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10. September 2014, 11:35 Uhr

Flüchtlinge

Europas tödliche Grenzen

Spanien-Marokko, Griechenland-Türkei, Ungarn-Serbien: An diesen Grenzen wird deutlich, mit welch rabiaten Methoden sich Europa gegen Arme und Schutzsuchende abschottet. SPIEGEL-Reporter Maximilian Popp und Fotograf Carlos Spottorno trafen Flüchtlinge, die für eine Zukunft in Europa alles riskieren.

Die Europäische Union macht mit enormem Aufwand ihre Grenzen dicht - und zwingt Flüchtlinge auf oft tödliche Routen. DER SPIEGEL ist an die hochgerüsteten Ränder Europas gereist und dokumentiert die Auswirkungen einer Politik, in der Menschlichkeit kaum eine Rolle spielt. Die Geschichte beginnt in Polen.

Warschau

Auf den Monitoren an den Wänden blinken grüne Punkte, Linien dokumentieren den Grenzverlauf. Das Büro im 23. Stock dieses Wolkenkratzers in Warschau wirkt wie ein Gefechtsstand. Das Kommando hat Klaus Rösler, 59, deutscher Polizeibeamter. Er spricht von einem "Sturm auf die Grenzen", von "Risikoregionen", von "Krisenbewältigung". Der Deutsche leitet die Einsatzabteilung der europäischen Grenzschutzagentur Frontex. Rösler vermittelt den Eindruck, seine Behörde verteidige Europa gegen einen Feind.

Die grünen Punkte kennzeichnen aufgegriffene Flüchtlinge. Zwischen der Küste Westafrikas und den Kanarischen Inseln sind die Punkte klein und spärlich. Im türkisch-griechischen Grenzgebiet in der Ägäis verdichten sie sich. Der Seeweg zwischen Libyen und Italien erscheint als große grüne Fläche.

Lange Zeit interessierten sich in Brüssel allenfalls Fachpolitiker für die Arbeit von Frontex. Doch jetzt treibt der Bürgerkrieg in Syrien Millionen Menschen in die Flucht. Und im Irak beginnt nach dem Vormarsch der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) der nächste Exodus.

Im vergangenen Jahr waren laut Uno weltweit mehr als 50 Millionen Menschen auf der Flucht - so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Neun von zehn Migranten wurden von Entwicklungsländern aufgenommen.

Die Frage nach der Grenzpolitik der EU entwickelt sich zu einer Frage über das Wesen und die Werte Europas. Als vergangenen Oktober 387 Menschen bei einer Schiffskatastrophe vor Lampedusa ertranken, sprach die EU-Kommissarin Cecilia Malmström von einer "schrecklichen Tragödie".

Doch die Politik der europäischen Regierungschefs hat sich seit dem Unglück nicht verändert. Für Flüchtlinge gibt es so gut wie keine legalen Wege nach Europa. Nicht für die meisten Syrer, nicht für Iraker, nicht für Menschen aus afrikanischen Krisenstaaten.

Für Menschen aus armen Ländern ist es beinahe unmöglich, ein Arbeitsvisum für die EU zu erhalten. Ebenso gering ist die Chance, in einem Resettlement-Programm unterzukommen, das Flüchtlinge aus akuten Krisengebieten wie Syrien oder Südsudan ohne bürokratisches Asylverfahren in sichere Staaten vermittelt.

Wer in der EU Asyl beantragen will, muss zuvor illegal einreisen - auf Booten von Schmugglern, versteckt in Kleinbussen, mit falschen Pässen in Flugzeugen. Europa schottet sich ab. Und nimmt damit das permanente Sterben an den Grenzen nicht nur hin, sondern schafft überhaupt erst die Bedingungen dafür.

Klaus Rösler koordiniert Europas Abwehr gegen Migranten. Seit 2005 hat sich das Jahresbudget seiner Agentur von gut 6 auf knapp 90 Millionen Euro mehr als verzehnfacht. Die EU will in den kommenden sieben Jahren weitere 2,8 Milliarden Euro in einen neuen Fonds für die innere Sicherheit investieren. Hinzu kommen die Ausgaben der einzelnen Mitgliedstaaten und Forschungsgelder zur Entwicklung von Grenztechnologie.

EU-Länder schicken auf Empfehlung von Frontex Polizisten und Ausrüstung in Grenzregionen. Beamte aus Deutschland, Frankreich und Rumänien patrouillieren unter dem Mandat von Frontex gemeinsam an den Rändern Europas.

