Zielländer der syrischen Flüchtlinge Nettes Europa, hartes Europa

Ob Deutschland, Schweden oder die Niederlande: Seit Jahren zieht es syrische Flüchtlinge in den Norden Europas. Doch einmal angekommen, sind Vorschriften und Regeln längst nicht überall gleich. Der Überblick.

Flüchtling in Wien: Viele wollen weiter nach Deutschland oder Schweden
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Flüchtling in Wien: Viele wollen weiter nach Deutschland oder Schweden

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Die Hoffnung steht auf Pappe: "Mama Merkel help us" zum Beispiel, oder: "We want Sweden". Immer, wenn zuletzt irgendwo in Europa Grenzen geschlossen oder Züge gestoppt wurden, sah man Flüchtlinge mit Schildern. Sie wollten weiter: nach Deutschland, nach Schweden.

Die beiden Staaten gehören zu den gefragtesten Zielländern - vor allem bei syrischen Migranten. Neu ist das nicht. Nirgendwo sonst in Europa stellten so viele Syrer im vergangenen Jahr Asylanträge. Doch unter den Hilfesuchenden fallen auch Namen anderer Länder: die Niederlande. Oder Dänemark. Auch die österreichischen Behörden zählen jedes Jahr besonders viele syrische Anträge.

Ein Grund: In diesen Ländern leben bereits viele Syrer. "Die Menschen wollen dorthin, wo Familie, Verwandte und Freunde sind", sagt Olaf Kleist, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück. Andererseits erhoffen sich viele Zuwanderer ein einfaches Verfahren und gute Chancen. Doch welche Regeln gelten für sie? SPIEGEL ONLINE macht den Faktencheck.

Deutschland

Deutschland hat bei Flüchtlingen einen guten Ruf. Im August hatte die Regierung erklärt, syrische Flüchtlinge ungeachtet europäischer Regeln aufzunehmen - auch wenn sie zuvor in einem anderen EU-Land waren. Die Chancen auf eine Aufenthaltserlaubnis stehen für Syrer hierzulande ohnehin gut: Die Anerkennungsquote lag im ersten Halbjahr 2015 bei knapp 87 Prozent, nur eine verschwindend geringe Zahl der Anträge wird jedoch tatsächlich als unbegründet abgelehnt. Asylbewerber erhalten in Deutschland zunächst neben Unterkunft, Kleidung und Verpflegung ein monatliches Taschengeld von 143 Euro. Arbeiten dürfen sie erst nach drei Monaten - auch dann sind die Möglichkeiten vorerst begrenzt, da bei den Jobs "bevorrechtigte Arbeitnehmer" wie Deutsche, EU-Ausländer oder anerkannte Flüchtlinge Vorrang haben.

Asylsuchende werden in Lagern und Wohnheimen untergebracht. In einigen Kommunen dürfen sie auch in Privatwohnungen ziehen - zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen. Seinen Wohnsitz kann ein Flüchtling aber nicht ohne Weiteres frei wählen.

Die Behörden sind mit der Situation überfordert. Derzeit stauen sich weit über 250.000 unbearbeitete Asylanträge. Wegen der hohen Flüchtlingszahlen bleiben viele Menschen monatelang in Erstaufnahmelagern, schlafen mitunter in Zelten unter schwierigen hygienischen Bedingungen. Die Dauer der Asylverfahren ist im ersten Halbjahr 2015 auf durchschnittlich 5,3 Monate gestiegen. Und: Einer Willkommens-Welle stehen rechtsextreme Hetze und Gewalt gegenüber.

Wer anerkannt ist, darf vorerst drei Jahre in Deutschland bleiben. Die Flüchtlinge erhalten Deutschunterricht und die normalen Sozialleistungen. Familienangehörige können nachgeholt werden. Wer kein Asyl erhält, hat trotzdem als Geduldeter eine Chance zu bleiben: zum Beispiel, wenn die Situation im Herkunftsland eine Rückkehr nicht zulässt.

