Flüchtlingselend in Libyen "Europa schickt Menschen in die Hölle"

Sie werden gefoltert und versklavt: Die Lage der Flüchtlinge in Libyen ist katastrophal, sagt Karline Kleijer von "Ärzte ohne Grenzen". Sie fordert ein Ende der Zusammenarbeit mit dem Bürgerkriegsland.

Flüchtlingslager in Libyen (Archivbild)
REUTERS

Flüchtlingslager in Libyen (Archivbild)

Ein Interview von


Die Türkei war nur der Anfang: Die EU-Staaten setzen in der Migrationspolitik zunehmend auf eine Strategie, die Wissenschaftler als "Externalisierung" bezeichnen. Im Klartext: Sie spannen Drittstaaten für das schmutzige Geschäft der Flüchtlingsabwehr ein. Es ist dabei fast egal, ob es sich bei den Partnerländern um Halbdemokratien oder Diktaturen handelt.

Karline Kleijer hat in den vergangenen Jahren mitverfolgt, was diese Entwicklung für die Betroffenen bedeutet: Sie koordiniert für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) die Flüchtlingshilfe in Libyen. Zwar hat EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Libyen noch vor einem halben Jahr als "Hölle für Flüchtlinge" bezeichnet, trotzdem wollen die EU-Staaten in der Migrationspolitik künftig noch enger mit dem Bürgerkriegsland zusammenarbeiten.

Zur Person
  • Ngadi Ikram/ MSF
    Karline Kleijer arbeitet als Notfallkoordinatorin für die Nichtregierungsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in Amsterdam. Sie leitet derzeit das Hilfsprogramm für Flüchtlinge auf dem Mittelmeer und in Libyen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kleijer, Sie koordinieren für "Ärzte ohne Grenzen" die Flüchtlingshilfe in Libyen. Welche Erfahrungen haben Sie in dem Land gemacht?

Kleijer: Ich arbeite seit fast 20 Jahren für "Ärzte ohne Grenzen". Ich war in vielen Ländern. Doch ich habe selten so schlimme Zustände für Flüchtlinge und Migranten erlebt wie in Libyen. Sie werden dort nicht wie Menschen behandelt. Es ist schwer, in Libyen den Glauben an Menschlichkeit nicht zu verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist Libyen für Flüchtlinge sicher, wie manche EU-Staaten behaupten?

Kleijer: Libyen ist für Flüchtlinge die Hölle. Sie werden willkürlich verhaftet oder gekidnappt. Wer Glück hat, landet dann in einem Gefängnis der Regierung. Wer Pech hat, gerät in die Fänge von Menschenhändlern.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Zugang zu den Lagern in Libyen, in denen Migranten festgehalten werden. Wie sind die Bedingungen dort?

Kleijer: Die Flüchtlinge haben nichts falsch gemacht. Sie haben kein Verbrechen begangen. Trotzdem werden sie gefangen gehalten. Mehr als 70 Menschen sind zum Teil in einer einzigen Zelle eingesperrt. Sie haben nicht genügend Platz, um die Beine auszustrecken. Sie hungern. Sie können einmal die Woche duschen, wenn überhaupt. Im Sommer herrschen bis zu 45 Grad in den Zellen. Es stinkt. Ich muss jedes Mal dagegen kämpfen, mich zu übergeben, wenn ich die Gefängnisse betrete. Wir sind nur ein paar Stunden dort. Wir hören von Gewalt durch Wärter. Flüchtlinge sehen mich an und sagen: "Sie sind die erste Person, die mir hier in die Augen sieht und mich wie einen Menschen behandelt."

SPIEGEL ONLINE: Neben den offiziellen Haftanstalten der Regierung existieren Lager, die von Menschenhändlern betrieben werden. Was wissen Sie über diese Einrichtungen?

Kleijer: MSF hat zu diesen Lagern keinen Zugang, aber was wir von Flüchtlingen, die überlebt haben, hören, ist schwer zu ertragen. Die Menschenhändler halten die Flüchtlinge zum Teil über Monate oder Jahre in Warenlagern gefangen. Die Häftlinge werden geschlagen, gefoltert, vergewaltigt, als Sklaven verkauft, für Zwangsarbeit missbraucht, hingerichtet. Manchmal rufen Menschenhändler die Familien ihrer Opfer an, während sie diese foltern, um Geld zu erpressen.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die Menschen, die sich von Libyen aus auf den Weg nach Europa machen?

Kleijer: Es ist eine heterogene Gruppe: Arbeitsmigranten aus Bangladesch oder aus dem Senegal, Flüchtlinge aus Eritrea, Sudan, Nigeria, Syrien. Die Menschen wollen häufig einfach nur raus aus Libyen, aber das ist nicht so einfach. Die Flucht über das Mittelmeer ist lebensgefährlich, doch der Weg zurück ebenso. Es gibt Berichte, wonach mehr Menschen in der Wüste sterben als im Mittelmeer.

SPIEGEL ONLINE: Europa will in der Migrationspolitik künftig enger mit Libyen zusammenarbeiten. Ist das der richtige Ansatz?

Kleijer: Es ist vollkommen unverantwortlich. Wer die Tür für Migranten verschließt, muss Sorge tragen, was hinter dieser Tür geschieht. Europa schickt Menschen zurück in die Hölle - durch die finanzielle Unterstützung der libyschen Küstenwache.

SPIEGEL ONLINE: Die EU sagt, nur durch die Kooperation mit Drittstaaten wie Libyen lasse sich das Sterben im Mittelmeer beenden.

Kleijer: Auch ich würde mir wünschen, dass Flüchtlinge nicht mehr gezwungen wären, auf seeuntaugliche Boote von Schleppern zu steigen, um Europa zu erreichen. Aber die Alternative kann nicht sein, dass wir Menschen in ein Land wie Libyen deportieren, wo ihnen eine unmenschliche Behandlung droht. Libyen ist ein gescheiterter Staat. Es ist selbst für Libyer zunehmend schwierig, dort zu leben - und für Schutzsuchende erst recht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Organisation beteiligt sich an Rettungseinsätzen im Mittelmeer. Die italienische Regierung kritisiert, sie würden dadurch den Schleppern das Geschäft erleichtern.

Kleijer: Es ist billig, Nichtregierungsorganisationen zum Sündenbock für eine gescheiterte, europäische Migrationspolitik zu machen. Flüchtlinge sind gekommen, lange bevor MSF und andere Organisationen auf dem Mittelmeer im Einsatz waren. Für uns ist es keine Option, Menschen einfach sterben zu lassen. Es sollte für niemanden eine Option sein.

Video: Menschenschmuggel in Libyen

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