Rösler sagt, Aufgabe von Frontex sei es, Migration zu steuern, nicht zu verhindern. Doch der Erfolg der Agentur bemisst sich danach, wie effektiv sie Europa gegen irreguläre Einwanderer verteidigt - und damit gegen potenzielle Asylbewerber.

Frontex-Mitarbeiter werten die Daten der nationalen Grenzbehörden aus, der spanischen Guardia Civil oder der griechischen Küstenwache. Sie zählen illegale Grenzübertritte, sammeln Informationen über Schleuser und Migrationsrouten.

Wie viele Menschen an Europas Außengrenzen sterben, diese Zahl erhebt Frontex nicht.

Eine Arbeitsgemeinschaft europäischer Journalisten ermittelte, dass es mehr als 23.000 Menschen sind, die in den vergangenen 14 Jahren auf der Flucht nach Europa ums Leben gekommen sind.

In Griechenland berichten Flüchtlinge von Misshandlungen durch Offiziere der Küstenwache. Ungarische Gefängnisärzte verabreichen Gefangenen in den Lagern systematisch Betäubungsmittel, um sie ruhigzustellen. Marokkanische Soldaten verprügeln Migranten, die an der Grenze zu Spanien kampieren.

Frontex ist an solchen Menschenrechtsverletzungen fast nie direkt beteiligt. Aber fast alle Übergriffe geschehen im Einflussbereich der Agentur. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ist an den Außengrenzen der EU ein Regime der Abschreckung entstanden, das den vielbeschworenen Prinzipien Europas, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie etwa, Hohn spricht.

Spanien - Marokko

In der Nacht vor dem Sprung schläft Claude Eog kurz und traumlos. Der Wind bläst über sein Zelt aus zerrissenem Plastik hinweg. Eog erwacht um Mitternacht von dem Lärm im Lager auf dem Berg Gourougou. Flüchtlinge aus Mali, Somalia, Guinea wärmen ihre Hände über einem Feuer. Im Tal sieht Eog die Lichter Melillas strahlen.

Dort setzt sich, etwa zur gleichen Zeit, Leutnant Antonio Rivera an den Rechner im Kontrollzentrum der spanischen Guardia Civil. Neonlicht scheint von der Decke. Rivera und seine Kollegen klicken sich durch die Bilder der Überwachungskameras auf den Monitoren.

Keine zehn Kilometer trennen den Gendarm Rivera, 56 Jahre alt, Vater zweier Kinder, und Eog, 22 Jahre alt, Halbwaise aus Zentralafrika - und doch eine Welt: Durch Melilla, eine spanische Enklave auf marokkanischem Boden, verläuft die Landgrenze zwischen Afrika und Europa.

Spaniens Regierung hat mithilfe der EU für mehr als 30 Millionen Euro ein Bollwerk an der Grenze zu Melilla errichtet: Drei Zäune, zwölf Kilometer lang, sechs Meter hoch. Ein Symbol der Festung Europa. Dennoch gelingt es Migranten immer wieder, den Zaun zu überwinden.

Auf dem Berg Gourougou im Norden Marokkos beraten Claude Eog und die anderen Flüchtlinge ihre Strategie: Zu Hunderten wollen sie losziehen, die Dunkelheit nutzen, um unentdeckt von marokkanischen Soldaten den Zaun zu erreichen.

Claude Eog hat in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, als Mechaniker gearbeitet. Als Rebellen vergangenen Sommer seinen Vater ermordeten, ist er geflohen. Schlepper schleusten ihn nach Marokko, von dort fuhr er im November in einem Kleinbus Richtung Gourougou.

Laut Schätzungen der marokkanischen Regierung leben zwischen 25.000 und 40.000 Menschen ohne Papiere im Land, etwa eintausend Männer und einige wenige Frauen verstecken sich in den Wäldern am Gourougou. Sie warten auf eine Gelegenheit, die Grenze nach Europa zu überwinden - manche jahrelang.

An einem Mittag im Sommer hocken Männer um einen Kochtopf. In den Wäldern des Gourougou essen die Menschen Reste, die sie im Abfall der Marokkaner finden. Auf dem Boden liegen leere Flaschen, Dosen, Schutt.

Die Migranten schlafen unter Planen und Zedern. Kranke und Verletzte lehnen an Bäumen. Fast jede Woche suchen Sicherheitskräfte das Lager heim, brennen die Zelte der Flüchtlinge nieder und verprügeln all jene, die nicht schnell genug fliehen können. Auch Eog wurde mehrmals vom Militär gefasst. Er sagt, die Soldaten hätten ihn mit Holzstöcken geschlagen, bespuckt und auf ihn uriniert.

