Gestrandete Flüchtlinge Algerischer Albtraum

Libyen macht seine Küsten dicht - auch weil die EU die Zahl der ankommenden Flüchtlinge radikal senken will. Das sorgt für Rückstau in den Transitländern. Ein Besuch bei den Wartenden von Algerien.

Flüchtling in der algerischen Wüste
AFP

Flüchtling in der algerischen Wüste

Aus Algier und Oran berichtet Zahra Chenaoui, "Le Monde"


Dieser Text ist Teil einer Kooperation von sechs europäischen Medienhäusern, die den Fokus auf das Flüchtlingsdrama im Mittelmeerraum und in Afrika richtet. Mehr zur Zusammenarbeit von "Politiken" (Dänemark), "La Stampa" (Italien), "Le Monde" (Frankreich), "El País" (Spanien), "The Guardian" (Großbritannien) und DER SPIEGEL lesen Sie hier.


Der Brunnen ist atemberaubend, ein Kunstwerk mitten in einem gepflegten Garten. Drumherum, sorgfältig inszeniert, posieren Desiree, Helene und Grace. Sie sind jetzt in Italien und lassen das in den sozialen Medien auch jeden wissen. Eigentlich stammen sie alle drei aus Kamerun, aber die vergangenen Jahre haben sie in Algerien verbracht, im selben Viertel.

Dort, am Rand der Hauptstadt Algier, sitzt Luc in seiner winzigen Wohnung. Er muss Platz schaffen, morgen kommt Besuch: die Cousine seiner Freundin mit ihrem zehnjährigen Sohn. Wie Luc und die drei Mädels von den Glamour-Posts im Netz kommt sie aus Kamerun. "Sie hat Familie in Frankreich, die haben die Reise letztes Jahr gemacht", erklärt Luc.

Er spricht von der Libyen-Route. Zwei Jahre war sie offen. Allerdings starteten die Überfahrten nur in seltenen Fällen direkt von Algerien aus. Zu genau werden dort die Küstenstreifen überwacht. Stattdessen diente Algerien als Transitland ins benachbarte Libyen. Krieg und Chaos hatten dort ein Paradies für Menschenschmuggler hinterlassen. Wen es also von Algerien aus nach Europa zog, der konnte fahren. Ob er es schaffte, stand auf einem anderen Blatt. Heute ist es schwieriger. Die Behörden haben, gefördert durch eine EU auf Anti-Flüchtlingskurs, auch in Libyen ihre Bewachung der Küste verschärft. Dazu gibt es immer wieder Kämpfe gegen Verbände von Extremisten. Jetzt gerade toben sie rund um Sabratha. Die Route ist de facto dicht.

(Lesen Sie hier eine Reportage von "La Stampa" über die Zustände in Libyen)

Den Jungen, der auf einer schmutzigen Matratze auf dem Asphalt sitzt, scheint das nicht zu schrecken. Er schaut sich auf einem Telefon ein Video aus seiner Heimat Douala an, Kameruns größter Stadt. Vor sechs Monaten ist der Teenager angekommen, seitdem wartet er auf einer Wiedereröffnung der Libyen-Route. "Ich bin hier, um ein Boot zu kriegen", sagt er. Dann spricht er leise von Europa: "Es ist dort besser für mich. Bessere Schulen." Für die Reise hat ihm sein Vater Geld geschickt. Aus Europa - er hat vor einem Jahr dieselbe Route genommen.

Jeden Tag warten sie wieder am Straßenrand

Etwas entfernt hockt eine Gruppe Jugendlicher aus Guinea, ebenfalls auf hingeworfenen Matratzen, sie färben sich gegenseitig die Haare. "Ich bin seit drei Monaten hier" sagte Mohamed, 17 Jahre: "Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig sein würde, hier Arbeit zu finden." Denn solange er auf die Weiterreise nach Europa warten muss, will er Geld verdienen. So wie er warten jeden Tag Dutzende junge Männer am Straßenrand auf jemanden, der einen Tagelöhner braucht. Doch die Autos fahren vorbei.

Die Szene steht für ein größeres Problem. Immer mehr junge Menschen aus Guinea und anderen westafrikanischen Ländern stranden in Algerien, scheitern an der Sprache und geraten mit Einheimischen in Streit. Gerade erst gab es in mehreren algerischen Metropolen heftigen Ärger, weil sich nigerianische Migranten zu Bettlerbanden organisiert haben. Der Rückstau der Flüchtlinge hier in Algerien, die vielen frustrierten jungen Menschen sind ein Resultat der europäischen Migrationspolitik. Die EU schottet sich ab, das Problem wird auf die Bürgersteige, Lager und Absteigen des Landes verlagert.

