Flüchtlinge von Calais Wenn es Nacht wird im Dschungel

Tausende Flüchtlinge hausen in Calais in einem Slum-Lager, das "Dschungel" genannt wird. Nachts versuchen sie, nach England zu gelangen. So wie Malih, Lehrer aus Syrien. Was treibt ihn zu den lebensgefährlichen Aktionen?

Aus Calais berichtet

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Es sind die frühen Abendstunden, in denen Riad al-Malih* zu warten beginnt. So wie jetzt, wenn die Zelte, Wohnwagen und Hütten aus Spanplatten und Plastikplanen blau im Dämmerlicht schimmern. Der Syrer sitzt mit überkreuzten Beinen in seiner selbst gezimmerten Hütte im Flüchtlingslager im nordfranzösischen Calais und wartet. Auf die Dunkelheit. "Nachts fängt unsere Arbeit an", sagt er.

"Arbeit", so nennt Malih es, wenn er Äste auf die Autobahn wirft und Lastwagenfahrer mit der Taschenlampe blendet, damit sie abbremsen und Malih und die anderen Flüchtlinge versuchen können, sich in den Laderaum zu schmuggeln. Sie wollen weg aus Frankreich, sie wollen nach Großbritannien. Um jeden Preis.

Malih ist 32 Jahre alt. In seiner Heimatstadt Daraa im Süden Syriens hat er Schulkindern Englisch beigebracht. Er hat ein Muttermal auf der Nase und eine breite Unterlippe. Wenn er lächelt, wirkt sein junges Gesicht noch jünger. Er lächelt oft.

Syrer Malih: Nachts geht es zur Autobahn
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Syrer Malih: Nachts geht es zur Autobahn

Es ist schwer zu glauben, dass dieser freundliche Englischlehrer seit fünf Monaten fast jede Nacht stundenlang zu Fuß bis zur Autobahn und den Lastwagen läuft, die hoffentlich nach England fahren. Dass er sich dort mit der französischen Polizei anlegt. Dass er Autofahrer gefährdet, sein eigenes Leben riskiert, dass er Schlagstöcke, Gummigeschosse, Tränengas und die Spürhunde der Beamten in Kauf nimmt.

Stinkende Klos, wenige Duschen

Malih weiß, dass Flüchtlinge sterben bei dem Versuch, die englische Küste zu erreichen. Sie kommen im Eurotunnel ums Leben - oder sie sterben wie die Syrerin, die neulich nachts an der Autobahn von einem Wagen erfasst wurde. Kopfwunde, Malih konnte ihr nicht helfen, nur zusehen.

Der Englischlehrer macht sich trotzdem fast jede Nacht wieder auf. Und mit ihm Hunderte andere Flüchtlinge, die unbedingt nach England wollen. Warum?

"Ich tue es für meine Familie", sagt Malih. Seine Mutter, Schwester und Frau sind in Daraa geblieben. Wenn er anruft, weinen sie in den Hörer, weil sie ihn vermissen. Vor einigen Tagen hat es einen Nachbarn erwischt, Luftangriff. Wo sein Gesicht war, klaffte ein hellrotes Loch. Malih hat ein wackeliges Video davon auf seinem Handy. Er weiß nie, ob seine Lieben noch leben, wenn er das nächste Mal ihre Nummer wählt. "Es ist mein Traum, dass sie mit mir in England leben können", sagt Malih. In seinen Augen: Verzweiflung, Entschlossenheit, Trotz.

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Doch die Familie ist nur ein Grund. Frankreich ist ein anderer. "Ich würde lieber nach Syrien zurückgehen, als in diesem Land zu bleiben", sagt Malih. Er ist einer von geschätzt fast 6000 Flüchtlingen, die in Calais gestrandet sind - auf einer ehemaligen Mülldeponie zwischen dornigen Büschen, wo der Boden zu Morast wird, wenn es regnet. Helfer verteilen Essen, Kleidung und Decken. Doch die Dixi-Klos stinken meterweit, und für eine Dusche muss man sich stundenlang anstellen.

Unerwünscht auf beiden Seiten des Ärmelkanals

Das Camp trägt den Spitznamen "der Dschungel", nachts stehen Bereitschaftspolizisten davor. Flüchtlinge und Freiwillige berichten, dass feindselige Anwohner und Beamte sie regelmäßig schikanieren. Die Engländerin Rachel, 30, hilft und übernachtet seit vier Monaten im Camp. "Sie schießen nachts Tränengaskartuschen dorthin, wo auch Familien schlafen", erzählt sie.

