Flüchtlingsdrama im Mittelmeer Überlebende erheben schwere Vorwürfe gegen Kapitän

Die italienische Polizei hat den Kapitän des untergegangenen Flüchtlingsbootes festgenommen. Überlebende beschuldigen den Mann: Er habe sich versteckt, die Kontrolle verloren und angeblich eine Kollision verursacht.

Geretteter Flüchtling im Hafen von Catania: Hunderte Menschen in den Laderaum gezwängt
DPA

Geretteter Flüchtling im Hafen von Catania: Hunderte Menschen in den Laderaum gezwängt


Warum ist das Flüchtlingsschiff im Mittelmeer am Sonntag gesunken? Warum starben bis zu 800 Menschen? Einige der wenigen Überlebenden berichten mehreren italienischen Medien nun, dass ihr Boot mit dem portugiesischen Handelsschiff "King Jacob" kollidiert sei. Der Kapitän des Schleuserboots habe zuvor versucht, sich zu verstecken und dabei die Kontrolle über den überladenden Kutter verloren.

Eine offizielle Bestätigung oder Erklärung der italienischen Behörden zum genauen Unglückshergang liegt bislang nicht vor. Ein Sprecher des Eigners der "King Jacob" sagte dem Radiosender Renascença, das Schiff sei am Unglücksort mit gedrosselter Geschwindigkeit gefahren und habe keine große Wellen verursachen können.

In Berichten zuvor hatte es geheißen, dass sich die Flüchtlinge, nachdem andere Schiffe in Sicht waren, auf eine Seite des Schlepperbootes drängten, von der sich die vermeintliche Rettung näherte. Dann sei der Kutter gekentert und gesunken.

"Wir haben uns an die Toten geklammert"

Ein Flüchtling aus Bangladesch, der in ein Krankenhaus in Catania auf Sizilien kam, erzählte dem Sender TGcom24: "Der Fischkutter hatte drei Ebenen." In den Laderaum ganz unten habe man Hunderte Menschen gezwängt. "Dann haben die Menschenhändler die Luken geschlossen, um zu verhindern, dass die Flüchtlinge während der Überfahrt rausgehen." Weitere Hunderte Menschen hätten sich auf der zweiten Ebene des Schiffes befunden. Glück hätten all jene gehabt, die sich an Deck befanden - sie überlebten.

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Flüchtlingskatastrophen: Dramen im Mittelmeer
Nach Angaben der italienischen Behörden waren es nur 28 Menschen. 27 waren in der Nacht nach Sizilien gebracht worden. Der 28. Überlebende des Unglücks war wegen seines schlechten Gesundheitszustands schon früher nach Catania transportiert und dort ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Die beiden letzten Geretteten berichten dem Sender TGcom24 von schrecklichen Szenen: "Wir haben uns an die Toten geklammert, wir haben den Lärm der Motoren gehört und mit aller Kraft, die uns noch blieb, geschrien."

Unter den Überlebenden befinden sich auch der Kapitän und der erste Steuermann des Schiffes, teilte die Staatsanwaltschaft in Catania auf Sizilien mit. Beide Männer seien festgenommen worden. Der Kapitän soll aus Tunesien, der erste Steuermann aus Syrien stammen. Der leitende Staatsanwalt von Catania, Giovanni Salvi, ermittelt wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung und Menschenhandels gegen die beiden Männer.

Salvi erklärte, die beiden 27 und 25 Jahre alten Schleuser seien von überlebenden Flüchtlingen identifiziert worden. Ersten Erkenntnissen zufolge sei der Untergang des Bootes sowohl einer Kollision mit der "King Jacob" als auch der Tatsache geschuldet, dass sich die Passagiere in Panik von einer Seite des Bootes auf die andere begeben hätten.

"Die neuen Schleuser finanzieren auch den Terrorismus", sagte der italienische Außenminister Paolo Gentiloni (PD) der Tageszeitung "Messaggero". "Ihre Geschäfte machen inzwischen zehn Prozent des libyschen Bruttoinlandsprodukts aus." Europa müsse sich verstärkt dem Kampf gegen die Menschenhändler widmen, die aktuelle Tragödie habe sich aber nicht ereignet, weil es an Nothilfe gefehlt habe, sondern weil die Schleuser ein vollkommen seeuntüchtiges Boot auf den Weg gebracht hätten.

Im Video: Polizei verhaftet Kapitän des Flüchtlingsbootes

ala/heb

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karend 21.04.2015
1. .
"'Die neuen Schleuser finanzieren auch den Terrorismus', sagte der italienische Außenminister Paolo Gentiloni (PD) der Tageszeitung "Messaggero". 'Ihre Geschäfte machen inzwischen zehn Prozent des libyschen Bruttoinlandsproduktes aus.'" Das Geschäft mit der Not (und dem Leben) anderer kennt weder Grenzen noch Mitgefühl. Welch eine Herausforderung nicht nur für die EU. Je mehr Geld in die Rettung gesteckt wird, desto mehr Schleuser und mehr Fahrten mit seeuntüchtigen Booten wird es geben. Hilfe und Verbesserungen der Lebensqualität muss es vor allem vor Ort geben.
melea 21.04.2015
2. Endlich Nägel mit Köpfen?
Es ist umgehend eine Ausweitung der Rettungsmission auf dem Mittelmeer erforderlich - und zwar sowohl geographisch als auch finanziell. Europa muß mehr Geld und Mittel einsetzen, um mit aktiven Such- und Rettungsoperationen im ganzen Mittelmeerraum möglichst viele Menschen zu retten. Der Einwand, Hilf- und Rettungsaktionen wirkten anziehend auf Flüchtlinge und Schlepper, ist als «zynisch und falsch» anzusehen. In vielen Ländern Nordafrikas und im Nahen Osten sei die Lage derart desolat, dass die Menschen ohnehin ihre einzige Perspektive in der Flucht sehen würden.
otto_iii 21.04.2015
3. 673
Ich verstehe nicht, wieso nur wegen fahrlässiger Tötung ermittelt wird. Wer ein derart überladenes Boot auf die hohe See fährt nimmt den Tod vieler Menschen billigend in Kauf. Und wer das aus Gewinnstreben tut ist ein Mörder.
Sumerer 21.04.2015
4.
Zitat von karend"'Die neuen Schleuser finanzieren auch den Terrorismus', sagte der italienische Außenminister Paolo Gentiloni (PD) der Tageszeitung "Messaggero". 'Ihre Geschäfte machen inzwischen zehn Prozent des libyschen Bruttoinlandsproduktes aus.'" Das Geschäft mit der Not (und dem Leben) anderer kennt weder Grenzen noch Mitgefühl. Welch eine Herausforderung nicht nur für die EU. Je mehr Geld in die Rettung gesteckt wird, desto mehr Schleuser und mehr Fahrten mit seeuntüchtigen Booten wird es geben. Hilfe und Verbesserungen der Lebensqualität muss es vor allem vor Ort geben.
Jeder - ohne jegliche Ausnahme - würde wollen in solch einer Situation gerettet zu werden. Aus diesem Umstand lässt sich ein Gebot der Stunde schon ableiten. Recht haben Sie nur, wenn Sie die Lebensqualität vor Ort ansprechen! Das Gebot der Stunde lautet allerdings völlig anders. Ohne jegliche religiöse Motivation.
orwl 21.04.2015
5. Viel schuldiger als der Kapitän ...
sind die Schleuser, die ganz bewusst den möglichen Tod der Flüchtlinge in Kauf nehmen um daraus Kapital zu Schlagen. Das ist eine Unmenschlichkeit!
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