Flüchtlinge in Israel Urlaub vom Krieg

Hunderttausende Israelis haben ihre Heimat, den Norden, wegen der Hisbollah-Raketen verlassen. So weit wie möglich flüchteten sie gen Süden. Dort harren sie in Lagern, bei Verwandten und in Hotels aus. Unterkünfte werden zwar knapp, doch gerade junge Leute genießen die unerwartete Auszeit.

Aus Ashkelon berichtet


Ashkelon - "Schau genau hin, die schönsten Mädchen von Nordisrael", schwärmt Ilan. Die Zähne des 18-jährigen Jungen strahlen im gebräunten Gesicht. Auf der Pirsch hockt er mit seinen beiden Freunden auf Holzpfeilern. Alle pfeifen vor sich hin. Stoßen sich in die Rippen, wenn wieder eine der unzweifelhaft zauberhaften Schönheiten vorbeikommt - alle im Bikini, meist mit einer riesigen Lockenmähne, immer lächelnd. "Das beste ist", meint Ilan, "dass sie nicht weglaufen können."

Die Gasse, an der Ilan und seine Kumpels sitzen, ist eine Flaniermeile. Gern zeigen die gut gebauten Menschen ihre Körper. Überall an der Straße wehen Fahnen im Wind vom Meer. Das schlägt einige Meter weiter mit hohen Wellen auf den Sand. Überall Zelte. In einem wird Yoga geübt, im nächsten Körperbemalung, noch eins weiter versuchen Ultraorthodoxe, Jünger zu finden. Die Girls und Boys, fast alle unter 25, tragen wie in einem guten Szeneclub verschiedenfarbige Armbänder.

Ilan ist nicht ganz glücklich über die Farbe seines Bandes, blau und schon ausgebleicht. Das mache viel aus hier, mosert er. Über die Farbe der Bänder wird nämlich die Reihenfolge bei der Essensausgabe geregelt. Ilan ist am Anfang dran. Und das passt ihm nicht. Die Idee mit den Bändern hat der Veranstalter von Discos übernommen. Nun kündigt er gruppenweise die Mahlzeiten für die Flüchtlinge an. Und am Ende ist das wohl das einzige, das das Camp nahe der Strandstadt Ashkelon südlich von Tel Aviv von einem All-Inklusive-Club unterscheidet.

Exodus vor den Hizbollah-Raketen

Trotz Sonnenschein und Meeresrauschen sind die Camp-Bewohner Flüchtlinge. Allesamt sind sie aus dem Norden Israels geflohen, seit Raketen der Hisbollah einschlagen. Zuerst kamen sie aus Naharia, dann aus Carmiel, dann auch aus der Hafenstadt Haifa, mittlerweile aus Tiberias. Inzwischen sind es hier 2600. Just am Montag musste der Chef des Lagers einen neuen Teil mit frischen Zelten, Toiletten und allem anderen auf den weißen Dünen gleich am Meer aufstellen.

Wer auf der Flucht aus dem Norden nahe Ashkelon strandete, darf sich freuen. Großzügig gönnte sich ein russischer Immigrant die Freundlichkeit, das Camp zu errichten. Er engagierte Ilan Faktor, sonst Rave-Party-Produzent. Der ließ sich einiges einfallen. Jeden Abend spielt eine Band, tagsüber stampft der Techno-Bass tapfer am Sandstrand. Am Freitag war sogar die israelische Version der Superstar-TV-Show zu Gast. "Man muss die Menschen ja unterhalten", meint Faktor.

Vorne am Eingang kommen gerade wieder drei Busse an, diesmal aus Haifa. Dort haben die meisten recht lange gewartet, auch nach den schweren Attacken gleich in der ersten Woche der Angriffe. Nun aber scheint die Hafenstadt eines der Lieblingsziele der Hisbollah-Kämpfer zu werden. Seit Tagen kracht es dort fast jeden Mittag. Und so verfrachten die Busse Ladung für Ladung mit Hunderttausenden Israelis aus dem Norden hierher und weiter nach Süden.

