Flüchtlingscamp Ein paar Quadratmeter Ruhrgebiet im Nordirak

Man müsste den Flüchtlingen in ihren Heimatländern helfen, dachten sich vier Männer aus dem Ruhrgebiet. Sie zogen los und bauten ein Dorf im Nordirak. Die Geschichte eines Erfolgs.

Hasnain Kazim

Aus Dohuk berichtet


Saado Badil Alo ist Flüchtling und wohnt in Dorsten. Nicht in Dorsten zwischen Münsterland und Ruhrgebiet, sondern in Kurdistan, im Nordirak.

Genau genommen wohnt er im Container Dorsten: etwa 30 Quadratmeter Laminatboden, Platz für bis zu zwei Familien, Wohnzimmer, eine kleine Küche, Bad. "Ganz schön" findet Alo, 64 Jahre alt, seine Unterkunft. Die Container nebenan heißen Duisburg, Herne, Essen, Marl oder Mülheim an der Ruhr. Manche sind auch nach Persönlichkeiten oder Firmen aus dem Ruhrgebiet benannt.

Ein paar Kilometer weiter wütet die Terrormiliz "Islamischer Staat". Hin und wieder hört man die Gefechte und Explosionen. Dann wackeln die Wände von Dorsten und Duisburg. Die Bewohner haben schon um einen Schutzwall gebeten, damit die Container weniger erschüttert werden und die Kinder keinen Schreck bekommen.

Flüchtlingsdorf Ruhrgebiet heißt die Ansammlung von Wohncontainern im Nordirak, finanziert von Menschen aus dem Ruhrgebiet, von Unternehmern, Beamten aus den Stadtverwaltungen, Bürgern, Schülern. Etwa 400 Menschen leben hier derzeit in 70 Containern, die ersten sind im vergangenen November eingezogen. Wenn das Dorf fertig ist, sollen hier 100 Container stehen. Eine Bäckerei gibt es schon, bald soll ein Schulgebäude entstehen, eine Krankenstation und eine Basarstraße. Wie lange es existieren soll, ist ungewiss. Vielleicht auf Dauer, vielleicht nehmen die Leute aber auch irgendwann die Container und stellen sie an anderer Stelle wieder auf.

Ein Vortrag, der alles veränderte

Es ist die Geschichte von einer zufälligen Idee, die von vier Männern und mithilfe Dutzender anderer aus der Region umgesetzt wurde. Einer Idee, hinter der Serdar Yüksel steckt, 1973 als Sohn kurdischer Einwanderer in Essen geboren und SPD-Landtagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Bochum. Ende 2014 hörte Yüksel einen Vortrag des Journalisten Jan Jessen, der über die Lage der Menschen im kurdischen Autonomiegebiet im Nordirak berichtete.

Jessen, 43, im Hauptberuf Politikredakteur bei der "Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung", hat als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Caritas öfter Hilfstransporte nach Kurdistan organisiert. "In seinem Vortrag ging es um die Jesiden, die vor den Terroristen des IS ins Sindschar-Gebirge geflüchtet waren und dort bei großer Hitze ohne Nahrung ausharrten", erinnert sich Yüksel. Jessen berichtete von mehr als 1,5 Millionen Menschen auf der Flucht, und davon, dass die meisten in Notunterkünften wohnten, in Zelten, Rohbauten oder Ruinen.

Yüksel, ein Mann, der schnell denkt und schnell spricht, kam mit einem spontanen Einfall: "Lasst uns im Nordirak ein Flüchtlingsdorf bauen", schlug er nach dem Vortrag vor. Gute Idee, dachte sich Jessen - und zog zwei weitere Männer hinzu: Rudi Löffelsend, viele Jahre Mitarbeiter der Caritas und jetzt Rentner, und Thomas Shairzid, Übersetzer und Dolmetscher und in den Neunzigerjahren als Asylbewerber aus dem Nordirak nach Deutschland gekommen, auf der Flucht vor dem Diktator Saddam Hussein .

Das Quartett schrieb noch im Dezember 2014 Firmen, Kommunen, Privatleute an und bat um Spenden. Die Männer verdeutlichten, dass die Jesiden die Hilfe dringend benötigten und dass den Menschen am ehesten geholfen sei, wenn man ihnen ein Auskommen nahe ihrer Heimat ermögliche. "Da redete in Deutschland noch niemand von einer Flüchtlingskrise", sagt Yüksel.

Die Hilfsbereitschaft war unerwartet hoch. Die Leute spendeten großzügig, Mitarbeiter in Kommunalverwaltungen sammelten ebenso Geld wie Schülerinnen und Schüler. Etwa 600.000 Euro sind bis heute zusammengekommen.

