Flüchtlinge Europas tödliche Grenzen


Griechenland - Türkei

Am 19. Januar kenterte ein Flüchtlingsboot auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland. 12 Menschen ertranken vor den Augen der griechischen Küstenwache. Mindestens 7 Migranten starben bei einem ähnlichen Unglück in der Ägäis im März, 6 im April, mindestens 22 im Mai.

Rana Fida, 42, tritt auf den Balkon ihrer Flüchtlingswohnung auf der griechischen Insel Lesbos. Sie blickt auf das Meer und sagt: "Es ist ein Wunder, hier zu sein."

Fida hat gemeinsam mit ihren zwölf Jahre alten Zwillingen Aya und Abdullah dreimal versucht, auf dem Landweg aus Syrien über die Türkei nach Europa zu fliehen: Zweimal wurden sie von bulgarischen Sicherheitskräften festgenommen und zurück in die Türkei geschleppt, einmal wurde die Familie von türkischen Polizisten aufgehalten. Beim vierten Anlauf riskierte Fida ihr Leben: Sie stieg in das Schlauchboot eines Schleppers.

2013: 12.968 illegale Grenzübertritte über Land
- 61 Prozent zum Vorjahr
11.831 illegale Grenzübertritte über See
+ 171 Prozent zum Vorjahr

Bis vor Kurzem gelangten Flüchtlinge im südöstlichen Mittelmeerraum auf dem Landweg nach Europa. Auf Druck der EU riegelte Griechenland die Grenze zur Türkei jedoch ab. Die griechische Regierung zog 2012 einen 10,5 Kilometer langen Grenzzaun am Fluss Evros, entsandte 1800 zusätzliche Polizisten, eröffnete neue Internierungslager für Migranten.

Immer mehr Flüchtlinge nehmen nun die Route über das Meer. In der Ägäis kamen zwischen August 2012 und Juli 2014 mindestens 218 Menschen ums Leben.

Rana Fida, die ihren echten Namen nicht nennen will, hat in Damaskus als Grundschullehrerin gearbeitet. Vergangenen Sommer verschleppten Schergen des Diktators Baschar al-Assad ihren Mann. Fida floh mit den Zwillingen in den Libanon und von dort weiter mit dem Flugzeug nach Istanbul.

Carlos Spottorno/DER SPIEGEL

Der Chef der griechischen Küstenwache auf der Insel Lesbos, Antonios Sofiadelis, sagt, die Betreuung von Flüchtlingen sei eine „gesamteuropäische Aufgabe“.

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Rana Fida ist mit ihren beiden Zwillingen Aya und Abdullah aus Syrien über die Türkei nach Griechenland geflohen. Ihr Mann wurde von Schergen des syrischen Diktators Baschar al-Assad verschleppt.

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Die griechischen Behörden haben auf der Insel Lesbos ein neues Auffanglager für Flüchtlinge errichten lassen. Die Bedingungen für Migranten in Griechenland sind elend.

Ein Schlepper lotste die Familie für 800 Euro an die bulgarische Grenze. Gemeinsam mit zwei Dutzend Migranten irrte sie nachts durch das türkisch-bulgarische Grenzland, ihre beiden Kinder an der Hand. Hunde der bulgarischen Polizei spürten die Flüchtlinge in einem Wald auf.

Nach einem halben Jahr in Istanbul und einem weiteren missglückten Versuch, über Land nach Europa zu gelangen, folgte Fida dem Rat anderer Migranten, die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer zu wagen.

Menschenhändler profitieren von der Verzweiflung der Geflüchteten. Denn ohne die Hilfe von Schmugglern überwindet fast keiner von ihnen die Grenze nach Europa. Fida bezahlte Schleusern 2500 Euro für die Reise in einem Schlauchboot von der Türkei auf die Insel Lesbos. Verwandte liehen ihr das Geld.

Die Passage zwischen der türkischen Mittelmeerküste und den griechischen Inseln hat sich in eine Kampfzone verwandelt: 24.800 Migranten versuchten laut Frontex 2013, irregulär von der Türkei, meist übers Meer, in die EU zu gelangen, so viele wie in kaum einer anderen Region. Ein Heer türkischer, griechischer und anderer europäischer Grenzschützer soll dies verhindern.

Menschenrechtsbeobachter werfen der griechischen Küstenwache vor, Migranten zum Teil mit brutalen Methoden abzuwehren. Mehrere Syrer berichteten vergangenes Jahr der Organisation Pro Asyl von Misshandlungen durch griechische Patrouillen.

Männer in schwarzen Uniformen mit Masken hätten Flüchtlinge auf einen Militärstützpunkt gebracht und dort mit Holzstöcken auf sie eingeschlagen. Sie hätten die Hände der Migranten hinter deren Rücken gefesselt. Viele Stunden lang hätten sie eingesperrt in einem fensterlosen Raum ausharren müssen. Am Abend hätten die Sicherheitskräfte die Migranten in Booten ohne Benzin zurück aufs Meer geschleppt.

Der griechische Parlamentsabgeordnete Konstantinos Triantafyllos glaubt, die Menschenrechtsverletzungen in der Ägäis zeugten von einer grundsätzlichen Krise der europäischen Flüchtlingspolitik. Die EU mute den Ländern an ihren Rändern eine unlösbare Aufgabe zu: Sie sollen einerseits die Grenzen abschotten, andererseits Menschenleben retten.

Griechenland hat mit den Folgen der Wirtschaftskrise zu kämpfen, die Bereitschaft der Regierung, Flüchtlinge aufzunehmen, ist entsprechend niedrig. Jeder Migrant, der von griechischen Patrouillen in der Ägäis gerettet wird, ist ein potenzieller Asylbewerber. Premier Antonis Samaras versprach 2012 als Oppositionsführer, Griechenlands Städte von ebenjenen "zurückzuerobern".

Die EU fördert diesen Umgang mit Flüchtlingen. Sie überwies Griechenland in den vergangenen drei Jahren gut 12 Millionen Euro für die Versorgung von Migranten. Die Sicherung der griechischen Grenze war ihr im selben Zeitraum 228 Millionen wert.



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