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Flüchtlinge: Ein Traum ohne Ende

Von Henryk M. Broder

Es sieht aus, als würde die Lösung des Nahost-Konflikts, wie der Kampf um die territoriale Souveränität über das Heilige Land genannt wird, an einer Frage scheitern: dem Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge.

Palästinensisches Flüchtlingsmädchen im Gazastreifen
REUTERS

Palästinensisches Flüchtlingsmädchen im Gazastreifen

Berlin - Alles scheint möglich und machbar: Der Rückzug Israels aus fast allen besetzten Gebieten, die Räumung von Siedlungen, die Teilung Jerusalems in eine israelische und palästinensische Halbstadt oder die Ausrufung von zwei Hauptstädten in einer ungeteilten Stadt. Wenn nur die Flüchtlingsfrage nicht wäre, die so unlösbar scheint wie der gordische Knoten.

Erst Anfang Januar haben die Außenminister der Arabischen Liga bei einem Gipfeltreffen in Kairo das Rückkehrrecht für heilig und unverhandelbar erklärt. Was praktisch bedeutet: Der Nahostkonflikt wird weitergehen, und die Flüchtlinge werden Flüchtlinge bleiben. Die meisten kennen das Land, aus dem ihre Eltern und Großeltern vor über 50 Jahren vertrieben wurden, nur aus Erzählungen. Sie werden ihr Wissen an ihre Kinder und Enkel weitergeben. In 50 Jahren wird sich die Zahl der Flüchtlinge vervielfachen, so wie sie sich in den letzten 50 Jahren vervielfacht hat. Und je länger sie ihr Rückkehrrecht nicht verwirklichen können, umso heiliger wird es werden.

Die UNRWA versorgt Flüchtlinge mit Hilfsgütern
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Die UNRWA versorgt Flüchtlinge mit Hilfsgütern

So viel kann als sicher angenommen werden. Alles Übrige hängt davon ab, von welcher Seite man den Konflikt betrachtet. Nach israelischen Angaben lebten auf dem Gebiet, auf dem 1948/49 der Staat Israel entstanden ist, etwa 700.000 palästinensische Araber. Nach Angaben der Palästinenser waren es viel mehr. Nach israelischen Angaben wurden die palästinensischen Araber von den arabischen Staaten aufgerufen, das Land zu verlassen, damit die anrückenden arabischen Armeen auf Zivilisten keine Rücksicht nehmen mussten.

Nach palästinensischen Angaben wurden die legitimen Einwohner Palästinas verjagt, um Platz für die Juden zu schaffen. Tatsache ist: Es gab Orte, aus denen die Palästinenser vertrieben wurden, wie Lydda, das heutige Lod, und Ramleh; es gab Orte, in denen sie blieben, wie Nazareth und Akko. Es gab Massaker wie das in Deir Jassin bei Jerusalem, wo über 200 Palästinenser von jüdischen Einheiten ermordet wurden, worauf Tausende die Flucht ergriffen, und es gab Orte, wo sie um ihr Leben nicht fürchten mussten, wie Haifa, wo es heute eine große arabische Minderheit gibt.

Im Jahre 1950 lebten rund 150.000 Araber - von Palästinensern war nur im geographischen, nicht im politischen Sinn die Rede - im Staat Israel. Im selben Jahr waren bei der UNRWA, die speziell für die Betreuung der palästinensischen Flüchtlinge etabliert wurde, rund 960.000 Flüchtlinge registriert. Etwa 130.000 im Libanon, 82.000 in Syrien, über 500.000 in Jordanien und fast 200.000 in Gaza. 50 Jahre später wird die Zahl der Flüchtlinge auf 3,7 bis vier Millionen geschätzt.

Die Schätzung ist deswegen problematisch, weil es eine Differenz gibt zwischen den bei der UNRWA registrierten Flüchtlingen und den Einwohnern der Flüchtlingslager. Viele Palästinenser (vor allem in Jordanien und in der Westbank) haben auf eigene Initiative die Lager verlassen, ohne ihren Status als Flüchtlinge aufzugeben. "Ich könnte mir noch heute jeden Monat meine Ration Reis, Mehl, Zucker und Öl bei der UNRWA abholen", sagt der Palästinenser Jamil Hamad, der 1940 in Rafat (im heutigen Israel) geboren wurde und seit 1948 in Betlehem lebt, in einem gemieteten Haus in Sichtweite des Lagers Daheische, wo 11.000 Palästinenser auf einem Quadratkilometer hinter einem vier Meter hohen Zaun darauf warten, eines Tages in ihre Heimatdörfer zurückkehren zu können.

