Flüchtlinge aus Ungarn Fast alle wollen nach Deutschland

Tausende Flüchtlinge reisen von Budapest nach Wien und München. Derweil drängen viele weitere über die serbisch-ungarische Grenze, die Polizei dort scheint völlig überfordert. Die Lage an allen vier Orten - der Überblick.


Tagelang harrten sie unter menschenunwürdigen Verhältnissen am Budapester Ostbahnhof aus, nun sind am Samstag Tausende Flüchtlinge in Österreich und Deutschland angekommen.

Ungarische Busse hatten die Menschen am Freitagabend an die österreichische Grenze gebracht, Österreich und Deutschland erklärten sich daraufhin bereit, die Flüchtlinge ohne bürokratische Hürden und Kontrollen einreisen zu lassen. Bahnen und Sonderzüge wurden eingesetzt.

Nun muss Deutschland rasch für die Verteilung und Unterbringung von Tausenden Menschen sorgen. Derweil machen sich viele weitere Flüchtlinge auf den Weg in Richtung Westen.

Wie ist die Lage vor Ort? Der Überblick.

Deutschland:

  • Die Bezirksregierung von Oberbayern rechnet mit bis zu 8000 Migranten allein am Samstag. Nach einem Sonderzug am Samstagmittag trafen am Münchner Hauptbahnhof im Stundentakt weitere Züge mit jeweils mehreren Hundert Flüchtlingen vor allem aus Syrien ein. In der Nacht sollte laut dem Regierungspräsidenten von Oberbayern, Christoph Hillenbrand, noch ein Zug mit tausend Flüchtlingen eintreffen.
  • Hillenbrand, der in München den Einsatz und das Zusammenspiel aller Beteiligten koordiniert, rechnete auch am Sonntag mit Tausenden Neuankömmlingen: "Es wird womöglich in dem Takt wie heute weitergehen."
  • Polizeibeamte, Katastrophenhelfer und Freiwillige nehmen die Flüchtlinge in Empfang. In München werden sie direkt am Bahnhof und in einer schnell hergerichteten Fabrikhalle in der Nähe mit Nahrungsmitteln sowie Kleidung versorgt, bevor sie auf Aufnahmeeinrichtungen und Notunterkünfte verteilt werden. Zwei Messehallen in München werden zu Notunterkünften umfunktioniert. 1700 Betten und 1500 Sitzplätze werden bereitgestellt.

  • Die Migranten sollen laut Innenministerium noch am Wochenende mit Zügen und Bussen auf die Bundesländer verteilt werden. Der hierfür von den Behörden angewandte "Königsteiner Schlüssel" basiert auf den Steuereinnahmen und Einwohnerzahlen der Länder und sieht vor, dass jedes Bundesland eine bestimmte Quote aufnehmen muss.
  • Weitere 1300 Migranten wurden bereits am Samstag in Baden-Württemberg erwartet. Im thüringischen Saalfeld ist am Abend ein Sonderzug aus Österreich mit 569 Flüchtlingen ankommen. Die Menschen sollten zunächst mit Essen versorgt und registriert werden. Dann sollen sie mit Bussen auf Unterkünfte in den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verteilt werden. Brandenburg richtete sich ebenfalls für die Aufnahme von 200 Menschen ein. Ein Teil der Flüchtlinge wird auch in Berlin erwartet.
  • Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier teilte mit, die Vereinbarung zur Weiterreise Tausender Flüchtlinge von Ungarn Richtung Deutschland sei eine Ausnahme: "Die Hilfe in der gestrigen Notlage war verbunden mit der dringenden Mahnung dafür, daraus gerade keine Praxis für die nächsten Tage zu machen."
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    Flüchtlinge aus Ungarn: Ein Foto von Angela Merkel im Gepäck

Österreich:

