Flüchtlingselend in Libyen Ein Traum, der qualvoll endet

Libyen soll zum Bollwerk gegen Armutsflüchtlinge aufgerüstet werden. Doch in dem Bürgerkriegsland am Mittelmeer werden Flüchtlinge unter verheerenden Umständen weggesperrt.

Daniel Etter/ DER SPIEGEL

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Das Auffanglager liegt in einem weißen Gebäudekomplex nahe dem Zentrum von Tripolis. Zwei Kontrollpunkte der libyschen Polizei sind zu passieren. Der Gefängnisdirektor Ramadán Rais ist ein Mann mittleren Alters, unter Präsident Muammar al-Gaddafi war er Drogenfahnder. Heute bekämpft er Migranten."Was wollen die hier?," fragt Rais. "Wir haben doch schon selbst nichts zu essen."

Seit dem Sturz des Machthabers Muammar al-Gaddafi 2011 herrschen in Libyen Zustände wie im Bürgerkrieg. Das Land hat zwei Regierungen und drei verschiedene Machtzentren, die sich bekämpfen. Die rund 700.000 Flüchtlinge aus Nigeria, Niger, Somalia, Sudan, Äthiopien und Eritrea sind in dem Chaos alles andere als willkommen und werden in gefängnisähnlichen Zentren eingesperrt.

Trotzdem will die EU künftig enger mit den Behörden in Libyen zusammenarbeiten, um die Zahl der Migranten, die übers Mittelmeerkommen, einzudämmen. Etwa 200.000 Menschen aus Afrika erreichen jedes Jahr die italienische Küste. Sie sollen zurückgeschickt werden. Völlig unklar ist, wie Europa in Libyen Menschenrechtsstandards, medizinische Versorgung und Ernährung der entkräfteten Flüchtlinge sichern will. Wegen der Kämpfe wagt sich kaum eine Hilfsorganisation in das Land.

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Flüchtlingselend in Libyen: Geschlagen, vergewaltigt, ausgebeutet

Gefängnisdirektor Rais geht über den Hof, vorbei an der Gefängnisküche. Ein Koch rührt in meterhohen Bottichen. Weizennudeln schwimmen in trübem Wasser, Weizennudeln gibt es morgen wieder, so wie gestern und vorgestern. Dazu erhalten die Inhaftierten Wasser, sonst nichts. Der Staat hat kein Geld für die Versorgung von Flüchtlingen, sagt Rais.

Der Gefängnischef öffnet das Schloss vor einem schweren Stahlgitter. Dahinter kauern etwa 350 Männer auf dem Fußboden. Die meisten sind jung, manche noch halbe Kinder, ausgemergelt und dürr, Schorfwunden auf der Haut. Die Krätze geht um, einige leiden an Tuberkulose. Ab und zu kommt der Arzt einer internationalen Organisation vorbei, um die schwersten Fälle zu behandeln. Doch die örtlichen Krankenhäuser weigern sich fast immer, mittellose Migranten aufzunehmen.

Die Menschen, so sagt Rais, könnten noch von Glück reden, hier gelandet zu sein: "Viele sterben doch entweder in der Sahara oder auf dem Meer." Die meisten Inhaftierten wurden von Sicherheitskräften auf der Straße aufgegriffen, oder die Küstenwache hat sie von einem sinkenden Boot aus dem Meer gezogen.

Der nigerianische Hilfslehrer Osaikhuwunuomwan Goodness Alex, 22, ist einer dieser Unglücklichen. Er sei "durch die Hölle gegangen", um am Ende in Libyen in einem Gefängnis zu landen, sagt der junge Mann. Nach der Abschiebung, zurück in Nigeria, schrieb er seine Geschichte auf und schickte sie an SPIEGEL ONLINE.

"In Europa haben sie alles, was du willst"

Die Odyssee beginnt immer auf die gleiche Weise, irgendwo in Afrika. Ein Fremder zeigt Prospekte herum. Das sind die Werber. Auf ihren Bildern ist das Leben der Deutschen zu sehen: Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, Straßen, Autos. "Alles kostenlos", sagt der Werber, "in Europa haben sie alles, was du willst." Einmal nur müsse der Kunde bezahlen, für die Reise durch die Sahara nach Libyen und die Überfahrt nach Italien.

Dann, so sagen sie, übernehmen die Europäer, mit ihren funktionierenden Organisationen und effektiven Staatsystemen. Selbst den Ärmsten würden die besten Möglichkeiten zur Verfügung gestellt, schwärmen die Werber.