Im marokkanisch-spanischen Grenzland erprobt die Union die Zukunft der Migrationskontrolle. Hier delegiert die EU die Abwehr von Migranten an Nachbarländer. Allein im Rahmen des sogenannten Meda-Programms überwies Europa zwischen den Jahren 2007 und 2010 für den Schutz der Grenze 68 Millionen Euro an Marokko.

2013: 6838 illegale Grenzübertritte
+ 7 Prozent zum Vorjahr

Die Organisation Human Rights Watch prangert "exzessive Gewalt" gegen Flüchtlinge durch spanische und marokkanische Grenzschützer an. Selbst Schwangere und Kinder würden geschlagen und misshandelt. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) beendete vergangenes Jahr ihr Engagement in Marokko aus Protest gegen die "institutionalisierte Gewalt" gegen Migranten. Zwischen 2010 und 2012 versorgte MSF 10.500 kranke oder verwundete Flüchtlinge. "Wir fanden Männer mit gebrochenen Armen, gebrochener Nase. Ein Mann war derart schlimm verprügelt worden, dass er eine dreifache Schädelfraktur und eine Hirnblutung hatte", erzählt eine Ärztin.

Am 17. März schafft Eog es, sich unbemerkt an die Grenze zu schleichen. Er versteckt sich bis zum Einbruch der Dunkelheit in Büschen.

Antonio Rivera bemerkt um Mitternacht auf seiner Kamera Bewegungen großer Gruppen. Später erfährt er: Es waren 800 Menschen. Eog läuft als einer der Ersten auf das Bollwerk zu. Flutlicht blendet seine Augen. Er krallt seine Finger in die engen Maschen des Zauns. Seine Arme und Beine schmerzen. Der Weg vor ihm jedoch ist frei von Patrouillen. Er weiß: Dieses Mal wird ihm der Sprung nach Europa glücken.

Zwei Monate später lehnt Eog an der Mauer des Flüchtlingsheims in Melilla. Seine Hände sind vernarbt. 120 Migranten, erzählt er, hätten es in der Nacht vom 17. auf den 18. März nach Europa geschafft. Sie seien freudetrunken durch die Straßen von Melilla gelaufen, hätten gebrüllt: "Freiheit! Freiheit!"

Nun ist Eog in einem Lager untergebracht. Er hofft, auf das spanische Festland verlegt zu werden. Eog will weiterfliehen, am liebsten nach Deutschland. "Ich will in Deutschland als Mechaniker arbeiten."

Griechenland - Türkei

Am 19. Januar kenterte ein Flüchtlingsboot auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland. 12 Menschen ertranken vor den Augen der griechischen Küstenwache. Mindestens 7 Migranten starben bei einem ähnlichen Unglück in der Ägäis im März, 6 im April, mindestens 22 im Mai.

Rana Fida, 42, tritt auf den Balkon ihrer Flüchtlingswohnung auf der griechischen Insel Lesbos. Sie blickt auf das Meer und sagt: "Es ist ein Wunder, hier zu sein."

Fida hat gemeinsam mit ihren zwölf Jahre alten Zwillingen Aya und Abdullah dreimal versucht, auf dem Landweg aus Syrien über die Türkei nach Europa zu fliehen: Zweimal wurden sie von bulgarischen Sicherheitskräften festgenommen und zurück in die Türkei geschleppt, einmal wurde die Familie von türkischen Polizisten aufgehalten. Beim vierten Anlauf riskierte Fida ihr Leben: Sie stieg in das Schlauchboot eines Schleppers.

2013: 12.968 illegale Grenzübertritte über Land
- 61 Prozent zum Vorjahr
11.831 illegale Grenzübertritte über See
+ 171 Prozent zum Vorjahr

Bis vor Kurzem gelangten Flüchtlinge im südöstlichen Mittelmeerraum auf dem Landweg nach Europa. Auf Druck der EU riegelte Griechenland die Grenze zur Türkei jedoch ab. Die griechische Regierung zog 2012 einen 10,5 Kilometer langen Grenzzaun am Fluss Evros, entsandte 1800 zusätzliche Polizisten, eröffnete neue Internierungslager für Migranten.

Immer mehr Flüchtlinge nehmen nun die Route über das Meer. In der Ägäis kamen zwischen August 2012 und Juli 2014 mindestens 218 Menschen ums Leben.

