Gewalt gegen Muslime: Exodus in Burma

Von , Islamabad

Viele Dörfer in Burma sind zerstört, Tausende Menschen auf der Flucht: Wieder kämpfen Buddhisten gegen Muslime. Ein ganzes Volk sucht eine neue Heimat - und findet keine. Nach einem halben Jahrhundert Militärdiktatur muss das Land den Umgang mit seinen Minderheiten lernen.

Buddhisten gegen Muslime: Ein Volk auf der Flucht Fotos
REUTERS

Sie flüchten zu Fuß, mit einem Stoffbündel auf dem Rücken, die Kinder im Arm. Sie fliehen auf Holzkarren, gezogen von den Stärksten der Familie. Und in übervollen Booten, hinaus in den Golf von Bengalen, eine gefährliche Fahrt, die eine bessere Zukunft verspricht als ein Bleiben in Rakhine, jener Provinz im Südwesten von Burma, die die Rohingya, eine muslimische Minderheit, für ihre Heimat zu halten wagten.

Es sind dramatische Beschreibungen, die aus diesem Teil von Burma, das sich Myanmar nennt, kommen, jenem Land, das seit 1962 eine Militärdiktatur war und seit einigen Monaten einen Demokratisierungsprozess erlebt. Allein seit vergangener Woche sind mehr als 30.000 Menschen - überwiegend Rohingya - auf der Flucht, sagt Ashok Nigam, der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe in Burma.

Das sind vorsichtige Schätzungen, die wahre Zahl liegt Menschenrechtlern zufolge vermutlich bei über 100.000 Flüchtlingen. Mehr als hundert sollen seit Mitte vergangener Woche bei Kämpfen ums Leben gekommen sein. Es heißt, viele seien von aufgebrachten Buddhisten erschossen, andere seien erstochen oder totgeschlagen worden. Auch von Todesfällen durch Entkräftung wird berichtet. Ein Anlass für den neuerlichen Gewaltausbruch ist nicht bekannt, bemerkenswert ist jedoch, dass die Kämpfe an drei Orten gleichzeitig begannen.

Eine unabhängige Überprüfung vor Ort ist nicht möglich, die Region ist für ausländische Journalisten kaum zugänglich. Per Telefon berichten Flüchtlinge aber von den Vorfällen und machen der Regierung von Präsident Thein Sein schwere Vorwürfe. Zudem belegen Satellitenbilder, die die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch verbreitet, dass mehrere Dörfer in Rakhine, vor allem entlang der Küste, niedergebrannt sind. Auf den Bildern ist eine weitgehende Zerstörung zu erkennen, viele Häuser sind nur noch verkohlte Ruinen.

Bangladesch sieht sich mit den Flüchtlingen überfordert

In Sittwe, der Provinzhauptstadt von Rakhine, sind mehrere tausend Flüchtlinge angekommen. Andere versuchen, nach Bangladesch zu gelangen. Doch das Nachbarland hat inzwischen die Grenze zu Burma geschlossen. "Uns fehlen die Kapazitäten, weitere Flüchtlinge aufzunehmen", sagt ein Sprecher des Bezirks Cox's Bazar in Bangladesch, direkt an der Grenze. Lokalzeitungen in Bangladesch berichten, Boote mit Flüchtlingen aus Burma würden zurückgeschickt.

Eine Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht. Die Zeitung "Daily Star" in Bangladesch analysiert, Kern des Problems sei die Tatsache, dass Burma "den Rohingya-Muslimen, deren Vorfahren sich vor einigen Jahrhunderten in der Provinz Rakhine niederließen, die Staatsangehörigkeit verweigert". Soll heißen: Bangladesch will sich nicht als neue Heimat anbieten.

Das arme Bangladesch sieht sich überfordert mit den rund 30.000 offiziellen und schätzungsweise einer Viertelmillion illegalen Flüchtlingen. Als im vergangenen Monat in Bangladesch buddhistische Tempel und Häuser angezündet wurden, machte die Regierung vorschnell die Rohingya dafür verantwortlich.

"Wir leben in ständiger Angst, weil wir nicht wissen, wem wir in die Arme laufen", berichtet ein junger Mann in Sittwe. Er hat es in ein Flüchtlingslager geschafft. "Wir hören von Massakern, die Buddhisten an uns verüben. Polizisten und Soldaten vertrauen wir auch nicht, sie hassen uns genauso." Er sei mit seiner Familie am Wochenende geflohen, als ein Mob sein Haus in seinem Heimatdorf angezündet habe. Geblieben sei ihnen nur, was sie am Leib trügen.

