Flüchtlinge Europas tödliche Grenzen


Spanien - Marokko

In der Nacht vor dem Sprung schläft Claude Eog kurz und traumlos. Der Wind bläst über sein Zelt aus zerrissenem Plastik hinweg. Eog erwacht um Mitternacht von dem Lärm im Lager auf dem Berg Gourougou. Flüchtlinge aus Mali, Somalia, Guinea wärmen ihre Hände über einem Feuer. Im Tal sieht Eog die Lichter Melillas strahlen.

Dort setzt sich, etwa zur gleichen Zeit, Leutnant Antonio Rivera an den Rechner im Kontrollzentrum der spanischen Guardia Civil. Neonlicht scheint von der Decke. Rivera und seine Kollegen klicken sich durch die Bilder der Überwachungskameras auf den Monitoren.

Keine zehn Kilometer trennen den Gendarm Rivera, 56 Jahre alt, Vater zweier Kinder, und Eog, 22 Jahre alt, Halbwaise aus Zentralafrika - und doch eine Welt: Durch Melilla, eine spanische Enklave auf marokkanischem Boden, verläuft die Landgrenze zwischen Afrika und Europa.

Spaniens Regierung hat mithilfe der EU für mehr als 30 Millionen Euro ein Bollwerk an der Grenze zu Melilla errichtet: Drei Zäune, zwölf Kilometer lang, sechs Meter hoch. Ein Symbol der Festung Europa. Dennoch gelingt es Migranten immer wieder, den Zaun zu überwinden.

Auf dem Berg Gourougou im Norden Marokkos beraten Claude Eog und die anderen Flüchtlinge ihre Strategie: Zu Hunderten wollen sie losziehen, die Dunkelheit nutzen, um unentdeckt von marokkanischen Soldaten den Zaun zu erreichen.

Carlos Spottorno/DER SPIEGEL

Für Flüchtlinge gibt es so gut wie keine legalen Wege nach Europa. In einem Camp auf dem Berg Gourougou in Marokko warten Migranten auf eine Gelegenheit, nach Spanien zu gelangen.

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Claude Eog, 22, ist aus der Zentralafrikanischen Republik nach Europa geflohen. Er sagt, marokkanische Soldaten hätten ihn auf dem Berg Gourougou misshandelt.

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Leutnant Antonio Rivera, 56, arbeitet für die spanischen Guardia Civil in Melilla. Durch die Enklave verläuft eine Landgrenze zwischen Europa und Afrika.

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Immer wieder versuchen Flüchtlinge den Grenzzaun in Melilla zu überwinden. Der Wall ist längst zu einem Symbol für die Festung Europa geworden.

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Wer den Grenzzaun überwindet, wird in Melilla in ein Auffanglager gesteckt. Die Unterkunft jedoch ist überfüllt. Manche Migranten campieren deshalb in Zelten vor dem Lager.

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Flüchtlinge müssen oft mehrere Monate warten, bis ihre Daten in Melilla aufgenommen werden. Danach werden sie auf das spanische Festland verlegt.

Claude Eog hat in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, als Mechaniker gearbeitet. Als Rebellen vergangenen Sommer seinen Vater ermordeten, ist er geflohen. Schlepper schleusten ihn nach Marokko, von dort fuhr er im November in einem Kleinbus Richtung Gourougou.

Laut Schätzungen der marokkanischen Regierung leben zwischen 25.000 und 40.000 Menschen ohne Papiere im Land, etwa eintausend Männer und einige wenige Frauen verstecken sich in den Wäldern am Gourougou. Sie warten auf eine Gelegenheit, die Grenze nach Europa zu überwinden - manche jahrelang.

An einem Mittag im Sommer hocken Männer um einen Kochtopf. In den Wäldern des Gourougou essen die Menschen Reste, die sie im Abfall der Marokkaner finden. Auf dem Boden liegen leere Flaschen, Dosen, Schutt.

Die Migranten schlafen unter Planen und Zedern. Kranke und Verletzte lehnen an Bäumen. Fast jede Woche suchen Sicherheitskräfte das Lager heim, brennen die Zelte der Flüchtlinge nieder und verprügeln all jene, die nicht schnell genug fliehen können. Auch Eog wurde mehrmals vom Militär gefasst. Er sagt, die Soldaten hätten ihn mit Holzstöcken geschlagen, bespuckt und auf ihn uriniert.

Im marokkanisch-spanischen Grenzland erprobt die Union die Zukunft der Migrationskontrolle. Hier delegiert die EU die Abwehr von Migranten an Nachbarländer. Allein im Rahmen des sogenannten Meda-Programms überwies Europa zwischen den Jahren 2007 und 2010 für den Schutz der Grenze 68 Millionen Euro an Marokko.

2013: 6838 illegale Grenzübertritte
+ 7 Prozent zum Vorjahr

Die Organisation Human Rights Watch prangert "exzessive Gewalt" gegen Flüchtlinge durch spanische und marokkanische Grenzschützer an. Selbst Schwangere und Kinder würden geschlagen und misshandelt. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) beendete vergangenes Jahr ihr Engagement in Marokko aus Protest gegen die "institutionalisierte Gewalt" gegen Migranten. Zwischen 2010 und 2012 versorgte MSF 10.500 kranke oder verwundete Flüchtlinge. "Wir fanden Männer mit gebrochenen Armen, gebrochener Nase. Ein Mann war derart schlimm verprügelt worden, dass er eine dreifache Schädelfraktur und eine Hirnblutung hatte", erzählt eine Ärztin.

Am 17. März schafft Eog es, sich unbemerkt an die Grenze zu schleichen. Er versteckt sich bis zum Einbruch der Dunkelheit in Büschen.

Antonio Rivera bemerkt um Mitternacht auf seiner Kamera Bewegungen großer Gruppen. Später erfährt er: Es waren 800 Menschen. Eog läuft als einer der Ersten auf das Bollwerk zu. Flutlicht blendet seine Augen. Er krallt seine Finger in die engen Maschen des Zauns. Seine Arme und Beine schmerzen. Der Weg vor ihm jedoch ist frei von Patrouillen. Er weiß: Dieses Mal wird ihm der Sprung nach Europa glücken.

Zwei Monate später lehnt Eog an der Mauer des Flüchtlingsheims in Melilla. Seine Hände sind vernarbt. 120 Migranten, erzählt er, hätten es in der Nacht vom 17. auf den 18. März nach Europa geschafft. Sie seien freudetrunken durch die Straßen von Melilla gelaufen, hätten gebrüllt: "Freiheit! Freiheit!"

Nun ist Eog in einem Lager untergebracht. Er hofft, auf das spanische Festland verlegt zu werden. Eog will weiterfliehen, am liebsten nach Deutschland. "Ich will in Deutschland als Mechaniker arbeiten."



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