Für umgerechnet 30 bis 40 Euro Vermittlungsgebühr reichen sie Reisewillige an Schlepper weiter. Es ist der Anfang der langen Kette des Menschenschmuggels durch die Sahara, ein gefährlicher Trip, in dessen Verlauf immer neue Zahlungen fällig werden.

Frauen erzählen von Erniedrigungen, sexuellen Übergriffen, Unterernährung

Kaum eine der Frauen schafft es nach Libyen, ohne auf dem Weg vergewaltigt zu werden. Weibliche Flüchtlinge arbeiten ihre Passage oft bei einem Schlepper ab, ganz junge Mädchen bleiben dann monatelang in dessen Besitz, oder sogar Jahre.

Im Frauentrakt des Internierungslager von Sabratha berichten weibliche Häftlinge, wie sie in Libyen von der Polizei aufgegriffen wurden, sie erzählen von Schlägen und Erniedrigungen, sexuellen Übergriffen und Unterernährung. Man gebe ihnen ausschließlich Weißbrot zu essen und oft Salzwasser zu trinken, behauptet eine junge Frau aus Eritrea und hält den gefüllten Becher hin. Das Wasser schmeckt salzig.

Ein Wächter betritt den Raum, die Frau verstummt und flüstert zum Abschied: "Wenn ihr draußen seid, schlagen sie uns wieder, weil wir gesprochen haben."


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k-d.hollbecher 12.02.2017
1. Europa ist nicht die Lösung
Wenn es so furchtbar ist, sollten die Menschen nicht nach Lybien gehen. Vielleicht ist es zu Hause nicht so schlimm.
goodandbadnews 12.02.2017
2. es tut weh
Ganz vielleicht würde eine Art Extraterritoralgebiet auf dem afrikanischen Kontinent,aber unter UNO Leitung/europäischer Leitung helfen,wo die Menschen auf jeden Fall sicher sein sollten und anständig behandelt werden.Dort könnte direkt geprüft werden,wer eine reelle Chance in Europa oder anderen Kontinenten hat/bzw.wegen pol.Verfolgung bekommen sollte.Die Bilder tun weh,bes.,wenn man die kl.Kinder sieht.
alleswirdbesser 12.02.2017
3. Hauptsache
Hauptsache, Libyen hat jetzt "Demokratie" - das Chaos, sprich die Flüchtlingswelle, wurde ja von dem "bösen" Gaddhafi minutiös vorhergesagt. Aber Hauptsache unter der Vorherrschaft der USA, F, GB und schließlich Italien "Demokratie" exportieren, das Land in Schutt und Asche legen. Libyen war einmal das entwickelste und reichste Land ganz Afrikas - und zwar für alle dort lebenden Menschen: vorbildliches Gesundheitssystem, etc. etc. Und jetzt belasten wir das Land auch noch mit den Folgen unserer "Demokratisierungsbemühungen". Die westlichen Politiker sollten sich schämen.
tpro 12.02.2017
4.
Zitat von goodandbadnewsGanz vielleicht würde eine Art Extraterritoralgebiet auf dem afrikanischen Kontinent,aber unter UNO Leitung/europäischer Leitung helfen,wo die Menschen auf jeden Fall sicher sein sollten und anständig behandelt werden.Dort könnte direkt geprüft werden,wer eine reelle Chance in Europa oder anderen Kontinenten hat/bzw.wegen pol.Verfolgung bekommen sollte.Die Bilder tun weh,bes.,wenn man die kl.Kinder sieht.
"...Die Bilder tun weh,bes.,wenn man die kl.Kinder sieht..." Deshalb werden sie auch gezeigt. Die Mehrheit in den Lagern dürften aber junge Männer sein, die keine Lust mehr haben in ihren Herkunftsländern Schafe zu hüten. Die machen natürlich in den Medien nichts her. http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-02/libyen-fluechtlinge-grenzschutz-kontrolle-eu-gipfel
C. V. Neuves 12.02.2017
5.
Das exponentielle Wachstum der Anzahl der Menschen auf der Erde führt zwangsweise zu einem Verdrängungswettbewerb - und hier sind wir nun. Das sieht sehr unschön aus, nur effektiv lässt sich sehr wenig machen. Theoretisch können wir die Akademiker abkremen wie es auch von anderen Staaten getan wird, und dann sagen "schaut so toll sind wir", nur reduziert das die Chancen auf irgendeine Besserung in Afrika noch mehr.
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