Jamil Hamad hat diesen Traum längst aufgegeben, es ist sein persönlicher Beitrag zur Lösung des Nahostkonflikts. Aber seine Verwandten, die im Libanon, in Syrien und in Jordanien leben, träumen weiter, und niemand weckt sie auf. Im Libanon und in Syrien leben jeweils etwa 400.000 Palästinenser, in Jordanien etwa 1,6 Millionen, sie machen über die Hälfte der Bevölkerung aus. Sogar in Gaza und in der Westbank, dem palästinensischen Stammland mit etwa 2,5 Millionen Einwohnern, wird noch immer zwischen Einheimischen und Flüchtlingen unterschieden. Für die Einheimischen ist inzwischen die palästinensische Autonomiebehörde zuständig, für die Flüchtlinge noch immer die UNRWA. Eine absurde Situation, die vor allem der Fortsetzung des Elends dient.

Aus israelischer Sicht sind die Flüchtlinge eine Trumpfkarte der Araber im Kampf gegen Israel. Die arabischen Staaten hätten das Flüchtlingsproblem längst lösen können, wenn sie nur gewollt hätten, ist ein Satz, den man täglich hören kann, auch von Israelis, die jede Siedlung räumen und auf jeden Stein auf den Golanhöhen verzichten würden, um ein Friedensabkommen zu ermöglichen. Mit einer gewissen Berechtigung weisen Israelis darauf hin, dass Israel in der Phase seiner Gründung rund 800.000 jüdische Flüchtlinge aufnehmen musste: 200.000 Überlebende des Holocaust, die kein Land haben wollte, und etwa 600.000 Juden aus arabischen Ländern von Marokko bis Jemen, deren Schicksal dem der palästinensischen Araber ähnelt: Manche gingen aus freien Stücken, die meisten, weil sie am Leben bleiben wollten. Auch sie haben Häuser und Ländereien in ihren Heimatorten zurückgelassen.

Und so hat sich Israel lange der Illusion hingegeben, das Flüchtlingsproblem könnte irgendwann quasi verrechnet werden. Man müsste nur den Wert des beweglichen und unbeweglichen Besitzes ermitteln, den die Juden in den arabischen Ländern und die Palästinenser in Israel aufgeben mussten und dann eine Art Lastenausgleich und Entschädigung durchführen. Aber wie so oft seit den Anfängen des Zionismus haben die Israelis ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Völlig unabhängig davon, ob die Palästinenser von den arabischen Staaten für deren politische Ziele missbraucht werden oder nicht: Sie wollen wirklich dahin zurück, wo ihre Eltern und Großeltern gelebt haben. Auch wenn es diese Orte längst nicht mehr gibt. Denn kein Mensch kann 50 Jahre in einem Warteraum leben, um schließlich zu erfahren, dass der Zug, auf den er gewartet hat, nie vorfahren wird. Weiter warten und auf ein Wunder hoffen, ist die einzige Möglichkeit, an der Situation nicht irre zu werden, auch wenn sich praktisch nichts ändert.

Leider sind die Palästinenser nicht die besten Anwälte ihrer eigenen Sache. Die Juden sollen dahin zurück, woher sie gekommen sind, sagt der Mufti von Jerusalem. Das finden die Israelis nur bedingt witzig. Sie werden nicht nach Lemberg, Odessa, Bagdad und Aleppo zurückgehen, und sie werden auch nicht zusammenrücken, um Platz für drei bis vier Millionen Palästinenser zu schaffen.

Klüger wäre es, wenn die Palästinenser den Israelis sagen würden: Seit 2000 Jahren beten die Juden in der Diaspora jedes Jahr zu Pessach: "Nächstes Jahr in Jerusalem!" Und wir sollen unseren Anspruch nach nur 50 Jahren aufgeben? Das würde die Israelis nicht umstimmen, aber es würde ihnen helfen zu begreifen, warum die Palästinenser ihr Recht auf Rückkehr so ernst nehmen.

Doch stattdessen berufen sich die Palästinenser lieber auf die Uno-Resolution 194 vom Dezember 1948, in der es heißt: Flüchtlingen, die in ihre Heimat zurückkehren und in Frieden mit ihren Nachbarn leben wollen, soll es erlaubt sein, das zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu tun. Das klingt gut, nur haben die Urheber der Resolution es versäumt, klar festzulegen, wann der frühestmögliche Zeitpunkt eintritt.

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