Schlaflose Nächte, tagelange Gespräche

Das Flüchtlingscamp nahe der Stadt Sheikhan existierte schon in Grundzügen, nur fehlte dort das Geld. Die Helfer aus dem Ruhrgebiet schlugen vor, hier ihr Dorf zu gründen, in bereits existierenden Strukturen. Sie lernten rasch, wem sie vertrauen konnten und wessen Zustimmung sie unbedingt brauchten. Mal hakte es hier, mal ruckelte es dort, und eine Zeit lang sah es so aus, als würde sich das Datum, an dem die ersten Flüchtlinge die Container beziehen können, auf unbestimmte Zeit verschieben. "Ich hatte schlaflose Nächte, denn die Spender fragten ja zu Recht: Und wann gehts los mit dem Flüchtlingsdorf?", sagt Jessen.

Um den Gouverneur von Dohuk, der dem Projekt anfangs eher skeptisch gegenüberstand, zu überzeugen, luden sie ihn nach Berlin ein, brachten ihn mit diversen Politikern zusammen und redeten mit ihm tagelang über das Flüchtlingsdorf. So entstand allmählich Vertrauen. Es ist diese Hartnäckigkeit und die Bereitschaft zu lernen, auch aus Fehlern, geduldig zu sein, zuzuhören und die lokalen Entscheidungsträger einzubinden, die das Projekt so erfolgreich gemacht haben.

Ein Wohncontainer, hergestellt im Nordirak, kostet etwa 5000 Euro. Brachte eine Kommune diese Summe durch Sammlungen auf, wurde ein Container nach ihr benannt. Damit die Spender wissen, wofür sie ihr Geld geben, wird der eine oder andere schon mal eingeladen, in den Nordirak zu reisen und sich das Dorf anzuschauen. "Alle kommen begeistert zurück und sind noch engagierter", sagt Jessen.

"Ruuudi, Ruuudi!"

Unterwegs mit den vier Männern zum Flüchtlingsdorf. Der Busfahrer wagt, wie hier üblich, lebensgefährliche Überholmanöver in hügeliger Landschaft. Löffelsend lehnt sich in seinem Sitz zurück und stimmt ein Kirchenlied an. "Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh, mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu." Alle lachen. Überholmanöver überstanden.

Rudi Löffelsend ist eine beeindruckende, voluminöse Erscheinung. Wenn er im Dorf ankommt, stellen die Leute zwei Plastikstühle ineinander, damit die Beine nicht wegknicken, wenn er sich setzt. Er spricht wenig Englisch, und doch ist er ein wichtiger Kommunikator. Während Yüksel die Menschen begrüßt, ihnen die besten Wünsche aus Deutschland übermittelt und warme Worte für alle findet, sitzt Löffelsend einfach da und beeindruckt durch seinen Auftritt. Die Menschen mögen ihn sofort, Kinder umtanzen ihn und singen: "Ruuudi, Ruuudi!" Löffelsend lächelt. "Jo, dat bin ich", sagt er.

Bäcker Abu Hadi schaut vorbei und sagt, der Backofen sei seit ein paar Tagen defekt, und er warte auf die Reparatur. Er ist selbst Flüchtling und wohnt in einem der Container. Er kommt aus Bagdad, erzählt er. "Schöner Ort für einen Bäcker: Back dat!", kommentiert Löffelsend. Wieder lachen alle. Auch Bäcker Abu Hadi, obwohl er nichts versteht.

Saado Badil Alo, der Bewohner von Dorsten, stammt aus Sindschar, jener einst von Jesiden bewohnten Stadt an der Grenze zu Syrien, die im August 2014 vom IS überrannt und im November 2015 von kurdischen Einheiten und einer jesidischen Bürgerwehr zurückerobert wurde. "So toll dieses Flüchtlingsdorf ist, bleiben wir am Ende doch Flüchtlinge. Und deshalb gehts uns schlecht." Sie hätten keine Arbeit, keine Perspektive, keine Heimat, wenig zu essen. Kürzlich hat er sein Haus in Sindschar in einem Fernsehbeitrag entdeckt: ein Trümmerhaufen nur noch. "Ich war Bauer, ich besaß einen Acker und Tiere. Jetzt habe ich nichts mehr." Am liebsten würde er irgendwann nach Sindschar zurückkehren.

Serdar Yüksel hat da schon eine neue Idee. Ein Haus in der Region kostet umgerechnet etwa 20.000 Euro. Für relativ wenig Geld könnte Deutschland Sindschar, die Stadt, die zum Symbol geworden ist im Kampf gegen den IS, wiederaufbauen und den Menschen die Rückkehr in ihre Heimat ermöglichen.

Vielleicht werde das das nächste Projekt, sagt Yüksel. "Ich schreib mal ein paar Leute an."

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