Gewalttat auf dem Mittelmeer Glaubenskrieg im Flüchtlingsboot

Auf dem Mittelmeer hat sich eine weitere Tragödie abgespielt. Muslimische Flüchtlinge sollen zwölf Christen von Bord ihres überfüllten Schlauchbootes geworfen haben. Jetzt haben Zeugen die grausigen Details des Gewaltexzesses geschildert.

Von , Rom


Der Weg von Nigeria bis Europa ist weit und gefährlich. Überglücklich warf sich der 17-jährige Nigerianer denn auch auf den Boden und küsste die Erde Siziliens, als er am Donnerstag das Ziel seiner Träume erreicht hatte.

Zwölf Mitreisende hatten es nicht geschafft. Doch als der schmächtige junge Mann erst einem zivilen Helfer und dann der Polizei erzählte, warum und wie seine Mitreisenden gestorben waren, stockte denen der Atem: Mit dem Ruf "Allah ist groß" hätten muslimische Flüchtlinge Christen - oder wen sie dafür hielten - über Bord geworfen.

"Der Religionskrieg ist auf den Flüchtlingsbooten angekommen", empört sich der Schriftsteller und Psychotherapeut Tahar Ben Jelloun über die "Barbarei". Entsetzt sind auch Kirchen- und Regierungsvertreter, aber eigentlich nur in Maßen. Man hat sich an das Sterben auf dem Mittelmeer längst gewöhnt. 3500 Tote wurden letztes Jahr gezählt, in diesem Jahr sind es schon 900. Täglich werden es mehr, aber kaum jemand arbeitet ernsthaft daran, das zu ändern (Lesen Sie hier die Analyse).

Aus Brüssel meldet sich gleich die EU mit dem Hinweis, die Lage sei "ernst" und werde sich wohl "weiter verschlimmern". Die Flüchtlingsfrage stehe zwar an erster Stelle der Prioritätenliste. Aber leider habe man "weder die Mittel noch die politische Unterstützung" für großangelegte, dauerhafte Rettungsaktionen.

Auch Italien, das Land in dem die meisten Passagen aus Afrika enden, hat seinen nationalen Rettungs-Etat gekappt. Und im Norden des Landes gehen die populistischen Scharfmacher mit der Forderung nach Schließung aller Flüchtlingslager auf Stimmenfang. Doch das ist nicht nur in Italien so.

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Italien: Das Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer
Mord unter Flüchtlingen

Oft, sagt Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin der Insel Lampedusa, komme es auf den Schiffen und Gummibooten zu Mord und Totschlag. Lampedusa liegt näher an Tunesien als am italienischen Festland, ist deshalb eine viel genutzte Station für die illegalen Bootsfahrten.

Nicolini hat gewiss mit mehr Flüchtlingen gesprochen als irgendein anderer Politiker. Die Menschen auf den Schiffen "werden misshandelt, wenn sie sich beschweren oder klagen, nicht selten über Bord geworfen", sagt sie; "Frauen, Kinder, Männer", wie es gerade kommt. Auch Streit untereinander gehe nicht selten tödlich aus, weiß die Lampedusa-Bürgermeisterin. Man streitet, kämpft, tötet "aus Hunger und Durst" oder "weil die einen Christen und die anderen Muslime sind".

Hinweise auf religiöse Exzesse habe es auch in der Vergangenheit schon gegeben, aber nie wollten die Überlebenden vor Polizei und Justiz aussagen. Das ist jetzt erstmals anders. Eine Gruppe von etwa zehn Afrikanern hat erzählt, was an Bord passiert sein soll, unter Tränen. Was genau der Auslöser für den Gewaltexzess war, ist aber auch den Zeugen nicht ganz klar. Vermutlich war es ein Junge, der in panischer Angst zu Gott betete, ihn nicht sterben zu lassen.

"Hier betet man nur zu Allah!"

105 Passagiere waren in Libyen an Bord eines damit völlig überladenen Schlauchbootes gegangen. Afrikaner aus Nigeria, Ghana, Mali, Guinea-Bissau, der Elfenbeinküste, dem Senegal. Allesamt Länder, in denen Christen und Muslime nebeneinander leben - und in denen es immer wieder religiöse Konflikte gibt.

Was dann geschah, stellten die Zeugen laut italienischen Medien wie folgt dar: Während sie über das Mittelmeer fuhren, von der Sonne verbrannt und von Durst geplagt, lief plötzlich Wasser ins Boot. Panik brach aus. Einige weinten, andere brüllten, manche beteten. Zu Allah oder zum Gott der Christen. Mit lauter, heller Stimme flehte auch ein junger Nigerianer Gott an, ihn nicht sterben zu lassen. Das regte offenbar einen anderen Nigerianer mit anderem Glauben auf. "Hör auf damit", schrie der. Weitere Männer mischten sich ein und riefen: "Hier betet man nur zu Allah!" Zwei von ihnen stießen den Jungen so heftig, dass der über den Gummirand fiel. Der Nichtschwimmer versank binnen Sekunden.

Nach einem Moment des Schreckens ging das Wüten erst richtig los. Eine Gruppe von etwa 15 Muslimen brüllte "Allah ist groß!", stürzte sich auf betende Christen oder solche, die denen zu Hilfe kommen wollten, schlug auf sie ein und stieß in dem Gerangel auf dem schlingernden Gummiboot Menschen über Bord. Die anderen hielten sich fest an den Händen, um sich zu schützen und formten eine Menschenkette. Doch zwölf von ihnen konnten sich auch so nicht retten.

Ist es tatsächlich so geschehen? Die Ermittlungen sind noch am Anfang. Jedenfalls stehen jetzt 15 Flüchtlinge unter Anklage, zwölf Flüchtlinge vorsätzlich getötet zu haben. Die Opfer kommen aus Nigeria und Ghana, die mutmaßlichen Täter sollen aus Mali, dem Senegal und der Elfenbeinküste stammen.

Die Aussagen der Zeugen seien glaubwürdig, sagt ein Justizvertreter, auch die Täterbeschreibungen und Identifizierungen deckten sich weitgehend. Und dort, wo die Zeugen den Streit verortet hatten, fand das italienische Marineschiff "Bersagliere" inzwischen vier menschliche Körper im Wasser.

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