Zwangsprostitution und sexuelle Gewalt

Schutzlos

Im größten Flüchtlingscamp der Welt in Bangladesch zeigt sich der brutale Alltag der Frauen, die hier leben. Ein Besuch.

Laila schiebt die Ärmel hoch, öffnet den Gesichtsschleier und schrubbt mit einem rosafarbenen Stück Seife erst ihre Unterarme, dann die Hände. Sie steht auf einem flachen Holzstück, groß wie ein DIN-A4-Papier, damit sie mit den Füßen nicht den aufgeweichten Lehmboden berührt, der sich wie eine hellbraune Hülle um alles legt. Die Haut im Gesicht kratzt sie sich mit den Fingernägeln sauber.

Zwischen Plastikplanen versteckt sich die 16-Jährige - zierlich, dunkle Augen, schwarze Haare, am Zeigefinger ein schmaler Silberring mit gelber Blüte - beim täglichen Waschen. Ihr einziges Stück Privatsphäre. Gerade groß genug, um sich einmal zu drehen.

Laila richtet ihre Kleidung und tritt auf die Straße. Hier mischt sich der schlammige Boden mit Müll, der roten Betelnuss-Spucke der Männer und den Fäkalien der Kleinkinder. Allein ist man nie, Menschen wuseln durch die schmalen Sandwege, junge und alte Männer sitzen neben den Hütten, neugierig auf alles, was sie vom Nichtstun ablenken kann. Viele von ihnen schauen Laila hinterher, wie sie mit ihrem goldbestickten Gewand durch die Gassen heimläuft.



Seit zwölf Jahren lebt Laila mit ihrer Familie schon hier, im größten Flüchtlingslager der Welt im Südosten Bangladeschs. Rund 900.000 aus Myanmar vertriebene Muslime, die wie Laila zur Volksgruppe der Rohingya gehören, wohnen inzwischen in Kutupalong und in benachbarten Camps.

Allein seit dem Höhepunkt der Krise im August vergangenen Jahres waren mehr als 700.000 Menschen dazugekommen, die vor der Militärgewalt in ihrem Heimatland flohen. Nun drängen sich Zehntausende Zelte dicht an dicht.

Im 360°-Video schildert Simon Ming von "Ärzte ohne Grenzen" den entbehrungsreichen Alltag im Camp:


Auch wenn das Leben hier für alle hart ist - Frauen zählen zu den Schwächsten der Schwachen.

Lailas Stimme ist hoch und leise zugleich, als sie ihre Geschichte erzählt: Eine ältere Frau hatte ihr vor einem halben Jahr Arbeit versprochen, sie sollte sauber machen und kochen bei einer Familie außerhalb des Camps. "Ich habe niemandem etwas davon erzählt", sagt Laila. Mit dem Geld wollte sie ihre Familie unterstützen.

Doch die Frau habe sie an ein fremdes Paar weitergereicht, die beiden brachten Laila nachts zu einem Gebäude, das bekannt ist als Umschlagplatz für verschleppte Mädchen, die von dort an Zuhälter gehen oder in den Norden des Landes geschafft werden.

Die Frauen und Kinder, die mit ihr tagelang in einem Raum des Gebäudes saßen, schliefen oder weinten, erinnert sie sich. Am Boden hätten blutgetränkte Kleidungsstücke gelegen. "Dann gab mir das Paar zwei Tabletten."


Schweigen aus Scham und Angst

Die Lebensbedingungen im Camp machen es Menschenschleppern leicht. Das Areal ist gerade fünf mal fünf Kilometer groß, jemanden im Gedränge verschwinden zu lassen ist einfach, die Aus- und Eingänge werden so gut wie gar nicht kontrolliert. Gerade mal 1000 Polizisten waren anfangs abgestellt, für Sicherheit zu sorgen, inzwischen sind die Sicherheitskräfte aufgestockt worden.

Es gibt Schätzungen zwischen einer Handvoll und Hunderten Opfern von Zwangsprostitution, überprüfbare Zahlen dazu zu bekommen ist unmöglich. Auch, weil die Umstände nicht immer ganz klar sind.

Manche Familien verkaufen ihre Töchter an Schlepper, andere Mädchen gehen freiwillig mit, um so dem Leben im Camp zu entkommen. In jedem Fall ist die Prostitution Minderjähriger eine Straftat.

"Ich bin so glücklich, wieder hier zu sein", sagt Laila in ihrer Hütte. Ein Verwandter hatte sie aufspüren und nach zehn Tagen Gefangenschaft von dort befreien können. "Ich dachte schon, ich sehe meine Familie nie wieder." Verschläge wie diese, in denen Laila mit ihren Eltern und zwei ihrer Geschwister lebt, sind nur wenige Quadratmeter groß. Auf einem Baugerüst aus Bambusstäben liegen Plastikplanen, die auf dem Dach noch durch Sandhaufen beschwert werden.

