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Flüchtlinge: Erneut elf Menschen in der Ägäis ertrunken

Von , Istanbul

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AP/dpa

Flüchtlingsboot: Unglück bei ruhiger See

In der Nacht sind elf Flüchtlinge bei dem Versuch ertrunken, nach Griechenland zu gelangen, darunter fünf Kinder. Bereits am Vortag gab es einen ähnlichen Fall. Menschenrechtler geben der EU eine Mitschuld.

Elf Tote. Schätzungsweise 13 Vermisste. Das sind die grausamen, aber inzwischen alltäglichen Zahlen, die die griechische Hafenpolizei am Mittwoch meldet. Bei dem Versuch einer Flüchtlingsgruppe, von der Westküste der Türkei zur Insel Farmakonissi zu gelangen, schlug das Holzboot leck. Wasser drang ein, das Boot mit mindestens 50 Menschen an Bord sank. Vermutlich war es an einen Felsen gestoßen oder ohnehin fahruntüchtig. Denn das Unglück habe sich bei ruhiger See ereignet, heißt es.

Am Vormittag suchten in der Ägäis griechische Polizei, die Armee mit Hubschraubern sowie ein Patrouillenboot der EU-Grenzschutzbehörde Frontex nach Überlebenden. Unter den Geretteten waren laut Polizei auch vier stark unterkühlte Kinder. Sie seien mit einem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus auf der Insel Samos geflogen worden.

Erst am Dienstag waren die Leichen von sechs ertrunkenen afghanischen Kindern nahe der türkischen Provinz Izmir gefunden worden. Auch ihr Boot war gekentert. Einen Tag zuvor hatte man ein fünfjähriges syrisches Mädchen tot aufgefunden.

Menschenrechtler kritisieren Flüchtlingspolitik

Dass die Zahl der Unglücke in der Ägäis zugenommen hat, schreiben Menschenrechtler der neuen Flüchtlingspolitik zu, die EU und die Türkei vereinbart haben. Demnach soll die Türkei auf Wunsch der Europäer seine Grenzen besser sichern und dafür sorgen, dass weniger Menschen die EU erreichen. Im Gegenzug soll die Türkei drei Milliarden Euro für die Bewältigung des Flüchtlingszustroms erhalten, und die EU stellt den Türken Visumsfreiheit für den Schengenraum in Aussicht. Außerdem sollen die EU-Beitrittsverhandlungen vorangebracht werden.

Bisher ließen die türkischen Sicherheitskräfte die Schlepper und die Flüchtlinge meist gewähren. Wie aus der Bundesregierung zu hören ist, gab es zunächst Zweifel, ob die Türkei überhaupt in der Lage ist, die Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa zu stoppen. Vor zwei Monaten starteten die türkischen Grenzschützer dem Vernehmen nach einen Testlauf - und bewiesen, dass die Zahl der Boote, die die Küste Richtung Griechenland verlassen, dramatisch gesenkt werden könnte. Kaum war die Probephase beendet, stieg die Zahl wieder.

Tatsächlich starteten die Flüchtlingsboote an mehr oder weniger bekannten Stellen entlang der türkischen Westküste. Seit dem Sondergipfel Ende November in Brüssel, auf dem die Türkei ihre Forderungen durchsetzte, verhindern türkische Beamte nun, dass die Boote auslaufen. Das führt dazu, dass weniger Schlauchboote, dafür mehr größere, oft nicht mehr seetaugliche Holzboote Richtung Griechenland starten. Meist legen sie nun nachts von ungeeigneten Stellen ab, um nicht von der Polizei entdeckt zu werden.

Hilfsorganisationen patrouillieren mit eigenen Booten in der Ägäis, um den oft unerfahrenen Bootslenkern den Weg zu zeigen, gefährliche Abschnitte zu umfahren und die Flüchtlinge zu geeigneten Anlegestellen zu führen. Sie suchen die Flüchtlingsboote per Wärmebildkameras und anderen Hilfsmitteln und helfen den Menschen, wenn die Boote hoffnungslos überladen sind. Und in Notfällen leisten sie Rettungsarbeit.

Mehrere Organisationen machen die EU für das Sterben auf See verantwortlich. In der Ägäis würden solch dramatischen Ereignisse zunehmen, warnt die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Es sei für die EU an der Zeit, dieses Sterben zu stoppen und den Flüchtlingen einen sicheren Landweg zu eröffnen.

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