Rana Fida, die ihren echten Namen nicht nennen will, hat in Damaskus als Grundschullehrerin gearbeitet. Vergangenen Sommer verschleppten Schergen des Diktators Baschar al-Assad ihren Mann. Fida floh mit den Zwillingen in den Libanon und von dort weiter mit dem Flugzeug nach Istanbul.

Ein Schlepper lotste die Familie für 800 Euro an die bulgarische Grenze. Gemeinsam mit zwei Dutzend Migranten irrte sie nachts durch das türkisch-bulgarische Grenzland, ihre beiden Kinder an der Hand. Hunde der bulgarischen Polizei spürten die Flüchtlinge in einem Wald auf.

Nach einem halben Jahr in Istanbul und einem weiteren missglückten Versuch, über Land nach Europa zu gelangen, folgte Fida dem Rat anderer Migranten, die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer zu wagen.

Menschenhändler profitieren von der Verzweiflung der Geflüchteten. Denn ohne die Hilfe von Schmugglern überwindet fast keiner von ihnen die Grenze nach Europa. Fida bezahlte Schleusern 2500 Euro für die Reise in einem Schlauchboot von der Türkei auf die Insel Lesbos. Verwandte liehen ihr das Geld.

Die Passage zwischen der türkischen Mittelmeerküste und den griechischen Inseln hat sich in eine Kampfzone verwandelt: 24.800 Migranten versuchten laut Frontex 2013, irregulär von der Türkei, meist übers Meer, in die EU zu gelangen, so viele wie in kaum einer anderen Region. Ein Heer türkischer, griechischer und anderer europäischer Grenzschützer soll dies verhindern.

Menschenrechtsbeobachter werfen der griechischen Küstenwache vor, Migranten zum Teil mit brutalen Methoden abzuwehren. Mehrere Syrer berichteten vergangenes Jahr der Organisation Pro Asyl von Misshandlungen durch griechische Patrouillen.

Männer in schwarzen Uniformen mit Masken hätten Flüchtlinge auf einen Militärstützpunkt gebracht und dort mit Holzstöcken auf sie eingeschlagen. Sie hätten die Hände der Migranten hinter deren Rücken gefesselt. Viele Stunden lang hätten sie eingesperrt in einem fensterlosen Raum ausharren müssen. Am Abend hätten die Sicherheitskräfte die Migranten in Booten ohne Benzin zurück aufs Meer geschleppt.

Der griechische Parlamentsabgeordnete Konstantinos Triantafyllos glaubt, die Menschenrechtsverletzungen in der Ägäis zeugten von einer grundsätzlichen Krise der europäischen Flüchtlingspolitik. Die EU mute den Ländern an ihren Rändern eine unlösbare Aufgabe zu: Sie sollen einerseits die Grenzen abschotten, andererseits Menschenleben retten.

Griechenland hat mit den Folgen der Wirtschaftskrise zu kämpfen, die Bereitschaft der Regierung, Flüchtlinge aufzunehmen, ist entsprechend niedrig. Jeder Migrant, der von griechischen Patrouillen in der Ägäis gerettet wird, ist ein potenzieller Asylbewerber. Premier Antonis Samaras versprach 2012 als Oppositionsführer, Griechenlands Städte von ebenjenen "zurückzuerobern".

Die EU fördert diesen Umgang mit Flüchtlingen. Sie überwies Griechenland in den vergangenen drei Jahren gut 12 Millionen Euro für die Versorgung von Migranten. Die Sicherung der griechischen Grenze war ihr im selben Zeitraum 228 Millionen wert.

Ungarn - Serbien

Zuerst überfalle ein Schauer den Körper, erzählt Abu Naffa. Hände und Füße würden taub, die Nerven vibrierten, der Kopf schwindle. "Die Pillen töten deinen Verstand", sagt Naffa.

Ein halbes Jahr lang war Naffa, Flüchtling aus Palästina, in einem Asylgefängnis im Norden Ungarns eingesperrt. Die Wärter, sagt er, hätten den Insassen zur Beruhigung Rivotril verabreicht, ein Mittel zur Anwendung bei Epilepsie und Angstzuständen.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) warnte bereits 2011, ungarische Asylwächter würden Migranten mit Drogen ruhigstellen.

