Fakten zur Flucht übers Mittelmeer Wer sind die Flüchtlinge? Woher kommen sie?

Auf ihrer gefährlichen Überfahrt nach Europa geraten Zehntausende Migranten in Seenot, Tausende sterben. Woher kommen die Flüchtlinge? Welche Routen nehmen sie? Die wichtigsten Fakten.

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Flüchtlingsboot vor Sizilien:  Zehntausende fliehen über das Meer nach Italien
AFP/ Guardia Costiera

Flüchtlingsboot vor Sizilien: Zehntausende fliehen über das Meer nach Italien


Auf der anderen Seite des Wassers wartet das bessere Leben. Das glauben Zehntausende Flüchtlinge. Sie machen sich auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer. Es werden immer mehr. In den vergangenen Jahren sind die Zahlen der Boat-People rasant angestiegen - auch wegen des Kriegs in Syrien.

Wie haben sich die Flüchtlingszahlen entwickelt?

2010 noch kamen nur rund 10.000 Menschen über das Mittelmeer, 2011 auf dem Höhepunkt des Arabischen Frühlings waren es dann rund 70.000. 2012 kamen hingegen nur rund 22.000 Boat-People nach Europa, 2013 waren es 60.000.

Diese Zahl hat sich 2014 jedoch mehr als verdreifacht: Mehr als 218.000 Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr über das Mittelmeer. Und es werden vermutlich mehr: Die EU-Grenzschutzagentur Frontex rechnet für 2015 mit 500.000 bis zu einer Million Menschen. Auch Innenminister Thomas de Maizière sagte am Montag, in Libyen warteten rund eine Million Flüchtlinge auf die Überfahrt in die EU.

Karte mit den größten Flüchtlingsrouten über das Mittelmeer
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Karte mit den größten Flüchtlingsrouten über das Mittelmeer

Woher kommen die Flüchtlinge?

Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge, die 2014 über das Mittelmeer nach Europa kamen, stammen laut Uno aus Syrien und Eritrea. Die Herkunftsländer der Migranten unterscheiden sich aber je nach Route. Die EU-Grenzschützer von Frontex fassen die Flüchtlingsströme über das Mittelmeer in fünf Routen zusammen - drei große und zwei kleinere.

Welche Routen gibt es?

  • über das zentrale Mittelmeer: Die bedeutendste Flüchtlingsroute geht von Nordafrika - in der Regel von Libyen - nach Italien oder Malta. Auch die 700 Flüchtlinge, die offenbar am Wochenende ertrunken sind, nahmen diesen Weg.

    Allein in Italien landeten im Jahr 2014 mehr als 170.000 Boat-People - mehr als 460 pro Tag (auf Malta waren es laut UNHCR im ganzen vergangenen Jahr 570). Von den Flüchtlingen, die in Italien ankamen, waren rund 40.000 Syrer, mehr als 33.000 Eritreer. Diese Zahlen haben sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdreifacht.

    Im März 2015 hingegen waren die Syrer bei den in Italien ankommenden Flüchtlingen nicht mehr unter den ersten drei Herkunftsländern. Sondern Migranten aus Gambia, Somalia und dem Senegal führen die Statistik an.

    Die Zusammensetzung der Flüchtlingsströme ändert sich oft schnell. Zum Beispiel kamen wegen des Umbruchs in Tunesien 2011 mehr als 28.000 Tunesier nach Italien, 2012 dann nur noch rund 2700.

    Insgesamt sind der weitaus größte Teil der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kommen, Männer. 2014 waren es in Italien 125.790, außerdem 18.200 Frauen sowie mehr als 26.000 Kinder. Die Hälfte der Kinder flüchtete alleine, also ohne Eltern oder andere Begleitung.

  • Über das Mittelmeer nach Apulien und Kalabrien: Tausende Migranten kommen auch in den süditalienischen Regionen an - im Jahr 2013 waren es rund 5000. Frontex führt die Zahl dieser Flüchtlinge nicht mehr extra auf, sondern rechnet sie seit 2014 zu den Flüchtenden, die über die zentrale Mittelmeerroute nach Italien und Malta gelangen. Die meisten der Flüchtlinge, die über Apulien oder Kalabrien nach Italien kommen, sind laut Frontex zuerst über die Türkei oder Ägypten nach Griechenland geflohen und von dort weiter nach Italien.