Laila achtet darauf, immer vor der Dämmerung heimzukommen. "Es ist draußen dann nicht mehr sicher", sagt sie. Frauen sind auch tagsüber selten auf den Wegen des Camps anzutreffen, sie verlassen die Hütten meist nur, um Feuerholz zu sammeln oder um sich für Brot und Linsen bei den Ausgabestellen der Hilfsorganisationen anzustellen. Wenn sie vor die Tür treten, dann meist nur mit Nikab und Gewand. Bei fast 40 Grad laufen die Frauen in den langen Gewändern umher, der Saum saugt sich jetzt in der Regenzeit mit dem Schlamm in den Gassen voll.

Arbeiten dürfen sie ohnehin nicht - genauso wenig wie ihre Männer. Auch die Kinder dürfen offiziell nicht unterrichtet werden. Das schreibt die Regierung von Bangladesch vor, die eine Integration der Rohingya in ihre Gesellschaft zu verhindern versucht. Ginge es nach ihr, würden die Flüchtlinge nach Myanmar zurückkehren. Die Regierung dort nimmt sie aber nicht zurück, obwohl es ein Abkommen gibt. Die meisten Menschen haben sich deswegen darauf eingerichtet, länger hierzubleiben.

Neben diesen Lebensbedingungen, die jede Eigenständigkeit und Zukunftsplanung schwer machen, kämpfen die Frauen mit ihrer Vergangenheit. Viele sind bereits tief traumatisiert, wenn sie in Kutupalong ankommen. Etliche von ihnen berichten von Vergewaltigungen durch das myanmarische Militär. Aber auch hier im Camp sind sie nicht sicher vor Missbrauch.

"Ärzte ohne Grenzen" gibt an, zwischen August 2017 und Ende April 377 Opfer sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt behandelt zu haben. Auch hier ist nicht klar, wie hoch die tatsächliche Zahl liegt, weil viele Frauen aus Scham und Angst schweigen.

Noch schutzloser fühlen sich Frauen, die ohne Ehemann im Camp leben, so wie Runa*. Kurz vor ihrer Flucht im vergangenen Sommer wurde sie von zwei myanmarischen Soldaten überfallen und vergewaltigt - erst fünf Monate später, bereits in Kutupalong, fand sie heraus, dass sie schwanger war. Wenn Runa über diese Nacht im Sommer 2017 spricht, kommen ihr die Tränen:


Auch Laila, das Mädchen mit dem goldglänzenden Gewand, wünscht sich einen Ehemann. Nach bangladeschischem Recht darf sie theoretisch erst mit 18 Jahren heiraten, aber Kinderehen sind im Camp keine Seltenheit. Trotzdem wird es schwer, einen Mann für sie zu finden: Der Vater müsste eine Mitgift zahlen, die kann sich Lailas Familie aber nicht leisten. Bei Frauen, die etwa durch Vergewaltigungen keine Jungfrauen mehr sind, fällt die Summe noch mal deutlich höher aus.

Das Bordell

Wenige Hundert Meter von Lailas Zuhause steht eine Hütte, die durch Metalllamellen und Bambusmatten verstärkt ist, auf dem Dach wuchern Pflanzen. In einem der hinteren Räume des Hauses liegt ein grüngelbes Tuch auf dem sandigen Boden ausgebreitet, darauf ein kleines rotes Kissen. In einer Ecke des Raums steht ein roter Plastikkorb, daneben liegen eine aufgerissene Kondompackung und ein Präservativ.

Das illegale Bordell ist in der Nachbarschaft bekannt. Die Frauen, die hier arbeiten, prostituieren sich für einen Hungerlohn von umgerechnet wenigen Euro.

Das meiste Geld streichen sogenannte Broker wie Azizullah ein, ein schmächtiger, kleiner Mann, 24 Jahre alt, mit breiten Kieferknochen und James-Dean-Frisur. Er vermittelt Männer an die Frauen, die zum Teil noch Teenager sind. "Manche werden von ihrer Familie dazu gedrängt, so Geld zu verdienen", sagt Azizullah. Oder die Frau werde von ihrem Ehemann geschickt, der damit seine Drogensucht finanzieren wolle.

Die Freier sind fast alle Bangladescher, die am Abend in das Camp kommen. Rohingya-Frauen gelten als schöner und zierlicher als die bangladeschischen Frauen. Azizullah verachtet die Frauen, an denen er verdient, beklagt etwa deren vermeintliche "Verdorbenheit", weil sie auch im Ramadan Freier empfangen. Käme seine Schwester auf die Idee, anschaffen zu gehen, würde er durchdrehen, sagt er. Mit der Polizei habe er einen Deal ausgehandelt:


Kampf gegen sexuelle Gewalt

Kushida will den Frauen im Camp dabei helfen, sich selbst zu helfen. Sie ist eine der wenigen Rohingya, die ihr Gesicht noch mit einer hellgelben Paste aus fein geriebener Baumrinde vor der Sonne schützt, wie es in Myanmar üblich ist.

"Rape story" steht auf dem ersten laminierten Bild, das Kushida einer Gruppe von Frauen zeigt, die sich in einer Hütte um sie versammelt haben - sie erzählt eine Vergewaltigungsgeschichte:

"Eine Frau geht mit ihrer Mutter im Camp zum Wasserholen, doch der erste Brunnen gefällt ihr nicht, also geht sie zu einem zweiten, allein." Dort werde sie beim Wasserholen von einem Mann beobachtet und kurz darauf weggezogen.