Besonders gefährlich leben geflüchtete Frauen. Das zeigt sich vor dem Krankenhaus von Oran, 400 Kilometer westlich von Algier, wo wir Adamo treffen. Aufgeregt läuft er vor dem Tor hin und her und versucht, per Telefon den Weg hierher zu beschreiben. Irgendwann kommt die Person am anderen Ende der Leitung dazu. Eine junge Frau, offensichtlich schwanger.

Die Behörden gehen immer härter gegen Flüchtlinge vor

"Sie ist vergangene Woche aus Tamanrasset angekommen", erklärt Adamo und meint die Sahara-Stadt weit im Süden des Landes, einem wichtigen Transitort für Flüchtlinge. Seit fünf Monaten ist sie schwanger, war davon die meiste Zeit unterwegs und hat noch keinen Arzt gesehen. Untergekommen ist sie bei anderen Flüchtlingen, die schon länger in der Stadt sind und ihre bescheidene Unterkunft teilen.

Wüste nahe Tamanrasset (Archivbild)
REUTERS

Wüste nahe Tamanrasset (Archivbild)

Mit so viel Solidarität kann sie bei weitem nicht überall rechnen. "Die Frauen, die gerade erst angekommen sind, sind verwundbar. Die Alteingesessenen schikanieren und nutzen sie aus.

Und auch von den Behörden können sie wenig Unterstützung erwarten. Im Gegenteil: Seit September wurden mehr als 1200 Flüchtlinge aus Ländern südlich der Sahara festgenommen. Es gibt sogar Berichte von jungen Müttern, die nach der Entbindung noch vor dem Krankenhaus geschnappt wurden. Wer in die Fänge der Behörden gerät, muss damit rechnen, zurück nach Tamanrasset gebracht zu werden. Und von dort an die Grenze.

Trotzdem harren die Flüchtlinge aus. Was sollen sie auch machen? Einer, er kommt aus Liberia, will aber seinen Namen nicht verraten, fasst es so zusammen: "Ich bleibe, weil ich hier mehr für meine Arbeit bekomme als zu Hause. Also beiße ich die Zähne zusammen und warte, bis das alles vorbei ist."