Hier hören Sie, wie anstrengend die Nächte im Lager sind, und warum einige Freiwillige trotzdem dort übernachten (auf Englisch):

Die französische Regierung will die Flüchtlinge am liebsten schnell loswerden - doch jenseits des Ärmelkanals will man sie auch nicht haben. Die britische Regierung bezahlt Millionen für noch mehr Zäune, Kameras, Abschreckung, Abschottung. Das "senkt den Anreiz für potenzielle illegale Migranten, nach Calais zu reisen oder dort zu bleiben", heißt es in einer britisch-französischen Erklärung vom August. Calais gleicht inzwischen an vielen Stellen einer modernen Festung.

Doch aufgeben fällt schwer, wenn man so nah dran ist. Malih ist 5000 Kilometer bis nach Calais geflüchtet. Nun ist England nur noch 50 Kilometer entfernt - das Land, dessen Sprache er spricht und in dem mehrere seiner Neffen wohnen.

Die meisten Flüchtlinge haben Verwandte auf der anderen Seite des Ärmelkanals - und sie haben eine Menge Träume, die sie anspornen. "Dort sind Unterkünfte für Flüchtlinge wie Hotels", sagt Mohammed, 20. Im Camp verbreitet sich solches Hörensagen schnell. "Man bekommt gleich einen Job, ein Visum, eine eigene Wohnung, und wir können studieren!" Der junge Syrer klingt begeistert.

Vielleicht wird er eines Tages herausfinden, dass die Realität eine andere ist. So wie Ahmed, 22, aus Jalalabad in Afghanistan, der fließend Englisch spricht, weil er sechs Jahre in Norwich gelebt hat. Die Behörden lehnten seinen Asylantrag schließlich ab. Er blieb noch zwei Jahre illegal im Land, bis es ihm zu viel wurde. "Ich hatte immer Angst", sagt er.

Ahmed ging nach Italien, wo er Asyl bekam. Er könnte dort neu beginnen. Doch auch Ahmed ist wieder nach Calais gekommen. Er will sich sein Leben in England zurückholen. "Diesmal werde ich bis zuletzt vor Gericht für Asyl kämpfen", sagt Ahmed. Er will sich nicht gefallen lassen, dass die Einwanderungsbehörde über seine Zukunft bestimmt.

Dabei weiß er im Lager mit am besten, wie wenig Großbritannien Flüchtlinge willkommen heißt. Die britische Ausländerbehörde hat in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres rund 7500 Asylbewerber als Flüchtlinge anerkannt. In Deutschland waren es im selben Zeitraum mehr als 65.000.

Schlepper wollen mehrere Tausend Euro

Die britischen Inseln wollen und können sich vor Migration abschotten. Und es ist in den vergangenen Monaten noch schwerer geworden, trotzdem hinüberzukommen. Letztes Mal, im Jahr 2008, blieb Ahmed sieben Tag im Camp und zahlte einem Schlepper 500 Euro. Heute wollen sie mehrere Tausend. Ahmed hat das Geld nicht, er versucht es seit zwei Monaten jede Nacht auf eigene Faust.

Außerdem ist es schwerer geworden, in England illegal einen Job zu finden. Die Regierung hat die Strafen für Unternehmen drastisch erhöht, die Menschen schwarz beschäftigen. Regulär dürfen Asylsuchende frühestens nach zwölf Monaten arbeiten.

Doch Lehrer Malih klammert sich an seine Träume, so wie die anderen Flüchtlinge im Camp: "Ich werde in England Arbeit finden, noch bevor ich Asyl bekomme", sagt er. Doch vielleicht hält er nicht mehr bis dahin durch. Die Fußmärsche jede Nacht, die Polizei, das Lagerleben.

An diesem Morgen hat sich ein Freund auf den Weg nach Deutschland gemacht. Vielleicht tut es Malih ihm bald nach. Deutschland nimmt Syrer auf, hat er gehört. "Aber dort sitzt man herum und wartet monatelang", sagt er. In Calais wartet er immer nur ein paar Stunden. Auf die nächste Nacht.

*Namen geändert

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