  • Das österreichische Innenministerium geht davon aus, dass am Samstag rund 9000 Flüchtlinge über die Grenze ins Land gekommen sind.
  • Die meisten der Flüchtlinge erreichten Wien aus Nickelsdorf an der österreichisch-ungarischen Grenze. Lediglich 20 haben bis zum Nachmittag um Asyl in Österreich gebeten, fast alle reisen nach Deutschland weiter, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Die meisten hätten Züge nach München und Frankfurt am Main genommen, heißt es bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB).
  • Die Österreichische Bahn stellte über Nacht die Flüchtlingstransporte von der ungarischen Grenze nach Deutschland ein. Am Sonntag würden die Fahrten wieder aufgenommen, kündigte eine Sprecherin des Unternehmens an.
  • Mehr als 2000 Flüchtlinge waren noch am Samstagabend mit Zügen aus Budapest zur österreichischen Grenze unterwegs. Dem ungarischen Nachrichtenportal "index.hu" zufolge kursierten in Flüchtlingskreisen Gerüchte, nach denen Österreich die Einreise von Flüchtlingen aus Ungarn nur noch bis Mitternacht erlauben werde.

Ungarn:

  • Die ungarischen Behörden stellen keine Busse zum Flüchtlingstransport mehr bereit. Dies teilte Polizeichef Karoly Papp am Samstagnachmittag auf einer Pressekonferenz mit.
  • Im Ostbahnhof von Budapest sind bereits mindestens tausend neu angereiste Flüchtlinge angekommen. Vor dem Haupteingang organisierten Syrer einen Sitzstreik mit ungefähr 300 Menschen, um erneut Busse zur österreichischen Grenze einzufordern. Nach Angaben eines AFP-Reporters flehten die Flüchtlinge die Polizisten an: "Bitte schickt uns Busse."
  • Am Samstag fuhren der ungarischen Nachrichtenagentur MTI zufolge zwei Züge aus Budapest Richtung Grenze. Ein dritter stand gut zwei Stunden vor Mitternacht zur Abfahrt bereit.
  • In Budapest und mehreren ungarischen Aufnahmelagern brachen wieder mehrere Hundert Flüchtlinge zu Fuß in Richtung Österreich auf. Auch am Vormittag hatten sich rund 500 Menschen auf den Fußmarsch begeben, die Polizei hinderte sie allerdings daran, entlang der Autobahn zu gehen, und verwies sie auf Landstraßen.
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    Flüchtlinge: Dramatische Szenen an der serbisch-ungarischen Grenze

Ungarisch-serbische Grenze

  • An der ungarisch-serbischen Grenze gerät die Situation wegen des zunehmenden Andrangs von Flüchtlingen außer Kontrolle, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Keno Verseck aus dem Grenzort Röszke. Eine Rekordzahl von Flüchtlingen kommt nahe Röszke von Serbien über die Bahngleise nach Ungarn.
  • An einem provisorischen Sammelpunkt auf freiem Feld hinter der Grenze herrschen chaotische Zustände - schon seit dem Vormittag warten Hunderte Menschen vergeblich auf ihren Weitertransport, während aus Serbien immer neue Gruppen von Flüchtlingen ankommen. Ein Mitarbeiter des Uno-Flüchtlingshilfswerkes habe den Flüchtlingen mitgeteilt, dass sie auf ihren Transport in ein nahe gelegenes Aufnahmelager warten müssten. Ein Bus mit etwa 60 Plätzen kam im Verlauf des Tages jedoch nur dreimal, um Flüchtlinge in das Lager zu bringen, das ebenfalls völlig überfüllt ist.
  • Immer wieder versuchten im Laufe des Tages Gruppen von Flüchtlingen, sich auf eigene Faust in die etwa 15 Kilometer entfernte Großstadt Szeged durchzuschlagen, wurden jedoch von der Polizei wieder zurückgebracht. Zwischenzeitlich rückte auch eine Hundertschaft Bereitschaftspolizei an, um eine Revolte unter den Flüchtlingen zu verhindern.
  • Unter den Flüchtlingen sind viele Familien mit kleinen Kindern und Säuglingen, ältere Leute und auch mehrere an den Beinen Verletzte, die kaum noch laufen können. Am Sammelpunkt verteilten freiwillige Helfer im Lauf des Tages Essensrationen und Getränke, inzwischen ist die Verpflegung jedoch aufgebraucht. Das Wetter verschlechtert sich zunehmend, es wird kühler und regnet - während viele Flüchtlinge sommerlich angezogen sind. Aus Budapest will eine Hilfsorganisation Zelte und Decken schicken, damit die Menschen nicht unter freiem Himmel im Regen übernachten müssen.

Mitarbeit: Keno Verseck

SPIEGEL ONLINE

lgr/sun/Reuters/dpa

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