Nächstes Bild: Eine Frau sitzt zusammengekauert am Boden. "Jetzt möchte sie nur noch sterben", sagt Kushida, ihre Stimme ist laut, ihr Oberkörper wippt beim Sprechen nach vorne, verleiht ihren Worten noch mehr Ausdruck. Die Frau auf dem Bild habe Angst, nun niemals einen Ehemann zu finden. Deshalb will sie das Geschehene für sich behalten. "Aber so muss es nicht sein", sagt Kushida. Die Frauen blicken sie ungläubig an:


Kushida ist Mitglied einer sogenannten "Outreach"-Gruppe. NGOs wie "Ärzte ohne Grenzen" schicken sie ins Camp, damit sie mit anderen Rohingya-Frauen sprechen, von Hilfsangeboten erzählen oder erfragen, was noch gebraucht wird. Einfach ist es nicht, über die Tabuthemen zu sprechen. Vergewaltigung heißt hier in der Übersetzung "accident", eine Abtreibung "menstruation correction".

Bei "Ärzte ohne Grenzen" haben sich die Mitarbeiter ein besonderes System ausgedacht, damit die Frauen sich nach einer Vergewaltigung trotz Trauma, Scham und Angst vor sozialem Stigma schnell bei der NGO melden. Giulia, Hebamme aus Italien, erklärt:


Die Probleme reichen längst schon über Kutupalong hinaus. Reichere Freier zieht es nicht in das verdreckte Camp-Bordell, sondern in die billigen Hotels in der nahe gelegenen Stadt Cox’s Bazar. An diesem Abend wird eine 13-Jährige in einem kleinen Restaurant am Marktplatz von ihrer Zuhälterin angepriesen.

Erst am Vortag sei sie aus dem Camp gekommen, erzählt die Frau, die sich Sanjida nennt, etwa Mitte vierzig, breiter Mund, ein Tuch locker um den Kopf geschlungen. Das Mädchen sei noch Jungfrau. Umgerechnet 30 Euro verlangt sie von dem Mann, mit dem sie sich hier trifft, für einen "Shot", wie es heißt.

Ihr Gegenüber ist ein Menschenrechtsaktivist, der die Aufnahmen des Gesprächs hinterher an Ermittlungsbehörden weitergeben will. Er gibt vor, zwei Mädchen zu wollen, beide Rohingya. Eine versteckte Kamera läuft mit:


Sanjida dringt mehrfach auf eine schnelle Einigung und das Geld:

Er: "Das Mädchen ist 13 Jahre alt? Wie alt ist das andere Mädchen?"

Sie: "Eines ist 13, das andere 12, aber sie sind alle gleich."

Er: "Sind alle jünger als 15 Jahre?"

Sie: "Ich habe keine Mädchen, die älter sind als 15."

Er: "Wenn ich fertig bin, wo bringe ich das Mädchen hin? In das Camp?"

Sie: "Nein, du schickst sie zu mir. Du gibst dem Taxifahrer Geld und lässt ihn mich anrufen. Ich trage das Risiko. Keine Sorge. Ich habe schon Tausende Mädchen vermittelt, nie hat mich jemand etwas gefragt."

Er: "Gibt es ein Problem mit der Polizei?"

Sie: "Es gibt kein Problem. Ich bringe die Mädchen zu dir ins Hotel, niemand wird mich anhalten."

Wenige Tage später wird die Zuhälterin festgenommen. Laut Gerichtspapieren soll sie für neun Monate ins Gefängnis. Was mit der 13-Jährigen passiert ist, ist nicht klar.

Laila hatte Glück, dass sie nach wenigen Tagen von einem Verwandten aufgespürt und befreit werden konnte, bevor sie in die Hände eines Zuhälters geriet. Sie arbeitet inzwischen bei einer NGO, geht für die Organisation von Hütte zu Hütte und fragt, ob jemand Hilfe braucht. Sie mache ihren Job sehr gut, heißt es. Selbst wenn sie ungeduldig wird, merkt man es ihr nicht an.

Manchmal träumt sie aber von einer Zukunft, die über das Leben im Camp hinausreicht:


Das Team:

Autorinnen: Vanessa Steinmetz, Leonie Voss

Kamera: Katja Döhne

Recherche: Muktadir Rashid

Schnitt: Leonie Voss

Dokumentation: Rainer Szimm

Grafik: Anna-Lena Kornfeld

Motion Design: Lorenz Kiefer

Programmierung: Chris Kurt

Redaktion: Eva Thöne, Jens Radü

Dieses Projekt gehört zur Langzeitserie "The New Arrivals", bei der SPIEGEL ONLINE Perspektiven auf europäische Flüchtlingspolitik recherchiert. Das Projekt wird durch das European Journalist Center (EJC) mit Mitteln der Bill und Melinda Gates Foundation unterstützt. Hier erfahren Sie mehr.