Die Regierung kann nur schätzen, dass etwa sechs Prozent der sieben Millionen Israelis in Bewegung sind. Die ersten gingen irgendwo südlich von Haifa hin, außer Reichweite der Raketen. Als dort alle Hotels, Campingplätze und Privatzimmer voll waren, zogen die nächsten weiter. Mittlerweile sind nicht nur Tel Aviv und Jerusalem komplett ausgebucht, auch in den kleineren Städten haben viele Hotels den Flüchtlingen Tür und Tor geöffnet.

Selbst das ferne Eilat, Bade- und Tauchparadies ganz weit unten am Roten Meer, sendet Alarmsignale. Hotels seien längst ausgebucht. Wer kein privates Zimmer fände, schliefe mit Hunderten anderen jede Nacht unter freiem Himmel, sagt ein Hotel-Manager am Telefon. Gute Stimmung und so manchen Joint selbstverständlich inklusive. Kommen Sie doch vorbei, sagt er zur Verabschiedung, hier unten habe sich so manches neues Paar gefunden, so habe doch alles auch sein Gutes.

Für den bulligen Camp-Chef ist die gute Stimmung mehr als nur Zufall. Schnell dekliniert er das israelische Lebensgefühl in seiner Club-Sprache durch. "Wir tanzen hier so lange, wie die Hisbollah Raketen hat", sagt er. Oder: "Wir stehen zusammen, wenn wir angegriffen werden, aber wir heben dabei die Hände in die Luft." Ilan und seine Jungs grinsen breit, sie freuen sich schon auf die Party heute Abend. Deutsches Bier gibt es dann und durchgehenden Bass, was will man mehr.

Krieg, so regelmäßig wie Naturkatastrophen

Ein bisschen Wahrheit enthalten die schlichten Sätze von Ilan Faktor. Sehr schnell wurde den Israelis klar, dass die Menschen aus dem Norden Schutz brauchen, sehr schnell entstand Solidarität. Was man aus anderen Ländern kennt, die Naturkatastrophen meistern, sieht man nun in Israel beim Krieg. Der kommt hier in ähnlich periodischen Abständen. Folglich wird der Zusammenhalt in Bunkern, den Lagern und in den vielen Privatwohnungen geradezu pathetisch zelebriert.

Womanizer Ilan ist vor sechs Tagen aus Naharia vom Norden gekommen. In der Nacht zuvor war eine Rakete ins Nachbarhaus eingeschlagen, mehrere Menschen wurden verletzt. "Am Anfang war es irgendwie noch lustig", baut er sich vor seinen Kumpels und dem Sonnenuntergang auf. Nur seine Mutter habe Angst bekommen. Nun fürchten sie um ihren Opa, der sein Haus wie viele Alte nicht verlassen wollte. Alle Stunden rufen sie ihn über ihr Mobiltelefon an. Bisher ist ihm nichts passiert.

Wann sie zurückgehen können, weiß Ilan nicht. Das meiste hat er zurückgelassen, nur eine Tasche mit dem Nötigsten hat er dabei. Seine Mutter sorgt sich um das grad abbezahlte Haus. Was passiert, wenn eine Rakete dort einschlage? Sie weiß noch nicht, dass fast alle Bewohner für diese Schäden von der Regierung oder einer der vielen privaten Stiftungen entschädigt werden. Im Gegensatz zu den Hunderttausenden Zivilsten im Libanon haben es die Menschen hier nicht nur deshalb ganz gut.

Erstmal wird sie mit ihrem Sohn einige Wochen in die Ukraine gehen, sagt die Mutter. Dort sei es sicher, meint sie. Als sie vor sechs Jahren wie viele andere Juden aus dem Norden nach Israel einwanderten, zog sich die Armee gerade aus dem Libanon zurück. So richtig verstanden hat Ilans Mutter das damals nicht. Auch heute, so sagt sie, interessiere sie Politik nicht besonders. Hauptsache, das mit den Raketen höre auf.

Ilan hingegen würde am liebsten gar nicht mehr weg hier. Früher konnte er sich das Sommer-Camp am Mittelmeer nie leisten. Mit seinen eher billigen Klamotten plus ukrainischen Akzent kam er bei den Mädels nicht so an. Heute sei das anders, meint er, außerdem könne jeder einen Partner zum Anlehnen gut gebrauchen. Vor dem Sonnenuntergang will er zumindest noch eine ansprechen. "In den Dünen bekomme ich sie fast immer herum", sagt er. Danach legt er sich wieder auf die Lauer.

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