Ungarn hat kein funktionierendes Asylsystem. Die wenigen bestehenden Einrichtungen sind überfüllt, etliche Flüchtlinge werden deshalb in ehemalige Militärbaracken oder Gemeindegebäude gesteckt, die zu Gefängnissen für Migranten umgebaut wurden. Im April waren in Ungarn mehr als 40 Prozent aller männlichen Asylsuchenden in einem Knast untergebracht. Die Gründe für Verhaftungen sind willkürlich und undurchsichtig. UNHCR-Vertreter kritisieren die Bedingungen in ungarischen Asylgefängnissen als "unmenschlich und erniedrigend".

2013: 19.951 illegale Grenzübertritte;
+ 212 Prozent zum Vorjahr

Mehrere Dutzend Demonstranten haben sich an einem Samstag im Mai vor dem Asylgefängnis Debrecen an der ungarisch-rumänischen Grenze versammelt. Sie sind mit einem Bus aus Budapest angereist, um gegen den Umgang ihrer Regierung mit Flüchtlingen zu protestieren. Abu Naffa ist an diesem Samstag erst vor wenigen Stunden aus dem Gefängnis in ein offenes Lager in Debrecen verlegt worden. Er hat sich dem Protestmarsch angeschlossen. "Die Europäer sollen wissen, was Flüchtlingen in Ungarn angetan wird", sagt er. Als die Demonstranten das Gefängnis erreichen, stürmen Häftlinge ans Fenster. Sie winken mit weißen Handtüchern, schreien: "Rettet uns!"

Naffa ist aus Gaza-Stadt auf dem Land weg über die Türkei und den Balkan in die EU geflohen. Er sah in Palästina nach dem Schulabschluss keine Zukunft für sich, träumte von einem Leben in Frankreich oder Deutschland. Doch ungarische Polizisten griffen ihn auf und sperrten ihn im Nordosten des Landes mit vielen anderen Migranten in ein Gefängnis. Naffa klagt, er sei von Sicherheitskräften regelmäßig misshandelt worden. Viele seiner Mitinsassen seien Rivotril verfallen, manche hätten versucht, sich umzubringen.

Die Asylgefängnisse dienten in erster Linie der Abschreckung, sagt Júlia Iván von der Menschenrechtsorganisation Helsinki-Komitee. Sie sollen Geflüchtete dazu bewegen, Ungarn zu meiden oder weiterzuwandern nach West- und Nordeuropa.

Wer Ungarn nicht freiwillig verlässt, wird häufig in den Nordosten oder den Süden abgeschoben - in die Ukraine oder nach Serbien.

In Subotica, der fünftgrößten Stadt Serbiens an der Grenze zu Ungarn, haben Migranten ein Lager am Rande einer Müllhalde errichtet. Zwischenzeitlich vegetierten hier mehrere Hundert Flüchtlinge, überwiegend aus Syrien und Afghanistan, in Behausungen aus Plastikplanen und Spanplatten. Die Migranten warten darauf, dass Angehörige Geld schicken für die Weiterfahrt. Abu Naffa lebte vorübergehend in dem Lager in Subotica, nachdem ungarische Polizisten ihn abgeschoben hatten.

Pastor Tibor Varga fährt jede Woche zu den Flüchtlingen, verteilt Decken, Brot, Aspirin. Der Pfarrer ist einer der wenigen im Ort, die sich um die Migranten kümmern. Varga parkt seinen Wagen im Hof einer stillgelegten Ziegelfabrik, steigt durch hohes Gras, folgt den Spuren am Boden. Das Lager ist an diesem Vormittag verwaist. Die serbische Polizei hat wenige Tage zuvor eine Razzia auf dem Gelände durchgeführt und all jene Migranten verhaftet, die nicht fliehen konnten.

2008 führte die serbische Regierung ein Asylsystem ein. Seither wurde jedoch lediglich drei Menschen tatsächlich ein Flüchtlingsstatus gewährt. "Kein Flüchtling kann auf Dauer anständig in Serbien leben", sagt Pfarrer Varga.

Die meisten Migranten fliehen nach wenigen Wochen weiter nach Norden. Abu Naffa gelangte bei seinem zweiten Anlauf unbemerkt bis nach Österreich. Dort wurde er von Polizisten gefasst und zur Rückreise nach Ungarn gezwungen.

Nun sitzt er, etwas verloren, vor dem Eingang zu den Flüchtlingscontainern. Er sagt, das offene Lager, in das er verlegt wurde, unterscheide sich kaum von dem Gefängnis. Auch hier lebten Migranten zusammengepfercht, kontrollierten Wärter die Zellen. Naffa will nun ein drittes Mal versuchen, nach Deutschland zu kommen. "Die Polizisten können mich verhaften, sie können mich schlagen. Ich werde nicht aufgeben."

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