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Flüchtlinge am Budapester Bahnhof: Zurück in die Transitzone

Aus Budapest berichtet

SPIEGEL ONLINE

24 Stunden gab es Hoffnung - dann riegelte Ungarns Polizei den Budapester Ostbahnhof wieder ab. Kein Flüchtling kommt jetzt zu den Zügen nach Österreich und Deutschland. Hunderte Migranten warten auf ihre nächste Chance.

"We want go - Germany", skandieren die Menschen, dann "Merkel, Merkel!", manchmal rufen sie auch "Syria, Syria!". Sie brüllen es vor dem Eingangsportal des Keleti-Bahnhofs im Osten von Budapest. Seit Dienstagmorgen ist Ungarns wichtigster internationaler Bahnhof wieder für Flüchtlinge gesperrt, nachdem für ziemlich genau 24 Stundendie Weiterreise möglich war. Ein Frühzug in Richtung Österreich und Deutschland soll noch gefahren sein, ab 9 Uhr wurde die riesige Halle geräumt. Seitdem werden beide Eingänge von Dutzenden Polizisten versperrt, sie blicken ernst geradeaus, tragen rote Kappen auf dem Kopf und Schlagstöcke am Gürtel.

Niemand weiß, wie lange sie hier warten müssen. Vom Vorplatz kann man durch das offene Tor bis zur Anzeigetafel blicken. Genau sind die Ziele nicht zu entziffern, doch für die ersten sechs Züge sind zweistellige Verspätungszeiten angegeben.

Auf dem Bahnhofsvorplatz herrschen Ärger und Verunsicherung. "Warum geben sie uns Tickets, wenn wir dann nicht fahren dürfen?", fragt Ali aus Daraa im Süden Syriens, ein 24-jähriger Student. "125 Euro habe ich bezahlt für die Fahrt nach München. Die müssen uns doch den Grund sagen!" Hat Österreich die Grenze zugemacht? Wollte Ungarn nur ein kurzes Zeitfenster lassen, um die provisorischen Lager zu entlasten, in denen die Flüchtlinge in Budapest unter freiem Himmel campen?

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Flüchtlinge: Budapester Bahnhof abgeriegelt
Immer wieder ertönen Sprechchöre auf Englisch und Arabisch. Auf Pappschildern steht "Help Syrian", "Babies are tired" und "We want gooo". Mit der Zeit dienen die Schilder auch als Schattenspender: Die Leuchtreklame einer Apotheke zeigt 41 Grad an, die Sonne brennt erbarmungslos. Eine Rangelei bricht aus, als ein Helfer von Migration Aid Eisteeflaschen verteilt, doch schnell gehen die Beteiligten wieder auseinander.

Als Reporter mit Notizblock bleibt man nicht lange unbeteiligter Beobachter, immer wieder fragen Menschen, ob man wisse, was los sei, wann der Bahnhof wieder freigegeben werde. Ob in Deutschland tatsächlich jeder Syrer eine Chance bekomme. Oder ob das Gerücht stimme, dass Flüchtlinge mit Fahrkarte und offizieller Einreisebescheinigung - vielen wurde an der serbischen Grenze nicht einmal ein Fingerabdruck abgenommen - hinein dürfen.

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Flüchtlinge in Ungarn: Ausnahmezustand in Budapest
Doch bislang gibt es von offizieller Seite nur die Aussage, dass hier EU-Recht umgesetzt werde: Danach können sich Bürger aus Drittstaaten nur mit gültigem Pass und Schengenvisum frei in der EU bewegen.

Die Blicke der Flüchtlinge gehen immer wieder in Richtung Bahnhofsuhr. Manche geben die Hoffnung nicht auf, um 11.10 Uhr soll ein Zug nach München gehen. Es wird 10.45 Uhr, 11 Uhr, 11.15 Uhr. Nichts passiert, die Sperre bleibt, bald setzen sich die Demonstranten auf Decken und warten nur noch ab, dösen, tippen auf ihren Mobiltelefonen.

Urlauber statt Flüchtlinge

Gegen Mittag dürfen Reisende mit ungarischen und EU-Pässen wieder rein, in der kühlen Bahnhofshalle herrscht seltsame Ruhe. Es ist ein ganz anderes Bild als am Vortag, statt Flüchtlingsmassen sind Urlauber in Flipflops, mit teuren Sonnenbrillen und sauberen Markenrucksäcken zu sehen.

Es gibt am Keleti-Bahnhof nun wieder ein Drinnen und ein Draußen, eine abgeschottete Zweiklassengesellschaft. Oben die Europäer, unten in der Unterführung die Menschen in der "Transitzone", die ein schweres Metallgitter von der Treppe zu den Fernverkehrsgleisen trennt.

Schon scheint im Tunnel wieder Routine eingekehrt zu sein: Jugendliche spielen Fußball mit Plastikbällen, Kinder malen Motive mit Buntstiften aus - ein blaues Einhorn, Schweine an einem Ufer, auf manchen Blättern sind auch einfach nur rote Herzen zu sehen.

Hunderte Syrer, Afghanen, Iraker und Eritreer warten in diesem Notfallcamp darauf, dass es irgendwann, hoffentlich weitergeht. Sie alle sind seit Wochen unterwegs, die knapp acht Stunden Zugfahrt nach München sind ein Klacks dagegen. Rund 2000 Menschen haben den Weg nach Bayern seit Anfang der Woche zurückgelegt.

Als an diesem Dienstag auf Gleis 12 um 15.10 Uhr auf die Minute pünktlich der Railjet 68 in Richtung München abfährt, ist kein Flüchtling an Bord. Um 18.12 soll der Zug in Wien sein, um 22.30 Uhr in München ankommen. Für die Flüchtlinge am Budapester Bahnhof aber sind München und Merkel und "Germany" an diesem Tag wieder ganz weit weg.

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Fläche: 93.024 km²

Bevölkerung: 9,849 Mio.

Hauptstadt: Budapest

Staatsoberhaupt:
János Áder

Regierungschef: Viktor Orbán

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