Die Flüchtlinge von Como Elendscamp im Luxusnest

Das italienische Como ist ein Urlaubsort für Reiche, George Clooney hat in der Region eine Villa. Seit Wochen landen Flüchtlinge in dem Ort und zelten im Park. Hier verläuft für sie der einzige Weg Richtung Nordeuropa.

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Aus Como berichten , Janita Hämäläinen und Robert Ackermann (Video)


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Den Satz "Ich liebe dich" schreibt sich Amanuel als Erstes in seinen Notizblock. Darunter kritzelt er die Frage: "Wo ist der Bahnhof?" Und: "Was kostet das Brot?"

Amanuel, 24, stammt aus Äthiopien, geflohen aus seinem Geburtsland vor etwa einem Jahr, durch den Sudan, nach Libyen, von dort mit einem viel zu kleinen Boot mit viel zu vielen Menschen über das Mittelmeer Richtung Italien. Aufgegriffen von einem Marineschiff, "ich weiß nicht mehr, von welcher Nation", nach Sizilien gebracht, von dort den ganzen italienischen Stiefel hoch bis nach Como.

Hier lernt er nun Deutsch, eine Studentin gibt Unterricht im Park an der Viale Innocenzo XI, einer Allee, benannt nach einem Papst aus dem 17. Jahrhundert. Zusammen mit etwa 30 weiteren Flüchtlingen hockt er auf dem Rasen und hört der Frau zu, die ihnen Alltagsfloskeln beibringt und sie auf ein großes Brett schreibt, an das ein Blatt Papier geklemmt ist. Ein paar Meter weiter unterrichtet ein junger Mann Englisch, noch ein paar Meter weiter erteilt jemand Italienischstunden. Da sitzen die wenigsten Zuhörer. In Italien will niemand bleiben.

Dutzende Zelte stehen in dem Park unter Bäumen, Zelte, die die Einwohner von Como gespendet haben. Dazwischen spielen junge Männer Fußball und Volleyball. In einer anderen Ecke trommeln zwei Männer, dazu singen Frauen Volkslieder aus ihrer Heimat. An Leinen zwischen Bäumen hängt Wäsche zum Trocknen, an einem Brunnen waschen Männer und Frauen Kleidung in Plastikwannen. An einer Ecke riecht es beißend nach Urin, es gibt zu wenige Toiletten für so viele Menschen. "Dieser Park ist jetzt ein afrikanisches Dorf", sagt Ibrahim aus Senegal. Hunderte Menschen campieren hier.

Im hinteren Teil des Parks führt eine Treppe hinaus zum Bahnhof, wo weitere Menschen auf dem Fußboden ihr Lager aufgeschlagen haben - vor dem Gebäude und auf dem Bahnsteig am Gleis eins. Die Touristen, die hier ankommen, gucken mitleidig, die wenigsten unterhalten sich mit den Flüchtlingen.

Etwa 1000 Menschen campieren rund um den Bahnhof

In den vergangenen Wochen sind Tausende Menschen nach Como gekommen, 45 Kilometer nördlich von Mailand, etwa 85.000 Einwohner, ein vornehmer Urlaubsort am Comer See, an der Grenze zum Kanton Tessin in der Schweiz. Der Ort ist auch bekannt, weil Schauspieler George Clooney und seine Frau Amal hier eine Villa besitzen. Derzeit campieren in der Gegend rund um den Bahnhof geschätzt etwa 500 Menschen, vergangene Woche waren es nach Angaben von Lokalpolitikern mehr als 1000. Nur wenige sind Syrer und Iraker, auch kaum Afghanen. Nach Como kommen im Moment Menschen aus Afrika, aus Eritrea, Äthiopien und Gambia vor allem. Aber auch aus Somalia, Nigeria, Senegal, Marokko, Libyen.

Comer See
imago

Comer See

Auf den ersten Blick ist die Stimmung locker. Redet man jedoch mit den Flüchtlingen, wird die Anspannung deutlich. Wie geht es weiter? Wohin führt uns der Weg? Wird man uns gut behandeln? Fotografieren oder filmen lassen will sich kaum jemand.

"Ich schäme mich, so auf dem Fußboden zu leben", sagt ein junger Marokkaner. "Wenn meine Mutter das Bild sehen würde, bräche es ihr das Herz." Andere befürchten Nachteile bei ihren Asylverfahren oder Gefahr in ihrem Herkunftsland im Falle einer Abschiebung, wenn es Fotos von ihnen als Flüchtlinge gibt. Fest steht, dass Como sich einreihen wird in die Reihe der Orte, an denen plötzlich Tausende von Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammentreffen und ausharren müssen. Budapest, Idomeni, Ventimiglia, nun auch Como.