    Zwar ist auch diese Route nicht sicher, aber wohl längst nicht so gefährlich wie die Strecke von Libyen aus. Nach Angaben von Frontex nutzen Schlepper und Menschenhändler auf der Route in der Ionischen See andere Boote, nämlich meist Segelyachten. Die Flüchtlinge sind demnach unter Deck und nur der Schmuggler ist an Bord zu erkennen, oft in Begleitung von einer Frau - um so möglichst unverdächtig zu erscheinen. Andere Menschenhändler bringen die Flüchtlinge laut Frontex von der Türkei oder Ägypten aus zu Hunderten auf großen Schleppern unter - sobald die Küste in Sicht ist, werden sie in kleinere Fischerboote umgeladen. Die meisten Flüchtlinge, die in Apulien aufgegriffen wurden, kamen aus Syrien, aber auch viele Pakistaner und Flüchtlinge aus Bangladesch hätten diese Strecke genommen.
  • Über das östliche Mittelmeer: 2014 gelangten über diese Strecke mehr als 50.000 Flüchtlinge nach Europa - die meisten nach Griechenland (43.500) - aber auch nach Bulgarien oder Zypern. Von ihnen waren laut Frontex mehr als 31.000 Syrer und mehr als 12.000 Afghanen. Griechenland musste einen Anstieg der Flüchtlinge um mehr als 280 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen. Insgesamt hat sich die Einwanderung nach Griechenland auf den Seeweg verlagert, auch weil Griechenland entlang des Grenzflusses zur Türkei einen Zaun gebaut hat.
  • Über das westliche Mittelmeer: Eine weitere wichtige Fluchtroute nach Europa führt von Nordafrika nach Spanien. Im Jahr 2014 kamen so laut Frontex 7842 Menschen. Unter den Herkunftsländern machten Kameruner mit 1497 Menschen die größte Gruppe aus, gefolgt von Algeriern und Flüchtlingen aus Mali. Frontex rechnet bei den Zahlen für diese Flüchtlingsroute auch diejenigen mit, die über die spanischen Enklaven in Nordafrika Mellila und Ceuta nach Europa kamen. Zwischen 2011 und 2013 sanken die Zahlen der Flüchtlinge über diesen Weg - das führen Beobachter auch auf die Wirtschaftskrise in Spanien zurück. Seit 2014 kommen aber wieder viel mehr Flüchtlinge über das westliche Mittelmeer - wegen der zahlreichen Konflikte in afrikanischen Ländern.
  • Von Westafrika auf die Kanarischen Inseln: Die am wenigsten frequentierte Seeroute für Flüchtlinge verläuft von der Küste Westafrikas auf den Atlantik hinaus auf die Kanarischen Inseln. Hier landeten im Jahr 2014 nur 276 Menschen. Hauptherkunftsländer waren Marokko, Guinea und Senegal.

Wie viele Menschen starben?

218.000 Flüchtlinge sind im Jahr 2014 über das Mittelmeer gekommen, 3500 laut Uno auf der Flucht ertrunken. Das ist weit mehr als jeder Hundertste. Im Jahr 2015 sind nach neuesten Uno-Zahlen 35.000 Flüchtlinge aus Nordafrika gekommen. Es sieht so aus, als seien bisher 1600 ertrunken, also fast jeder 50. Schon vor dem neuen großen Unglück mit wohl 700 Toten hat sich in den ersten Wintermonaten 2015 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Zahl der Toten verdreißigfacht.

Video: Erneut Tote bei Flüchtlingsunglück im Mittelmeer

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
derknecht 20.04.2015
1. woher sie kommen?
Als Antwort passt auch "Aus den Ländern, welchen wir die wunderbare Demokratie gebracht haben" Ein Artikel über die Ergebnisse der vom Westen gesteuerten Revolutionen aus Sicht der Bürger wäre mal nett.
nickleby 20.04.2015
2. Was wollen diese Menschen ?
Die Syrer können nach Saui-Arabien gehen, die Eritreer haben keinen Grund, ihr schönes land zu verklassen. Sie werden dort benötigt. Der Kosovo ist ein sicheres Land, Afghanistan hat bürgerkrieg : kein Asylgrund nach GG. Die anderen (Subsahara usw.) kommen aus wirtschaftlichen Gründen : kein Asylgrund. Also , ca 90% der Flüchtlinge haben kein Recht, basierend auf dem Völkerrecht, hier zu sein. Man kann ihnen Hilfen anbieten, und zwar in Afrika,Asien oder wo auch immer, aber nicht in Europa
Ohne_Namen 20.04.2015
3. Flüchtline aus Bangladesch/Pakistan?
Unabhängig davon dass Flüchtlinge aus weit entfernten Ländern nur einen kleinen Anteil des gesamten Flüchtlingsstroms stellen, frage ich mich, was sie nach Europa treibt. Natürlich, die Aussicht auf ein besseres Leben etc. - aber gibt es denn zwischen ihrer Heimat und Europa kein Land, das diese Bedingung erfüllt?
question2001 20.04.2015
4. Endlich mal Informationen
Und nicht nur Emotionen. Was natürlich auch jeden interessiert sind: 1. die Migrationsgründe. Man sollte aufhören alle pauschal als "Flüchtlinge" zu bezeichnen. Das fördert nur die Konfrontation, da die Absicht dabei allzu offensichtlich ist. Es ist ja auch nicht verwerflich wenn jemand auswandern will, Deutsche sind früher auch in Massen ausgewandert. Nur ist das für die Konzepte, wie man umgeht mit dem Thema, wichtig. Jeder der sein Sinne beisammen hat und nicht ideologisch verblendet ist, weiß dass eine großer Teil tatsächlich vor Gefahr "flüchtet" und ein anderer großer Teil eben einfach auswandern will. 2. Daten darüber wie viele Islamisten in der Masse mitschwimmen. Es ist absolut legitim deren Einreise verhindern zu wollen. Allerdings sieht das Asylrecht auch für die Bleiberecht vor, wenn sie verfolgt wurden. Man fragt sich ob ein Nusra-Kämpfer der vom IS verfolgt wird, was per se onenhin der Fall ist, hier Asyl bekommt, ein IS-Kämpfer der von der Nusra-Fornt aber nicht?
wealthofnations 20.04.2015
5. Danke für die Fakten
Genau das sollte ein Nachrichtenmagazin leisten.
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