Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Flüchtlinge: Der Balkan macht dicht

Von Kilian Treß

Grenzzaun von Mazedonien: Nur noch Flüchtlinge aus Syrien und Irak dürfen passieren Zur Großansicht
DPA

Grenzzaun von Mazedonien: Nur noch Flüchtlinge aus Syrien und Irak dürfen passieren

Drei Staaten auf der Balkanroute haben binnen eines Tages die Grenzen geschlossen. Kein Flüchtling kommt mehr durch. Hilfsorganisationen warnen vor Unruhen.

Tausende Flüchtlinge sitzen auf der Balkanroute fest, in Griechenland, in Kroatien, in Serbien. Der Grund: Nach Angaben von Beobachtern mehrerer Hilfsorganisationen wurden am Dienstag die Grenzen zwischen Kroatien und Serbien geschlossen, was eine Kettenreaktion auf der Flüchtlingsroute nach Norden auslöste.

Serbien schloss demnach auch die Grenze zu Mazedonien. Und Mazedonien wiederum zu Griechenland. Bei der Grenzstadt Idomeni kam es zu dramatischen Szenen, als afghanische Flüchtlinge die Grenze zu stürmen versuchten, weshalb der Übergang von der Polizei geräumt werden musste.

"Nach Kroatien kam keiner rüber", sagt Katharina Witkowski von der Hilfsorganisation "World Vision". Sie ist seit rund sechs Monaten in Serbien zwischen der Nord- und Südgrenze unterwegs, um mit ihrem Team hilfsbedürftige Flüchtlinge zu versorgen. Seit Dienstag harren an den Grenzen Tausende aus. Im serbischen Sid warten demnach etwa 1300 Menschen auf ihre Einreise nach Kroatien.

Dazu seien am Mittwoch noch 2000 weitere auf dem Weg durch Serbien zum Grenzübergang Principovac unterwegs gewesen. "Kroatien erkennt die Registrierungen der Flüchtlinge plötzlich nicht mehr an", sagt Witkowski. Das verunsichere die Festsitzenden zusehends. Manche Flüchtlinge versuchten in ihrer Verzweiflung, so berichtet die Helferin, Züge anzuhalten, um so die Grenze zu queren.

Eine Erklärung, warum die Grenzen in Kroatien geschlossen sind, gab es von offizieller Seite nicht. Auch, wann die Flüchtlingsroute wieder geöffnet werden soll, ist bisher unklar.

Dasselbe Bild in Mazedonien an der serbischen Grenze: Ein Lager am Grenzübergang, das für 400 bis 500 Leute ausgelegt ist, war schon am Dienstag mit 700 bis 800 Menschen stark überfüllt. Weitere 500 Menschen seien am Mittwoch in dem Camp angekommen. Viele haben über Nacht auf Decken im Freien schlafen müssen.

Bei den Hilfeleistenden macht sich Unverständnis breit. Seit Montag sollte der Transit auf dem Balkan eigentlich besser geregelt sein als in den Monaten der Flüchtlingskrise zuvor. Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien hatten sich auf ein einheitliches Flüchtlings-Durchreisesystem geeinigt, das am vergangenen Wochenende startete.

Anstatt die Daten jedes Flüchtlings an jeder Grenze neu aufzunehmen und Papiere zu erstellen, soll ein einziges Dokument reichen.

Das Flüchtlingscamp in der mazedonischen Grenzstadt Gevgelija dient als Ausgangspunkt. "Dort werden die biometrischen Daten auf einem Papier erfasst. In den weiteren Ländern werden sie auf der Rückseite bei der Ein- und Ausreise in jedem Land nur noch abgestempelt", sagte Serbiens Flüchtlingskommissar Vladimir Cucic der Deutschen Welle. Der florierende Schwarzmarkt mit Einreisedokumenten soll dadurch eingedämmt werden.

Zum Zeitpunkt der Umstellung auf das neue System waren in den jeweiligen Ländern noch viele Menschen mit den alten Dokumenten unterwegs. "Diese alten Dokumente hat Kroatien nicht akzeptiert", sagt Witkowski. Den Menschen droht die Abschiebung in ihre Heimatländer, weil die Behörden keinen Flüchtling ein zweites Mal registrieren wollen.

Daniel Babilon, Hilfskoordinator der "Humedica-Organisation", ist in der Nähe an der serbisch-mazedonischen Grenze bei Presevo in Sichtweite stationiert. "Ich sorge mich, dass es zu Aufständen kommt", sagt er. An der Grenzstation mischen sich derzeit zwei Gruppen. Syrer und Iraker, die zumindest offiziell die Einreise gewährt bekommen sollen und Afghanen, die seit dem Wochenende nicht mehr in die Balkanstaaten einreisen dürfen. "Das wird zu Neid und zu Aggressivität führen", sagt Babilon. Wie zuletzt in Idomeni.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Maximilian Popp (Hrsg.):
    Tödliche Grenzen

    Die Krise der europäischen Flüchtlingspolitik.

    SPIEGEL E-Book; 2,99 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: