Flüchtlingsunglück im Mittelmeer Sea Watch und libysche Küstenwache werfen sich chaotische Rettung vor

Fünf Migranten sind während einer Rettung im Mittelmeer ertrunken. Die Helfer von Sea Watch werfen der libyschen Küstenwache vor, sie habe den Tod der Menschen verschuldet. Die Libyer wehren sich.

AP

Nach einem neuen Flüchtlingsunglück im Mittelmeer machen sich deutsche Seenotretter und die libysche Küstenwache gegenseitig für den Tod mehrerer Flüchtlinge verantwortlich. Ein oder mehrere Schlauchboote mit mehr als 100 Migranten an Bord waren 30 Kilometer vor der libyschen Küste am Montag in Seenot geraten.

Die Nothilfeorganisation Sea Watch, die mit Rettungsbooten schiffbrüchige Migranten im Mittelmeer birgt, erhob gegen die libysche Küstenwache schwere Vorwürfe. Demnach habe während der laufenden Rettung ein heranpreschendes libysches Patrouillenboot "Angst und Panik" unter den Migranten ausgelöst.

An Bord des Schiffs der Küstenwache seien Menschen bedroht und geschlagen worden. Darum seien bereits Gerettete zurück ins Wasser gesprungen und ertrunken. "Diese Toten gehen auf das Konto der sogenannten libyschen Küstenwache", sagte der Einsatzleiter der Organisation, Johannes Bayer.

Libyen wies den Vorwurf zurück, für den Tod von fünf Migranten verantwortlich zu sein. Die Küstenwache beschuldigte ihrerseits Sea Watch, das Unglück vor der Küste des nordafrikanischen Landes ausgelöst zu haben. Die Libyer erklärten, das Sea-Watch-Schiff sei plötzlich aufgetaucht und habe Chaos verursacht. Menschen seien ins Meer gesprungen, um auf das Sea-Watch-Schiff zu gelangen. Die Crew habe die Anweisung der Küstenwache ignoriert, sich zu entfernen.

Italiens Küstenwache bestätigt Darstellung der Sea-Watch-Crew

Sea Watch wiederum gibt an, das libysche Küstenwachenboot habe Funksprüche der "Sea Watch 3"-Besatzung ignoriert. Der Einsatz des eigenen Bootes sei von der italienischen Küstenwache beauftragt und mit einem französischen Kriegsschiff und einem italienischen Marinehubschrauber in der Nähe koordiniert gewesen.

Eine Sprecherin der italienischen Küstenwache bestätigte die Angaben von Sea Watch, erklärte aber auch, die libyschen Behörden hätten "die Koordination des Einsatzes übernommen". Zu Details könne sie aber nichts sagen. Nach Angaben der italienischen Küstenwache nahm Sea Watch 58 Gerettete an Bord. Die Libyer brachten 45 Menschen zurück in das Bürgerkriegsland.

Das Unglück ereignete sich, nachdem sich die Flüchtlingskrise im Mittelmeer in der vergangenen Woche ein weiteres Mal zugespitzt hatte. Laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) sind 2017 bereits knapp 3000 Männer, Frauen und Kinder auf der Flucht über das Mittelmeer ertrunken.

Bislang knapp 3000 Tote in 2017

IOM-Sprecher Flavio Di Giacomo sagte, mit 34 Toten, 50 Vermissten und 2600 Geretteten sei die vergangene "eine der härtesten Wochen" für die Rettungskräfte auf der zentralen Mittelmeerroute in den vergangenen vier Monaten gewesen.

Nachdem im Mai und Juni jeweils mehr als 20.000 Menschen im Mittelmeer gerettet wurden, war die Zahl der Migranten, die die Flucht über das Mittelmeer wagten, in den Folgemonaten drastisch zurückgegangen. Grund hierfür ist unter anderem, dass die italienische Marine Libyen im Kampf gegen den Menschenhandel bei der Überwachung der Territorialgewässer hilft. Zahlreiche Migranten werden nun bereits innerhalb der 12-Meilen-Zone aufgegriffen und zurück in das Bürgerkriegsland gebracht.

Bis Anfang November erreichten 154.000 Migranten Europa, im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum 337.000. Der Großteil der Flüchtlinge geht weiterhin in Italien an Land, ein Viertel verteilt sich auf Griechenland, Zypern und Spanien.

cht/dpa

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