Hotline-Projekt "Alarm Phone" Helfer in der Seenot

Sie verteilen ihre Nummer in Nordafrika, wo die Boote starten: Aktivisten haben eine Rettungshotline für Flüchtlinge eingerichtet. Geraten sie in Seenot, klingelt auch in Berlin bei den Machern von "Alarm Phone" das Handy.

Gekentertes Flüchtlingsboot vor Tunesien (2011): Tausende Migranten sterben im Mittelmeer
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Gekentertes Flüchtlingsboot vor Tunesien (2011): Tausende Migranten sterben im Mittelmeer


Als der Anruf eingeht, sitzt Sophie Hinger in einem Café in Berlin-Kreuzberg. An diesem Tag hat sie Bereitschaftsdienst bei der Initiative "Alarm Phone". Auf der Nummer können Flüchtlinge anrufen, die das Mittelmeer im Boot überqueren und Hilfe brauchen. Ihr Handy klingelt, kurz darauf ploppt eine Nachricht auf ihrem Laptop auf. Eine Aktivistin aus Italien informiert sie, dass in der Nähe der Insel Samos vor der griechischen Küste ein Boot mit Flüchtlingen unterwegs ist.

Allein in diesem Jahr sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration bereits mehr als 1750 Flüchtlinge im Mittelmeer gestorben. Weil es keine Wege gibt, legal nach Europa einzureisen, bezahlen sie Schlepper, die sie über das Meer in die EU bringen. Viele der Boote sind überladen und seeuntauglich, die Motoren fallen aus, Wasser läuft ein.

Ende Oktober 2014 endete die italienische Marineoperation zur Seenotrettung, "Mare Nostrum", die Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten sollte. Die Nachfolgeoperation "Triton" der europäischen Grenzschutzagentur Frontex wird nur innerhalb eines Umkreises von 30 Seemeilen entlang der Küste aktiv.

Vorher haben Privatpersonen ihre Nummer rausgegeben

In vielen Fällen wurden Flüchtlinge nicht gerettet. "Teilweise wurden sie stattdessen zurückgeschoben, in lebensgefährlichen Situationen sich selbst überlassen oder sogar durch Grenzwächter beschossen", sagt Hinger. Auch Amnesty International und Pro Asyl berichten von illegalen Push-Back-Aktionen auf See.

Dokumentiert sind Fälle aus dem Jahr 2013, in denen griechische Grenzschützer, Flüchtlinge wieder über die EU-Außengrenzen zurückgeschickt haben oder Bootsflüchtlinge sich selbst überlassen wurden, weil sich die italienische Küstenwache nicht zuständig fühlte. Im Oktober 2014 entstand deshalb das "Watch the Med Alarm Phone"-Projekt und schaltete die Notrufnummer für Flüchtlinge frei.

Die 27-jährige Hinger ist Mitglied der Organisation "Borderline Europe" und seit Anfang an bei dem Projekt dabei. Die Aktivisten von "Alarm Phone" fahren nicht selbst mit Booten raus, sondern versorgen die Küstenwache mit Informationen und überwachen die Rettungsaktion. "Es gibt mehrere solcher Hilfsorganisationen und engagierte Einzelpersonen, die Telefonnummern unter den Flüchtlingen verteilen", bestätigt Beat Schuler vom Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Rom. In den unterschiedlichen Communitys kursieren verschiedene Nummern.

Berliner Aktivisten von "Alarm Phone": Paul Esser, Sophie Hinger und Aiko Takahashi
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Berliner Aktivisten von "Alarm Phone": Paul Esser, Sophie Hinger und Aiko Takahashi

Lokale Gruppen verbreiten die "Alarm Phone"-Nummer in Nordafrika, etwa in Libyen, von wo viele Boote starten. Über soziale Netzwerke oder von Mund zu Mund würde sie weitergereicht, erzählt Paul Esser. Der 25-jährige Student engagiert sich seit einem halben Jahr bei "Alarm Phone".

80 Aktive, 200 Unterstützer

Rund 80 Aktive gibt es derzeit, insgesamt knapp 200 Unterstützer. Die Freiwilligen arbeiten meist von zu Hause aus, unter anderem in Deutschland, der Schweiz, Spanien, Italien, Tunesien und Marokko. Die Nummer ist rund um die Uhr erreichbar. Immer zwei Personen übernehmen gemeinsam eine Acht-Stunden-Schicht.

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Wenn ein Notruf reinkommt, versuchen sie das Boot zu lokalisieren. "Viele Boote haben ein Satellitentelefon an Bord, über das sie ihren Standort durchgeben können", sagt die Studentin Aiko Takahashi von "Alarm Phone". Satellitentelefone sind zwar teuer, können aber für Flüchtlinge lebensrettend sein. "So können wir so schnell wie möglich die zuständige Küstenwache ausfindig machen und alarmieren." Anschließend informieren sie den UNHCR und lokale Hilfsorganisationen, die in der Nähe aktiv sind.

Beim UNHCR begrüßt man das Engagement. Gleichzeitig verweist Beat Schuler auf die verbesserten Rettungsmöglichkeiten. Die Strukturen würden funktionieren, auch wenn die Küstenwache nach Ende von "Mare Nostrum" weniger Boote zur Verfügung hat. Die Rettungseinsätze werden in der Notrufzentrale in Rom koordiniert. Die Positionen der Boote werden dort auf einer "Situationswand" live aufgezeichnet. "Doch ganz verhindern kann man Katastrophen nicht."

Die Aktivisten fordern: "Fähren statt Frontex"

Wie viele Anrufe insgesamt schon bei der Notrufnummer eingegangen sind, können die Aktivisten nicht sagen. "Aber zurzeit kommt jeden Tag mindestens ein Anruf herein, und es werden immer mehr", sagt Paul Esser. "An einem Tag hatten wir zehn Anrufe gleichzeitig." Mit dem Ende der Winterstürme wagen wieder mehr Flüchtlinge die Überfahrt.

"Das generelle Problem ist: Frontex und Triton sind militärische Abwehraktionen - keine Seenotrettung", sagt Sophie Hinger. "Ihr Auftrag ist es, Grenzen zu schützen und nicht Menschen." Die Aktivisten fordern, legale Zugänge für Flüchtlinge nach Europa zu schaffen - zum Beispiel mit einer Fähre übers Mittelmeer. Das Boot bei Samos hat es sicher bis nach Griechenland geschafft. Diesmal musste Sophie Hinger nicht Alarm schlagen.

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