele auf den Weg? Dafür gibt es mehrere Gründe.

Noch mehr Syrer als sonst haben sich diese Woche vor der deutschen Botschaft im Libanon eingefunden. Sie ist auch für Syrien zuständig. Die meisten Syrer waren direkt aus ihrem Heimatland zur Botschaft angereist. Dafür haben sie Hunderte Dollar ausgegeben, um für ihre Familien die nötigen Hotelreservierungen im Libanon zu machen, ohne die der libanesische Grenzposten sie nicht mehr einreisen lässt.

Der Grund für den Ansturm: Über soziale Netzwerke hatte sich das Gerücht verbreitet, Deutschland werde Schiffe senden, um Syrer direkt vom Libanon und von der Türkei aus nach Europa zu bringen.

Doch es war eben nur: ein Gerücht. Und damit einer der Gründe, warum sich gegenwärtig so viele Menschen auf den Weg nach Europa machen. Weitere sind:

  • Sommer: Das Mittelmeer gilt in den Sommermonaten als ruhiger, die Reise daher als ungefährlicher. Auch die Weiterreise über den Balkan, bei der die Fliehenden oft im Freien schlafen müssen, ist jetzt leichter und weniger riskant als im Winter.

  • Wehrdienst: Viele junge Männer aus Syrien und dem Irak fliehen, weil sie sonst als Kanonenfutter dienen müssten. Derzeit jagt das syrische Assad-Regime sie besonders aggressiv, weil ihm die Kämpfer ausgehen. Aber auch andere Milizen erhöhen den Druck. In den syrisch-kurdischen Gebieten hat die YPG, der syrische Ableger der PKK, gerade eine Wehrpflicht für die Männer eingeführt.

  • Vormarsch der Dschihadisten: In Syrien rückt der "Islamische Staat" in der Provinz Homs vor. Dort leben viele Syrer, die religiösen Minderheiten angehören. Viele von ihnen haben den Glauben an eine Zukunft in ihrer Heimat verloren. Sie setzen sich lieber direkt nach Europa ab, als innerhalb Syriens zu flüchten.

  • Perspektivlosigkeit: Sie ist der wichtigste Fluchtgrund. Seit Jahren tobt die Gewalt in Syrien und im Irak. Das Leben vieler Menschen steht still. Sie können aus Angst vor Gefechten ihre Häuser kaum verlassen, nicht mehr zur Arbeit, nicht mehr zur Universität oder Schule gehen. Um sie herum wird alles teurer und frisst ihre Ersparnisse auf. Der Krieg durchdringt ihr Leben. Alles wird immer schlimmer, kein Ende ist absehbar.

  • Ketteneffekt: In der Heimat herrscht Hoffnungslosigkeit. In den sozialen Netzwerken sehen die Menschen fröhliche Bilder und Berichte von Freunden und Verwandten, die bereits nach Europa aufgebrochen und angekommen sind. Nun setzen auch die Zurückgebliebenen all ihre Hoffnung auf die Ferne. Der Ketteneffekt funktioniert sogar länderübergreifend: Die Iraker sehen, wie die Syrer einen Weg nach Westeuropa gefunden haben und reisen hinterher. Auch andere sehen ihre Chance gekommen: Junge Iraner, Afghanen, Pakistaner reisen in die Türkei und schließen sich an.

  • Schlepper: Einige der Etappen auf dem Weg nach Europa lassen sich nur mit Schmugglern überwinden. Die Kriege im Irak und in Syrien, Länder mit einer großen Mittelklasse, schaffen eine riesige Nachfrage und bringen viel Geld ins Spiel. Nun sind die großen kriminellen Banden in diesen Markt eingestiegen und machen ihn zunehmend "professioneller". Sie bieten in sozialen Netzwerken eine Palette von Angeboten an. Plötzlich kann jeder nach Europa kommen, solange man genug Geld mitbringt. Zusätzlich kurbeln die Schmuggler selbst die Nachfrage an. Meist gibt es Sonderangebote. Wer vier, fünf weitere Mitreisende rekrutiert, fährt selbst umsonst. Oder es werden gezielt Gerüchte gestreut, um die Menschen zu locken.

Das Gerücht mit den von Deutschland eingesetzten Schiffen übrigens, das viele Syrer vor die deutschen Botschaften in den Libanon oder in die Türkei lockte, wurde offenbar absichtlich lanciert. Das deutsche Außenministerium vermutet Schmuggler dahinter und hat schnell reagiert. Auf den Webseiten der deutschen Botschaften im Libanon, in der Türkei und in Saudi-Arabien - also Ländern, in denen sich sehr viele Syrer aufhalten - stellte es auf Arabisch klar, dass es sich um eine von Schmugglern in die Welt gesetzte Lüge handele. "Schmuggler sind Kriminelle und werden immer Kriminelle bleiben", hieß es dort.

Ihr einziges Interesse sei es, mit dem Leben der Flüchtlinge Handel zu betreiben.

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