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Seite 1
xxgomeraxx 31.10.2017
1. Der "Rückstau" der Flüchtlinge ....
wie im Artikel genannt, ist nicht die Schuld dieser bösen EU, die ihre Grenzen schützen möchte. Nein, es sind die Verhältnisse in den afrikanischen Heimatländern und die illusorischen Vorstellungen, die viele Flüchtlinge haben, die mit aller Macht gen Europa reisen möchten. Ohne Änderung der Verhältnisse in vielen afrikanischen Staaten und ohne entsprechende Einwanderungsgesetze wird dieser "Trubel" nie aufhören. Europa kann nicht halb Afrika bei sich aufnehmen, Europa ist selbst ein ziemlich übervölkerter Ort und viele Europäer möchten das auch nicht. Für die afrikanischen Staaten ist das "Ausbluten" durch massenhaften Weggang grade der Jugend auf die Dauer tödlich. Es muss sich etwas in den afrikanischen Herkunftsgesellschaften ändern, politisch, sozial, ökonomisch. Dafür sollten Gelder verwendet werden, denn im Grunde genommen ist Arbeit auch in Afrika massenhaft da ... für mehr ganzjährig nutzbare Verkehrswege, Kampf gegen Versteppung und Verwüstung besonders im nördlichen Afrika, sauberes Trinkwasser, mehr Ärzte, mehr Lehrer, vernünftige Land- und Viehwirtschaft, stabile Energieversorgung ... das braucht viele Arbeitskräfte, die fehlen, gehe alle nordwärts. Statt Entwicklungsgelder "in die Landschaft zu blasen", wären kontrollierte Projekte notwendig, die auch noch nach Fertigstellung über Jahre funktionieren ... weil man entsprechend einheimisches Personal ausgebildet hat, das dadurch seinen Lebensunterhalt finanziert, statt die Koffer zu packen und auf das nächste Schiff gen Europa zu warten! Afrika hat Potential ... wenn die Menschen durch Arbeitsplätze und entsprechende andere Lebensumstände in Politik und Sozialem dort gehalten werden. Oder wird Afrika eines Tages der "Großwildpark" der Erde werden, weil man die Bevölkerung durch Duldung wahnwitziger Verhältnisse komplett zur Abwanderung gebracht hat?
derpif 31.10.2017
2.
Zitat von xxgomeraxxwie im Artikel genannt, ist nicht die Schuld dieser bösen EU, die ihre Grenzen schützen möchte. Nein, es sind die Verhältnisse in den afrikanischen Heimatländern und die illusorischen Vorstellungen, die viele Flüchtlinge haben, die mit aller Macht gen Europa reisen möchten. Ohne Änderung der Verhältnisse in vielen afrikanischen Staaten und ohne entsprechende Einwanderungsgesetze wird dieser "Trubel" nie aufhören. Europa kann nicht halb Afrika bei sich aufnehmen, Europa ist selbst ein ziemlich übervölkerter Ort und viele Europäer möchten das auch nicht. Für die afrikanischen Staaten ist das "Ausbluten" durch massenhaften Weggang grade der Jugend auf die Dauer tödlich. Es muss sich etwas in den afrikanischen Herkunftsgesellschaften ändern, politisch, sozial, ökonomisch. Dafür sollten Gelder verwendet werden, denn im Grunde genommen ist Arbeit auch in Afrika massenhaft da ... für mehr ganzjährig nutzbare Verkehrswege, Kampf gegen Versteppung und Verwüstung besonders im nördlichen Afrika, sauberes Trinkwasser, mehr Ärzte, mehr Lehrer, vernünftige Land- und Viehwirtschaft, stabile Energieversorgung ... das braucht viele Arbeitskräfte, die fehlen, gehe alle nordwärts. Statt Entwicklungsgelder "in die Landschaft zu blasen", wären kontrollierte Projekte notwendig, die auch noch nach Fertigstellung über Jahre funktionieren ... weil man entsprechend einheimisches Personal ausgebildet hat, das dadurch seinen Lebensunterhalt finanziert, statt die Koffer zu packen und auf das nächste Schiff gen Europa zu warten! Afrika hat Potential ... wenn die Menschen durch Arbeitsplätze und entsprechende andere Lebensumstände in Politik und Sozialem dort gehalten werden. Oder wird Afrika eines Tages der "Großwildpark" der Erde werden, weil man die Bevölkerung durch Duldung wahnwitziger Verhältnisse komplett zur Abwanderung gebracht hat?
Natürlich liegt die Ursache in den Herkunftsländern, deshalb flüchten sie ja, ich glaube den Begriff versteht jeder. Trotzdem verschlimmert die Politik der EUI die Lage unnötig. Die Herkunftsländer zu bitten ab jetzt lieb und nett zu rückgeführten Flüchtlingen zu sein ist überflüssig. Die Grenzen müssen einfach weg, dann verteilt sich das ganze besser. Reisende kann man sowieso nicht aufhalten, erst Recht nicht wenn sie aus Todesangst "reisen". Ich würde auch nicht hier bleiben wenn Krieg wäre.
tomasl 31.10.2017
3. Kolonialismus, Entwicklungshilfe
die Kolonialverwaltung war zu teuer. Es folgte das Downsizing der Kolonialmächte: Aufgabe allgemeiner Regierungsaufgaben, Beschränkung auf die Kontrolle profitabler Sektoren - bis heute werden Minen in Zentralafrika von Fremdenlegionären bewacht. Entwicklungshilfe geht auch nicht. Die lokalen Fürsten verlangen ihren Tribut. Das Geld geben sie dann beim Shopping in London & Paris aus. Das Abschieben von für die Herrschenden unbrauchbarem Menschenmaterial hat lange Tradition. Die Sklaven wurden grösstenteils von lokalen afrikanischen Fürsten an die Sklavenhändler verkauft.
frustrierterfritz 31.10.2017
4. Flüchtlingsursache bekämpfen..
sind hohle Worte unserer Politiker. Im Angesicht der in Afrika herrschenden KORRUPTION - ein aussichtsloses Unterfangen. In den letzten 40 Jahren sind dort 2 Billionen Dollar !! an Entwicklungshilfe sinnlos versickert, ebenso wie in Südamerika. Verlorene Erdteile, die an ihrer Entwicklungs- und Bevölkerungspolitik ersticken werden.
basic11 31.10.2017
5. Die wirklichen Probleme sind:
wie schon 1000fach erwähnt die Bevölkerungsexplosion u die instabile politische Lage in Afrika. Beide Hindernisse müssen unter der Hauptregie der Afrikaner selbst von innen heraus angegangen werden.
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