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Flüchtlinge in Como: Nachtlager an Gleis eins

Die anderen Wege Richtung Norden sind inzwischen versperrt: Aus der Türkei kommen seit dem Flüchtlingsabkommen mit der Europäischen Union immer weniger Menschen über die Ägäis, die Balkanroute ist ohnehin dicht. Derzeit versuchen wieder mehr Menschen ihr Glück über das Mittelmeer - was auch an der dramatisch gestiegenen Zahl an Toten dort deutlich wird. Mehr als 3000 Menschen sind seit Jahresbeginn bei dem Versuch ertrunken, es von Libyen und Ägypten nach Europa zu überqueren. Das Mittelmeer ist damit die tödlichste Fluchtroute der Welt.

Einmal in Italien angekommen, bleibt nur noch der Weg über Como in die Schweiz und dann weiter nach Deutschland oder Skandinavien, dorthin also, wo die meisten Flüchtlinge hinwollen. Bis vor Kurzem versuchten noch viele, über den Grenzort Ventimiglia nach Frankreich oder über den Brenner nach Österreich zu kommen. Doch Frankreich hat seine Grenze zu Ligurien nach den Terroranschlägen der vergangenen Monate für Flüchtlinge geschlossen. Und seit Österreich im Frühjahr damit gedroht hat, den Grenzpass durch die Ostalpen zu schließen, ist auch dort wegen stärkerer Kontrollen kein Durchkommen mehr.

"Die Hilfsbereitschaft ist groß"

Dann eben Como. Die Einheimischen beobachten die Situation mit Sorge. Der Bürgermeister der Stadt, Mario Lucini, verspricht, spätestens im September werde ein Containerdorf für die Flüchtlinge fertiggestellt sein, damit sie nicht mehr im Freien übernachten müssten. "Die Hilfsbereitschaft ist groß", sagt ein Caritas-Mitarbeiter, der im Park an einem Infostand sitzt und sich mit ein paar Flüchtlingen unterhält. "Noch." Es sei zu befürchten, dass die Stimmung kippt. Längst machen rechtspopulistische Parteien mit flüchtlingsfeindlichen Parolen auf sich aufmerksam. Und jetzt, nach dem Erdbeben knapp 400 Kilometer weiter südlich, hört man Stimmen in Como, die sagen, man solle doch bitte erst dorthin Wohncontainer bringen, anstatt die Flüchtlinge zu versorgen.

In Como wächst die Zahl der Ankömmlinge aber auch, weil die Schweiz immer weniger Menschen einreisen lässt. Nach Schweizer Angaben gebe es täglich etwa 200 illegale Grenzübertritte, etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Flüchtlinge würden zurückgeschickt.

Der Vorwurf: Auch Minderjährige werden zurückgewiesen.

Von den Schweizer Behörden ist zu hören, es sei nach wie vor möglich, Asyl in der Schweiz zu beantragen. Wenn jedoch der Verdacht bestehe, dass jemand nur durchreisen wolle in ein anderes Land, beispielsweise nach Deutschland, werde er abgewiesen und zurück nach Italien geschickt. Man halte nur das Dublin-Abkommen ein, heißt es. Allerdings, kritisiert die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, würden auch Minderjährige abgewiesen.

In einem scheinen sich die Menschen in Como einig: Sie fühlen sich von der Schweiz, mehr noch aber von der EU und der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen. Das Abkommen, Flüchtlinge auf alle EU-Länder zu verteilen, werde nicht umgesetzt, greift Pfarrer Don Giusto eine oft geäußerte Kritik auf. Im Gemeindehaus seiner Kirche San Martino in Rebbio, einem Vorort von Como, hat Giusto über die vergangenen Wochen Hunderte unbegleitete Minderjährige, schwangere Frauen und Mütter mit kleinen Kindern aufgenommen. Derzeit leben 30 Menschen bei ihm. Sie haben Glück und müssen nicht im Park oder vor dem Bahnhof übernachten.

Pfarrer Don Giusto
Hasnain Kazim

Pfarrer Don Giusto

In seinem Büro, das vollgestopft ist mit Büchern, Zeitungsstapeln und Kisten mit Duschgel und Schlafsäcken, organisiert er am Telefon die nötigen Hilfslieferungen und sucht nach weiteren Unterbringungsmöglichkeiten "für die Allerschwächsten".

"Flucht", sagt er, "ist eine globale Herausforderung", die auch mit Ausbeutung der Armen durch die Reichen zu tun habe. "Ich habe 13 Jahre in Kamerun gelebt und es mit eigenen Augen gesehen." Allein werde Como das Problem Flucht nicht lösen können.


Zusammengefasst: Das norditalienische Como wird für immer mehr Flüchtlinge zum unfreiwilligen Zwischenstopp auf ihrem Weg nach Norden. Von dort wollen sie in die nahe Schweiz weiterreisen, doch die Kontrollen sind streng, viele werden abgewiesen. Bisher helfen die Menschen in dem Nobelort den Gestrandeten - doch viele befürchten, dass die Stimmung bald kippen könnte.

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