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Zug-Flüchtlinge in Ungarn: "Der Staat riskiert hier eine Tragödie"

Aus Budapest berichtet

Reuters/SPIEGEL ONLINE

Es ist ein grausames Katz-und-Maus-Spiel, das die Behörden in Ungarn mit den Flüchtlingen treiben: Tagelang bleibt der Bahnhof gesperrt, dann fahren Züge - doch verzweifelte Menschen werden wieder aus den Waggons geholt.

Plötzlich war die Hoffnung zurück, um 8 Uhr morgens in der imposanten Halle des Budapester Keleti-Bahnhofs. Die Polizei hatte überraschend den Eingang freigegeben, Hunderte Menschen stürmten das Gebäude. Nur weg hier, weg aus Ungarn. Nach Wien in sechs Stunden oder nach München in knapp acht.

Und tatsächlich fuhr ein Zug. Wer Glück hatte und Ellenbogen und es im Gedrängel nach vorne schaffte, durfte mit. "Es herrschte große Verwirrung. Die meisten dachten, der fährt nach Europa", sagt Fatime aus Damaskus, eine Endzwanzigerin in türkisfarbenem Kopftuch und türkisfarbenen Schuhen. Sie sagt "Europa", wenn sie Österreich oder Deutschland meint. Tatsächlich sollte der Zug nach Sopron fahren, ein ungarisches Örtchen direkt an der Grenze zu Österreich. Von dort sind Orte wie Eisenstadt, Mattersburg oder Deutschkreutz nur einen Halbtagesmarsch entfernt. Die liegen in Österreich.

Doch nach Sopron gelangte keiner der erfolgreichen Drängler, der plötzlich Hoffnungsvollen. Nach weniger als 40 Kilometern war die Fahrt zu Ende. In Bicske fischte die Polizei alle Flüchtlinge aus dem Zug, um sie in ein Lager zu bringen. Um 12.42 Uhr fuhr in Budapest der nächste Zug in Richtung Sopron ab, voll mit Menschen und ihren Träumen von einem besseren Leben. Auch mit ihm wird wohl kein Syrier, Afghane oder Iraker bis in Grenznähe kommen.

"Gibt es heute irgendwelche Hoffnung?"

Wie Häme wirkt da der Hinweis in Versalien auf der Anzeigetafel über Gleis acht, wo Helfer in Neonjacken nun den Müll wegkehren: "ALL INTERNATIONAL TRAINS TO WESTERN EUROPE HAS BEEN CANCELLED. INTERNATIONAL TICKETS ARE ACCEPTED ON INLAND TRAINS". Fernzüge fahren derzeit nicht mehr, aber man kann es noch mit Regionalbahnen an die Grenze zu Österreich versuchen.

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Ostbahnhof in Budapest: Verwirrung, Hoffnung, Chaos
"Gibt es heute irgendwelche Hoffnung?", fragt die Syrerin Fahime die Spanierin Meli, eine Freiwillige der Hilfsorganisation Migration Aid. "Ich weiß es nicht. Aber kauf' lieber kein Ticket", rät die 39-Jährige, die als Sprachlehrerin in Budapest arbeitet. "Wir haben schon Fahrkarten. Nach München. Sogar fünf Stück, für 800 Euro, 15 Tage gültig", sagt Fahime. "Soll ich versuchen, die umzutauschen?" "Ist vielleicht besser. Bei den Inlandszügen kannst du auch ein Ticket beim Schaffner kaufen", ist die Antwort.

Gereizte Stimmung in der "Transit Zone"

Ob ein internationaler Fahrschein gültig ist, wenn er für einen Regionalzug genutzt wird, darüber herrscht, wie über so vieles, Unklarheit. "Ich glaube, ihr müsst einfach geduldig sein und auf die nächste Chance warten, von hier wegzukommen", sagt Meli. Dann gibt sie noch einen Tipp: "Versucht nicht, mit einem der illegalen Taxis über die Grenze zu fahren, zu Fuß geht es besser."

Fahime ist mit ihrer Familie seit vier Wochen unterwegs. Am Dienstag erreichte sie Budapest und kaufte sofort Tickets. Vielleicht einen Tag zu spät: Am Montag gingen tatsächlich ein paar Fernzüge ins westliche Ausland.

Nun aber haben sich am Budapester Ostbahnhof wieder so viele Menschen in der "Transit Zone" in einer Unterführung angesammelt, dass Migration Aid am Mittwochabend von einem Notstand sprach. "Der Staat riskiert hier eine Tragödie", hieß es in der Mitteilung.

Auch die Sicherheit der Freiwilligen sei wegen der gereizten Stimmung schon in Gefahr gewesen. Dabei sind sie es, die den Menschen in der überfüllten "Transit Zone" helfen, so gut es eben geht. Nicht nur mit Decken, Äpfeln, Sandwiches und Wasserflaschen: Für die Kinder haben sie gestern einen Projektor organisiert, um "Tom & Jerry"-Cartoons zu zeigen, und einen Zeichenwettbewerb ausgeschrieben.

Videointerview zur Lage in Budapest "Niemand will hier in Ungarn bleiben"

Reuters/SPIEGEL ONLINE

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