Vertraulicher Report EU beklagt erschütternde Zustände in libyschen Flüchtlingslagern

Überfüllt, karg, dreckig: Ein EU-Protokoll, das dem SPIEGEL vorliegt, dokumentiert die unwürdigen Bedingungen in libyschen Flüchtlingslagern. Tausende Menschen sind hier interniert.

Illegale Flüchtlinge in einem libyschen Lager
AFP

Illegale Flüchtlinge in einem libyschen Lager


In libyschen Internierungslagern für Flüchtlinge herrschen menschenverachtende Zustände. Das bestätigt ein vertrauliches Besuchsprotokoll, das EU-Diplomaten nach ihrer Visite im Flüchtlingslager Tarek al-Sika in Tripolis an die Brüsseler Zentrale geschickt haben. Das Protokoll liegt dem SPIEGEL vor. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

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"Der Zustand bestätigt die Erwartungen - schlechte sanitäre Verhältnisse, vom Platz her und der Hygiene ungeeignet, um über tausend Flüchtlinge in Haft zu halten", heißt es darin. Die Lebensbedingungen seien äußerst karg - "und die kleine Stelle zur Arzneimittelausgabe ist ein trauriger Anblick".

Der Zustand in den Lagern war in der Vergangenheit immer wieder von Flüchtlingshelfern und Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen kritisiert worden (Lesen Sie hier ein Interview mit dem Deutschlandchef von Ärzte ohne Grenzen zu den Bedingungen in Libyen und auf dem Mittelmeer). Deutsche Diplomaten sprachen bereits von "KZ-ähnlichen" Zuständen.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hatte zuletzt gefordert, von der Europäischen Union oder den Vereinten Nationen betriebene Flüchtlingslager in Libyen einzurichten, um zu verhindern, dass die Zahl der Migranten, die über das Mittelmeer nach Italien kommen, weiter steigt. SPD-Parteichef Martin Schulz hält solche Lager dagegen aktuell "für nicht machbar".

Auch der Vorsitzende Chef des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament, David McAllister (CDU), lehnt Lager in Libyen ab, kann sich aber Registrierungsstellen für Flüchtlinge in angrenzenden Ländern wie Niger und Tschad vorstellen. Die EU plant derzeit keine eigenen Einrichtungen in Nordafrika, sie prüft aber eine Hilfsmission, um Libyen dabei zu unterstützen, seine südliche Grenze zu sichern.

"Wir wollen nur noch zurück nach Hause"

Die EU-Diplomaten protokollierten auch Gespräche mit Flüchtlingen im Internierungslager Tarek al-Sika. Viele von ihnen sind seit Monaten dort eingesperrt, manche bereits länger als ein Jahr. Die Migranten berichten von Misshandlungen auf ihrer Reise in den Norden Afrikas, viele hatten ihre wenigen Habseligkeiten längst verloren, bevor sie in dem Lager strandeten: Geld, Handy, Pass.

Libysche Gesprächspartner berichteten den EU-Besuchern, dass manche Flüchtlinge in inoffiziellen Lagern oft so lange festgehalten würden, bis sie Lösegeld zahlten. "Migranten werden offenbar manchmal sogar zwischen den Lagern hin und her verkauft", heißt es in dem Bericht von Mitte April.

Viele der Flüchtlinge bereuen nach Angaben der EU-Diplomaten mittlerweile ihre Reise in den Norden. "Wir waren wohl verwirrt", antwortete eine Chemielehrerin aus Nigeria auf die Frage, warum sie ihre drei Kinder zurückgelassen habe, um sich auf die gefährliche Fahrt zu machen. "Wir wollen nur noch zurück nach Hause", sagte ein anderer.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - diese Woche bereits ab Donnerstagmorgen erhältlich.

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pm

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