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Gleichberechtigungskurse für Flüchtlinge: "Erklären, was erlaubt ist - und was nicht"

Ein Interview von

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DPA

Asylbewerber in Bayern: Über Werte reden

In Norwegen bietet die Regierung Kurse für männliche Asylbewerber an - es geht um Gleichberechtigung, Gewalt und Sexualität. Expertin Nina Machibya berichtet, wie das läuft.

Deutschlands Politiker streiten darüber, wie die Integration von Flüchtlingen aussehen soll, wie hiesige Werte und Normen vermittelt werden. Die Angriffe auf Frauen in der Kölner Silvesternacht haben diese Debatte neuerlich befeuert.

In Norwegen wurden bereits vor Jahren Gleichberechtigungskurse für männliche Flüchtlinge eingeführt. Einrichtungen für Asylbewerber wurden vom norwegischen Ausländerdirektorat UDI verpflichtet, diesen Unterricht anzubieten. Derzeit ist unklar, wie es mit der Finanzierung der Kurse weitergeht. Hierzulande beginnt gerade Bayern mit einem sogenannten "Rechtsbildungsunterricht" in Flüchtlingsunterkünften.

Nina Machibya leitet eine Flüchtlingsaufnahmeeinrichtung in der 70.000-Einwohner-Stadt Sandnes im Süden Norwegens. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE berichtet sie, wie in den Gleichberechtigungskursen auf Augenhöhe mit Flüchtlingen über schwierige Themen wie Gewalt, Sexualität und Freizügigkeit gesprochen wurde.

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Nina Machibya: "Enger Kontakt entstanden"

SPIEGEL ONLINE: Frau Machibya, warum wurden die Kurse speziell für männliche Asylbewerber in Norwegen eingeführt?

Nina Machibya: Es gab kein solches Ereignis wie jetzt in Köln. Die Kurse waren von der Regierung präventiv gedacht, um bei der Integration voranzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Männer freiwillig in Ihre Kurse gekommen?

Nina Machibya: Ja. Aber als wir die Kurse starteten, waren viele skeptisch und wussten nicht, was wir wollten. Wir haben dann in direkten Gesprächen mit Flüchtlingen dafür geworben. Was überraschend war: Alle, die an der ersten Stunde teilnahmen, kamen auch die restlichen sechs Wochen zum Unterricht. Es waren immer sieben bis dreizehn Männer, viele aus Afghanistan und Eritrea. Es sollte ein Dialog im kleinen Kreise sein.

SPIEGEL ONLINE: Worum genau ging es in den Kursen?

Machibya: Um Gleichberechtigung vor allem, aber noch um viele andere Themen, zum Beispiel um Kindererziehung, um Gewalt, um Traumata, um das Gefühl, als Flüchtling stigmatisiert zu werden. Und dann haben wir auch darüber gesprochen, dass Gewalt nicht notwendigerweise körperlich sein muss, dass etwa auch verbale Drohungen Gewalt sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, dass das Ganze nicht einen arroganten Anschein bekommen hat: Wir sagen Euch jetzt mal, wie Ihr leben sollt?

Machibya: Wir haben klargemacht, dass es uns um einen Austausch geht. Dass jeder frei reden kann, ohne dass er dafür verurteilt wird, was er sagt. Übrigens: Unabhängig davon, ob sie Muslime oder Christen waren, sprachen sich alle Männer gegen Gewalt aus - die tief Gläubigen besonders entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Männer Ihrem Eindruck nach auch so gelebt?

Machibya: Das ist natürlich schwierig zu überprüfen, auf jeden Fall haben alle die Absicht geäußert. Und wir wollten es ihnen einfacher machen, sich zu öffnen: Deshalb haben wir sie aufgefordert, von ihren Beobachtungen aus dem Freundes- und Verwandtenkreis zu berichten. Was haben sie dort an Gewalt erlebt? Was auffiel: Wenn wir Eltern informiert haben, dass es in Norwegen verboten ist, Kinder zu schlagen, fragten sehr viele: Wie sollen wir ihnen dann beibringen, was richtig und falsch ist? Sie haben uns um Rat gefragt und waren eher erstaunt statt ablehnend. Ein großes Thema war auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, das bei uns natürlich auch dann gilt, wenn man verheiratet ist. Eine Frau also kann ihrem Mann sagen, dass sie keinen Sex mit ihm will - und er muss das respektieren. Das war neu für viele.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fragen haben die Männer in den Kursen gestellt?

Machibya: Wir haben zum Beispiel darüber gesprochen, wie es für sie ist, leicht bekleidete Frauen mit kurzen Röcken zu sehen. Die allermeisten Kursteilnehmer waren jung, sie haben verstanden und akzeptiert, dass das Leben in Norwegen so ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass es für ältere Männer schwieriger gewesen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie zum Beispiel reagiert, wenn ein Teilnehmer Ihnen, weil Sie eine Frau sind, nicht die Hand geben wollte?

Machibya: Ich habe es während meiner Arbeit in der Asylbewerberaufnahmeeinrichtung nur sehr selten erlebt, dass mich ein Mann nicht per Handschlag grüßen wollte. Das ist aber etwas, dass ich erst einmal respektiere. Wir müssen erklären, wie sich unsere Kultur in Norwegen etwa von der in Afghanistan unterscheidet: Was erlaubt ist und was nicht. Und welche Konsequenzen es hätte, eine Frau auf der Straße zu belästigen.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die Männer durch die Kurse verändert?

Machibya: Sie konnten sich besser zurechtfinden, konnten die Dinge besser einordnen, weil sie ihren Hintergrund verstanden haben. Oft ist in den sechs Wochen des Kurses ein enger Kontakt entstanden, denn wir haben private Sachen angesprochen, die sie sonst kaum mit irgendwem besprochen hätten. Nun ist aber die Finanzierung der Gleichberechtigungskurse durch das norwegische Ausländerdirektorat ausgelaufen, ich halte das für sehr schade.

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