Flüchtlinge in Libyen Das Problem liegt an Land

Libyens Küstenwache steht in der Kritik - dabei macht die Marine bei der Abwehr von Migranten im Mittelmeer nur, was die EU von ihr erwartet. Viel verheerender ist die Lage für die Flüchtlinge an Land.

Migranten in Libyen
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Migranten in Libyen

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Die Lage afrikanischer Migranten in Libyen wird immer prekärer. Kriminelle Gangs, Milizen und Schleuserbanden seien stärker denn je, warnte in dieser Woche Othman Belbeisi, Chef der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Libyen, die der Uno unterstellt ist.

Nach Angaben der IOM leben derzeit mehr als 650.000 Migranten in dem nordafrikanischen Land. Mindestens 9000 von ihnen würden in Lagern festgehalten. Ihre Zahl hat sich seit Jahresanfang mehr als verdoppelt. Das liegt daran, dass die libysche Küstenwache in den vergangenen Monaten mehr Flüchtlingsboote im Mittelmeer gestoppt hat. Ein Großteil der geretteten Insassen wird anschließend in die Gefangenenlager gesteckt.

Nach Einschätzung von IOM-Chef Belbeisi ist die Internierung in einem Lager jedoch keinesfalls das schlimmste Schicksal, das Migranten in Libyen droht. Die größte Gefahr drohe ihnen von bewaffneten Banden. "Die Menschenhändler brauchen keine Gefangenenlager. Sie ziehen durch die Straßen, schnappen sich hundert Migranten und verschleppen sie zum Arbeiten auf eine Farm", berichtet Belbeisi. "Das ist für bewaffnete Gruppen ein ganz alltägliches Geschäft."

"Die Schmugglernetzwerke werden immer stärker"

Im November 2017 hatte eine CNN-Reportage für weltweites Aufsehen gesorgt. In dem Filmbericht war zu sehen, wie nigerianische Männer für mehrere hundert Dollar auf einer Art Sklavenmarkt verkauft wurden. Laut Belbeisi gehören diese Szenen nicht nur weiterhin zum Alltag in Libyen - das Problem habe sich seit Ausstrahlung des Berichts sogar verschärft. "Die Schmugglernetzwerke werden immer stärker und sind immer besser organisiert.", sagt Belbeisi. "Wir beobachten immer häufiger, dass Migranten von einem Händler zum nächsten weiterverkauft und ohne Bezahlung zum Arbeiten gezwungen werden."

Auch aus Sicht vieler Migranten ist das Leben und Überleben in Libyen daher gefährlicher als die Überfahrt. Tausende Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer, Tausende sterben aber auch unbemerkt in der libyschen Wüste. Nur selten schaffen es Tragödien aus dem Landesinneren in die internationalen Medien, wie der Fall von acht Migranten, die Anfang der Woche in einem Kühllaster starben, in den sie von Schleppern gesperrt worden waren. Die schlechte Wirtschaftslage und die weitgehende Machtlosigkeit der Regierung führten dazu, dass die Menschenhändler immer skrupelloser würden, warnt die IOM.

Trotzdem setzt die Europäische Union bei der Lösung der Flüchtlingskrise auf Libyen. In dem Land sollten Asylzentren errichtet werden, in denen Flüchtlinge unterkommen, die aus dem Mittelmeer gerettet werden. Doch die zwar weitgehend machtlose, aber international anerkannte Regierung in Tripolis lehnt diese Auffanglager kategorisch ab. "Das wird es bei uns nicht geben", bekräftigte Premierminister Fayez Sarraj gerade erst gegenüber "Bild".

Libyens Regierungschef hat genug innenpolitische Probleme wie den Konflikt mit den Truppen des Warlords Khalifa Haftar und den Kampf gegen Terroristen der Milizen "Islamischer Staat" (IS) und al-Qaida im Magreb (AQIM). Er hat daher wenig Interesse, sich auch noch Europas Migrationsproblem aufzuhalsen.

Und ebenso wenig will sich Libyen zum Sündenbock für die Toten im Mittelmeer machen lassen. Die spanische Hilfsorganisation Proactiva Open Arms wirft der libyschen Küstenwache vor, in dieser Woche bei einem Einsatz in internationalen Gewässern zwei Frauen und ein Kind auf einem Schlauchboot im Stich gelassen zu haben. Eine Frau und das Kind starben.

Libyen hat seit Januar 12.000 Migranten gestoppt

Andere Rettungsorganisationen aus Europa beschuldigen die libysche Küstenwache, sie verkaufe die Insassen abgefangener Flüchtlingsboote für hundert Dollar pro Kopf an Menschenhändler. Außerdem berichten private Seenotretter von Drohungen der libyschen Küstenwache.

Premier Sarraj weist die Anschuldigungen zurück und verweist stattdessen auf die Anstrengungen seines Landes. Derzeit besteht seine Küstenwache aus vier alten Patrouillenbooten, die eigentlich gar nicht für die Rettung Schiffbrüchiger ausgelegt sind. Trotzdem haben die Libyer seit Jahresbeginn knapp 12.000 Bootsflüchtlinge gestoppt. Zum Vergleich: Etwa 17.000 Migranten gelangten in dieser Zeit nach Italien.

Die libysche Marine leistet also mehr und mehr das, was die EU von ihr erwartet. Das Problem liegt an Land.

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