Flüchtlinge in Griechenland Heimweh nach Idomeni

Sie mussten das Camp in Idomeni verlassen, weil die Bulldozer das Grenzlager räumten. Die nächste Station ist für zwei syrische Flüchtlingsfamilien ein trostloser Fleck in Griechenland.

Giorgos Christides

Aus Vagiochori berichtet


Auf den ersten Blick ist es ein idealer Ort, um sich wohlzufühlen: Eine atemberaubende Aussicht auf den wunderschönen Volvi, Griechenlands zweitgrößten See. In der Nähe gibt es auch einen dichten Wald, die Gegend ist ruhig, weil fast menschenleer. Für Urlauber wäre Vagiochori, 50 Kilometer westlich von Thessaloniki gelegen, das perfekte Ziel für einen Tagesausflug.

Doch leider ist Vagiochori im Norden Griechenlands der Ort, an den rund 500 kurdische Flüchtlinge nach der Räumung des Zeltcamps Idomeni gebracht wurden. Doch als sie am trostlosen Ziel ankamen, weigerten sich die meisten, aus den Bussen auszusteigen: Die Polizei habe sie in ein Nirgendwo eskortiert, klagten die Flüchtlinge. Sie forderten, an einen anderen Ort gebracht zu werden.

Zwei Familien stiegen trotzdem aus. Hussein, Aisha, Radin, Nazira und ihre fünf Kinder im Alter zwischen eineinhalb und sieben Jahren waren einfach zu müde, um noch weiterzufahren. "Wir waren körperlich und psychisch am Ende, vor allem die Kinder. Deshalb haben wir entschieden, zu bleiben", sagt Aisha.

Die Familien stammen aus dem syrischen Aleppo, ihre Häuser dort wurden bombardiert. Seitdem sind sie auf der Flucht. Und jetzt sind diese neun Menschen an einem Ort angekommen, der wie ein Gefängnis wirkt. Die Planungen sehen angeblich vor, dass rund 1500 Flüchtlinge in Zelte in Vagiochori gebracht werden. Aber noch sind es nur diese beiden kurdischen Familien, die sich an die trostlose Gegend gewöhnen müssen.

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Flüchtlinge in Griechenland: Allein in Vagiochori

Im Gegensatz zu Urlaubern haben die Flüchtlinge kein Geld. Aber selbst wenn sie welches hätten - es würde ihnen kaum etwas nutzen: In Vagiochori gibt es kein einziges Geschäft. Sechs Kilometer weiter in Askos sieht es besser aus. In dem malerischen Ort gibt es eine Taverne, eine Bäckerei, drei Supermärkte, eine Apotheke, eine Schule. 1500 Menschen leben hier.

Kein Auto, kein Taxi, Bus-Endstation

Aber: Wenn man kein Auto hat, wird es schwierig, von Vagiochori nach Askos zu kommen. Der Bus aus Thessaloniki hat hier seine Endstation, genauso ist es in Askos. Zwei Buslinien aus der Großstadt, die aber leider nicht miteinander verknüpft sind. Ein Taxi (wenn es denn welche gäbe) würde helfen, aber welcher Flüchtling könnte sich das schon leisten?

Ein Fußmarsch ist ebenfalls illusorisch. Von Vagiochori nach Askos geht es bergauf, die Straße hat viele gefährliche Kurven. "Es ist unmöglich, die Kinder mitzunehmen", sagt Radin, der in Syrien als Chemiker gearbeitet hat.

So versuchten sie sich also in den aneinandergereihten Zelten einzurichten, die auf dem Areal einer ehemaligen Grundschule aufgebaut wurden. Es gibt trotz des nahe gelegenen Waldes nicht einen einzigen Baum, der in der Hitze Schatten spendet, die hygienischen Bedingungen sind miserabel. Offiziell haben sämtliche Asylorte alle benötigten Einrichtungen. Aber die Realität sieht anders aus. Und wo die Flüchtlinge hier einen Asylantrag stellen können, wissen sie auch nicht.

Ihr neues Lager wirkt so trostlos, dass die Flüchtlinge jetzt beim Gedanken an das berüchtigte Camp Idomeni wehmütig werden. Dort hatten sie soziale Kontakte, Menschen, mit denen sie sich unterhalten konnten. Mit denen sie zusammen essen konnten. Aisha, die in Syrien als Friseurin arbeitete, hatte in Idomeni einen "Schönheitssalon" aufgebaut. Ihr Mann Hussein, ebenfalls Friseur, rasierte Männer.

"Es gab viel Schlechtes dort", sagt Radin. "Aber ich vermisse es."

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