Das am meisten verfolgte Volk der Welt

Von den weltweit rund drei Millionen Rohingya lebt etwa die Hälfte in Burma, die andere Hälfte in Bangladesch, Pakistan, Saudi-Arabien, Thailand, Malaysia und Indonesien, aber auch in Europa und Australien. Sie sind Angehörige einer religiösen und ethnischen Minderheit in Burma. Vor Jahrhunderten ließen sich dort arabische Kaufleute und Einwanderer aus Bengalen nieder. Es entstand eine ganz eigene Kultur, eine eigene Sprache und damit eine eigene Identität.

Mit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft im Jahr 1948 erhielten die Rohingya einen Status als Minderheit, der ihnen aber 1982 im Zuge eines neuen Staatsbürgerschaftsrechts wieder aberkannt wurde. Seither sind sie offiziell staatenlos, laut Uno gelten sie als das "am meisten verfolgte Volk der Welt". In Burma dürfen sie Schulen nur mit Sondergenehmigung besuchen, in keiner Volksgruppe des Landes ist Analphabetismus so weit verbreitet. Viele in Burma sehen sie nicht als eigenständige ethnische Gruppe an, sondern schlicht als Einwanderer aus Bengalen, die nicht zu Burma gehörten.

Dabei sind die Rohingya nicht die einzige Minderheit in Burma. 135 ethnische Gruppen sind offiziell anerkannt. Während der knapp ein halbes Jahrhundert andauernden Militärjunta unterdrückten die Generäle mit ihrer Politik der "Burmanisierung" jede religiöse und ethnische Andersartigkeit. Die Demokratisierung, weltweit bejubelt, bringt die burmesische Mehrheit und die Minderheiten in einen Identitätskonflikt.

Die politische Führung setzt auf das Wirtschaftswachstum, das die ethnischen Probleme quasi nebenbei lösen werde. Und da Unterstützung für Minderheiten keine Pluspunkte bringt, stellt sich niemand öffentlich hinter sie. Selbst Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, Ikone der Demokratiebewegung, hält sich zurück. "Die Unruhen sind ein Ergebnis der Rechtlosigkeit. Wenn wir einen Rechtsstaat hätten, würde das nicht passieren", ist alles, was sie sagt.

Der Konflikt könnte ganz Südostasien destabilisieren

Mehr als allen anderen Minderheiten schlage den Rohingya "blanker Rassismus" entgegen, sagt Ulrich Delius, Asienreferent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker. "Es ist fast ein Apartheid-System: Die Rohingya leben völlig getrennt von der Mehrheit, sie werden überall diskriminiert." Die Gründe für den Hass seien vielfältig und vor allem im Bereich der Psychologie und der Soziologie zu finden.

Außerdem seien lange zurückliegende Konflikte nicht aufgearbeitet worden. Nach Jahren des Opferdaseins in einer Diktatur suchten sich die Menschen die Schwächsten als neues Opfer. "Da die Rohingya durch dunklere Haut und ihre Gesichtszüge äußerlich auffallen und eine andere Religion haben, sind sie die Opfer", sagt Delius.

Zuletzt war im Juni Gewalt gegen sie ausgebrochen, als eine Frau angeblich von Muslimen vergewaltigt und ermordet wurde. Auch damals entlud sich der Hass der buddhistischen Mehrheit an den Rohingya, auch damals flohen mehr als 100.000 Menschen. Die Regierung rief den Notstand aus.

Der Konflikt, sind sich Beobachter inzwischen einig, gefährdet den Demokratisierungsprozess in Burma. Die Rohingya würden "enorm leiden", sagt Asean-Generalsekretär Surin Pitsuwan. Sollte Burma das Problem nicht rasch lösen, bestünde die Gefahr, dass die Rohingya sich radikalisierten und der Konflikt dann die gesamte südostasiatische Region destabilisierte.

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Fotostrecke: Zerstörung in Burma

Fläche: 676.552 km²

Bevölkerung: 47,963 Mio.

Hauptstadt: Naypyidaw

Staatsoberhaupt: Thein Sein

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