Schweden

Schon früh erklärte die Regierung, jedem syrischen Flüchtling eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu gewähren. Trotz eines wachsenden rechten Lagers: Die großen Parteien halten an dem traditionell offenen Kurs des Landes fest. Zwar hat sich die Bearbeitungsdauer bei den Asylverfahren in den vergangenen beiden Jahren von drei Wochen auf mittlerweile etwa fünf Monate verlängert. Von Grenzkontrollen oder Kürzungen der Mittel ist allerdings keine Rede.

Sobald die Menschen einen Asylantrag gestellt haben, dürfen sie in den meisten Fällen arbeiten. Mit einer festen Stelle stehen die Chancen auch gut, dass sie bleiben können - selbst wenn der Staat ihren Asylantrag ablehnt. Anerkannte Flüchtlinge erhalten Sprach- und Berufskurse.

Nach einer kurzen Zeit dürfen sich Asylbewerber auf Wunsch eine eigene Unterkunft suchen - und etwa zu Familienangehörigen ziehen. Für Nahrung, Kleidung, Medizin, Kosmetik und ihre Freizeit erhalten Erwachsene am Tag zwischen 2 und 7,46 Euro. Anerkannte Flüchtlinge leben und arbeiten wie schwedische Bürger. Ein Vorteil des unbegrenzten Bleiberechts: Die Familie darf nachkommen.

Niederlande

Die Niederlande zeigen Härte. Wer abgelehnt wird, muss in der Regel innerhalb von 28 Tagen das Land verlassen. Die Behörden machen Druck: Nach etwa zwei Monaten soll in der Regel eine Entscheidung über die Anträge fallen. Einen Duldungsstatus wie in Deutschland gibt es nicht. Arbeiten dürfen Asylbewerber erst nach sechs Monaten in einem Lager oder einer zugewiesenen Gemeinde. Flüchtlinge erhalten Geld für Essen, Kleidung und persönliche Ausgaben. Die Mittel richten sich nach der Größe der Familien und den Leistungen in der Flüchtlingsunterkunft.

Wer als Flüchtling anerkannt wird, bekommt zunächst eine Aufenthaltsgenehmigung für fünf Jahre. In dieser Zeit nehmen die Menschen an Integrationskursen teil und dürfen arbeiten. Familienmitglieder haben die Möglichkeit nachzukommen - allerdings nur, wenn sie das Land innerhalb von drei Monaten nach Bewilligung des Antrags ihres Verwandten betreten.

Österreich

Österreich war für die Flüchtlinge nur ein Stück Weg auf der Reise nach Deutschland - so wirkte es zuletzt. Doch in den vergangenen Jahren nahm das Land stets mehr syrische Flüchtlinge auf, als die meisten anderen EU-Staaten.

Warum trotzdem immer mehr Migranten inzwischen nach Norden weiterziehen, könnte auch mit der Aufnahmequote zu tun haben. Diese lag 2013 bei nur 46 Prozent. Die Migranten erhalten 40 Euro Taschengeld im Monat. Zusätzlich gibt es Gutscheine für Kleidung und Schulmaterialien. Asylbewerber haben kaum eine Chance zu arbeiten. Eine Genehmigung gibt es nur selten. Familienangehörige können grundsätzlich nachgeholt werden.

Dänemark

Es ist gut möglich, dass Dänemark für manchen immer noch als liberales Vorzeigeland gilt. In den Achtzigerjahren empfingen die Skandinavier Flüchtlinge noch sehr offen. Die Sozialleistungen waren lange verhältnismäßig hoch.

Doch seit Jahren setzt Dänemark, getrieben von einer erstarkten Rechten, auf Abschreckung. Zuletzt wurden die Sozialhilfen für Flüchtlinge, die nicht in einer Asylunterkunft leben, halbiert. Etwa 800 Euro erhalten Alleinstehende ohne Kinder jetzt pro Monat - das klingt immer noch viel, doch das Leben in Dänemark ist teuer und der Betrag wird außerdem hoch versteuert.

Erst nach sechs Monaten in einer Flüchtlingsunterkunft können sich Asylbewerber eine Wohnung suchen - oder zu Familienangehörigen ziehen. Nach einem halben Jahr dürfen sie auch arbeiten. Bis das Verfahren abgeschlossen ist, nehmen die Migranten an verschiedenen Integrationskursen teil.

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